Der Blick in ein Zimmer einer Wohnung vom Typ WBS 70 in einem Plattenbau aus dem Jahre 1986. Foto: dpa/Florian Schuh

Was Sprache angeht, war die DDR ziemlich erfinderisch. Um bloß nicht „Hotdog“ oder „Burger“ sagen zu müssen, wurden Wörter wie „Ketwurst“ und „Grilletta“ erfunden. So konnte die Sprechweise des Klassenfeindes vermieden werden. Die Kunstwörter haben sich durchgesetzt, sie halten sogar bis heute.

Bei traditionell kirchlichem Vokabular waren die Genossen weniger erfolgreich: die „Erdmöbel“ und die „Jahresendfiguren’“ haben es auch im Osten nicht geschafft, dass Särge und Engel verschwinden. Allenfalls blieb der Spott über das alberne Unterfangen.

Es gibt aber eine Sprachregelung, mit der sich die DDR voll durchgesetzt hat: die „Zweiraumwohnung“ (genauso auch die Drei-Vier-Fünf-„Raum“-Wohnung). Üblich war vorher, auch im Osten, die So-und-soviel-„Zimmer“-Wohnung. Und plötzlich wurde in den Medien, in der öffentlichen Rhetorik nur noch von „Raum“-Wohnungen gesprochen! Was war geschehen?

Bis 1990 sollten 3 Millionen Wohnungen gebaut werden

Es ging um höchste Staatspolitik. Das größte sozial-politische Projekt der DDR war die „Lösung der Wohnungsfrage“: also die Bemühung des SED-Staates, angesichts der verfallenden Altbausubstanz ausreichend Wohnraum zu schaffen: Neubauwohnungen. Auf der 10. Tagung im Oktober 1973 hatte die SED das Wohnungsbauprogramm beschlossen, bis 1990 sollten 2,8 bis 3 Millionen Wohnungen gebaut werden, um die Wohnungsnot zu lindern.  Aber es klappte nicht. Schon Ende der 70er-Jahre gab es zunehmend Probleme, die Ziele mussten „angepasst“ werden.

Dafür wurde die Bauausführung immer mehr vereinfacht: Wasseranschlüsse aus Gummi, Überputzkabel aus Aluminium, Türen ohne Rahmen. Auch die Raumaufteilung wurde geändert, indem einfach größere Zimmer mit einer Platte halbiert wurden. So wurde z. B. aus einer Dreiraumwohnung eine Zwei-und-zwei-halbe-Zimmer-Wohnung. Die ursprüngliche Zielsetzung bei der Lösung der Wohnungsfrage als „sozialer Frage“ wurde umgedreht. Nicht mehr: jedem „seine“ Wohnung, sondern – wenigstens – jedem „eine“ Wohnung. Deren Größe sollte nicht mehr so eine Rolle spielen.

Damit aber nicht so auffiel,,wie klein die Wohnungen waren, die man den Leuten zuteilen konnte (Wohnungen wurden in der DDR „zugeteilt“ oder aber getauscht), musste das Vokabular angepasst werden. Denn man konnte eine „Anderthalb-Zimmer-Wohnung“ schlecht Zwei-„Zimmer“-Wohnung“ nennen, wenn die Stuben nur 18 und 11 Quadratmeter groß waren. Aber Zwei-„Raum“-Wohnung – das ging! So war es auch bei den anderen Wohnungen. Eine der beliebtesten Neubauwohnungen war die Serie „WBS70“, sie wurde fast 650.000mal gebaut.

Es gab Varianten, eine gängige Vierraumwohnung  hatte 20, 16, 11 und 9 Quadratmeter, insgesamt immerhin über 70 Quadratmeter. Wie gesagt: wirklich eine klassische „Vierraumwohnung“, Vierzimmerwohnung aber wirklich nicht.

Wo die Sprachregelungen diktiert wurden

Außerdem gab es – wie für alles in Deutschland – Normen (DIN, in der DDR entsprechende TGL), auch über die Wohnflächen. Darin war geregelt, dass Zimmer mindestens 10 Quadratmeter haben sollten, halbe Zimmer 6 bis 10 Quadratmeter (DIN 283). Im Juli 1981 kam übrigens in der DDR die TGL 9552/01 heraus, in der eine solche Größen-Definition fehlte.

Seit dieser Zeit machte die Raum-Wohnung Karriere. Man möchte heute fragen: Wer hat das beschlossen? Wo steht das? Natürlich gibt es für sowas keinen (gar öffentlichen) Beschluss, das sind interne Absprachen. Und wie werden die durchgesetzt, „umgesetzt“ sagt man heute?

Ich war selber 1977 bis 1989 Journalist, später auch Kollegiumsmitglied der „Neuen Zeit“. Immer donnerstags mussten die Chefredakteure der sogenannten Blockpresse, also aller zentralen Zeitungen außer dem „Neuen Deutschland“ beim Leiter des Presseamtes der DDR, Dr. Blecha, vorsprechen und bekamen verbindliche Anleitungen. Die waren nie schriftlich, sondern nur zum Mitschreiben.

In den Redaktionen wurden dann anhand der persönlichen Notizen für alle Ressortchefs die entsprechenden Hinweise, Sprachregelungen etc. zu Papier gebracht: Was zu beachten ist, worüber nichts kommen darf, wie etwas gesagt werden muss und ähnliches.

Die Zweiraumwohnung war dabei sicherlich ein Meisterstück der Sprachregelung. Dass sich dieser Sprachgebrauch einmal gesamtdeutsch durchsetzen würde, war nicht vorherzusehen. Heute stört das alles nicht, muss es auch nicht. Man darf es aber wissen.

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