Im August 1986: Ein Mann trägt Milcheimer auf einem Zeltplatz in Radeburg. Imago/Werner Schulze

Rein ins Internet, Hotel aussuchen, buchen, schnell zum Flughafen und ab in die Ferien: Heute ist Urlaubsplanung so einfach. Und deshalb ist Reisen für viele auch austauschbarer geworden. Zu DDR-Zeiten war das anders. Die raren Urlaubsplätze verlangten lange Planung. Der Trip nach Ungarn – unvergesslich. Der Campingplatz an der Ostsee – ein Traumziel. Dem Reisen in der DDR widmet sich jetzt die neue digitale Plattform des in Eisenhüttenstadt beheimateten Museums Utopie und Alltag, die auf Bürgerwissen setzt, als Grundlage eines interaktiven Archivs. Gesucht werden Ihre Geschichten von damals. 

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Mit dem Stern Camping Radio auf der Schwalbe raus aufs Land, zum nächsten See oder bis an die Ostsee: Bei solchen Ausflügen begleiteten den DDR-Bürger ein knatterndes Geräusch und markanter Gestank. Mit dabei war auch nicht selten eine Platz sparende Plastikbüchse für zwei Eier, inklusive Löffel und Salzstreuer.

„So eine Eierdose habe ich noch von meiner Oma. Das unverwüstliche Utensil war bei jedem Ausflug mit dem Zug dabei und kam erneut zum Einsatz, als meine Kinder klein waren“, erinnert sich jemand aus Berlin. Notiert hat er oder sie diese Erinnerungen auf der neuen digitalen Plattform.

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Das Museum zeigt 170.000 Objekte der DDR-Alltagskultur

„Wir öffnen unsere Depots und bieten Besuchern in der Corona-Pandemie die Gelegenheit, unsere Sammlungen digital zu entdecken“, erzählt Sabrina Kotzian, Projektleiterin für das neue Angebot. Das Museum Utopie und Alltag  vereint rund 170.000 Objekte im Dokumentationszentrum DDR-Alltagskultur in Eisenhüttenstadt sowie etwa 18.500 Gemälde, Plastiken und Installationen aus DDR-Zeiten im Kunstarchiv Beeskow.

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So stylisch konnte die DDR sein: ein Stern Camping Radio Utopie und Alltag

Nicht nur die Dinge und Kunstwerke selbst seien interessant, sondern auch die Geschichten dahinter, sagt Kotzian. „Gerade die Alltagsgegenstände stecken voller Erinnerungen: Wie wurden sie genutzt, taugten sie im Gebrauch etwas, waren sie eher Mangelware? Solche Informationen wollen wir jetzt ebenfalls sammeln“. Nur so lasse sich Jahrzehnte später nachvollziehen, wie das Leben in der DDR gewesen sei.

„Im Jahr 1980 gingen meine Frau und ich auf unsere erste große, also wirklich weite Reise. Wir fuhren mit dem Freundschaftszug nach Odessa und nach Kiew“, erzählt ein Bertold L. auf der Internetseite. „In unserer Zeitung des Kreises Teterow, der ‚Freien Erde‘ wurde darüber in einer Artikelserie berichtet. Unseren Kindern brachten wir von dort Matroschkas mit und russisches Konfekt.“

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Das Faltboot Randfichte: Museumsmitarbeiterin Sabrina Kotzian inmitten der DDR-Ausstellung. dpa/Pleul

Wer etwas über die Alltagskultur in der DDR erfahren wolle, müsse ins Museum Utopie und Alltag. Aber weil das in Corona-Zeiten nicht immer ganz einfach sei, habe das Museum die digitale Plattform entwickelt, sagt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD). „Eine großartige Idee. Das Doppel-Museum ist bundesweit einzigartig und leistet einen außergewöhnlichen Beitrag bei der Bewahrung und Erforschung der Alltags- und Kunstgeschichte der DDR.“ Das Kulturministerium unterstützt das Dokumentationszentrum jährlich mit 150.000 Euro, das Kunstarchiv mit 168.000 Euro.

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Vom Campingradio der Marke Stern bis zum Wanderkocher Piccolo

Unter der Überschrift „Von Dingen und Menschen, die uns etwas erzählen“ finden sich auf der Plattform rund 100 Objekte zum Thema Reisen, zu DDR-Zeiten eine eher heikle Angelegenheit, wenn es ins Ausland gehen sollte: Die Reisefreiheit war stark eingeschränkt, in den Westen durften DDR-Bürger in der Regel erst als Rentner, auch Ausflüge gen Osteuropa mussten meist beantragt werden. Camping im eigenen Land stand hoch im Kurs, da Ferienplätze in Erholungsheimen rar waren.

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Zum Beispiel ein Campingradio der Marke Stern, ein Kulturbeutel der DDR-Fluggesellschaft Interflug, ein Wanderkocher Piccolo, eine Matroschka, ein Verzeichnis der Campingplatze der Tschechoslowakei oder Werke von DDR-Künstlern, die früher in DDR-Ferienheimen hingen, sollen Nutzer der Plattform dazu anregen, aufzuschreiben, was sie damit noch heute verbinden. Bisher noch ein Manko: Sie können nicht direkt miteinander agieren oder Beiträge anderer kommentieren. „Da müssen wir noch Datenschutz-Grundsätze berücksichtigen“, berichtet die Projektleiterin. Weitere Themen etwa zum DDR-Design oder auch zu Spielen und Spielsachen sind in Vorbereitung.

Auch heute noch begehrt: Ein Moped der Marke Schwalbe. Imago/jmfoto

Die gesammelten Geschichten, Fotos der Plattform-Nutzer und deren Reiseerinnerungen sollen in eine neue Sonderausstellung im Dok-Zentrum Eisenhüttenstadt einfließen. Unter dem Titel „Transnationaler Tourismus im Ost-Block“ geht es dann um die „Grenze der Freundschaft“ zwischen Polen, der DDR und der ehemaligen CSSR. „Zwischen 1972 und der Wende bestand zwischen diesen drei Ländern ein freizügiges Reiseabkommen ohne die Notwendigkeit von Visa“, erklärt die Museumsmitarbeiterin. Was nicht ganz stimmt: Die Visafreiheit bei Reisen aus der DDR nach Polen wurde wegen des Aufkommens von Solidarnosz 1980 beendet.

DDR-Bürger sollen im Internet ihre Geschichten von damals erzählen

Bis dahin hofft sie auf eine rege Beteiligung auf der digitalen Plattform, die seit November vergangenen Jahres nutzbar ist. Prominente wie den Filmkritiker Knut Elstermann und die Schriftstellerin Marion Brasch konnte die Projektleiterin bereits dafür gewinnen, ihre eigenen Erinnerungen zu beschreiben.

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Arne Lindemann vom Brandenburger Museumsverband sagt: „In Eisenhüttenstadt und Beeskow werden neue Wege beschritten, um mit dem Publikum zu kommunizieren und die Sammlungen digital zu entdecken. Ein tolles Projekt, für das ich mir Nachahmer in weiteren Museen des Landes wünsche.“ Er ist gespannt auf die möglicherweise neuen Erkenntnisse im Zusammenhang mit der DDR-Geschichte. Das geht auch Projektleiterin Kotzian so. „Mich interessiert, welche Gebrauchsgegenstände es auch über die Wende geschafft haben, welche inzwischen sogar Kult sind“, sagt sie.