Norbert Raeder steht an dem leeren Tresen seiner Event-Kneipe, die seit acht Monaten geschlossen hat. Foto: Sabine Gudath

Norbert Raeder (51) sitzt allein in einem Tanzsaal und blickt müde auf das Parkett. Vor einem Jahr um die gleiche Zeit haben hier seine Gäste bei Oldie- und Schlagerabenden, Karaoke und Live-Konzerten bis zum Morgengrauen gefeiert. Doch seit acht Monaten ist es still geworden im Kastanienwäldchen. Die Corona-Krise hat die Event-Gaststätte komplett lahmgelegt. Seitdem versucht Raeder verzweifelt, seine Existenz und auch die seiner drei Mitarbeiter zu retten, und scheitert dabei immer wieder an den Auflagen der Politik.

Der verwaiste Tanzsaal des Kastanienwäldchens.
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In diesem Außenbereich durfte Norbert Raeder seine Gäste im Sommer empfangen. Die Kneipe darf er seit acht Monaten nicht wieder öffnen.
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„Ich bin mit meinen Nerven am Ende und weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Norbert Raeder, der sonst sehr pragmatisch ist und fast immer für alles eine Lösung weiß.  Auch bei seinen Mitmenschen. Seit Jahren engagiert er sich für wohnungslose Menschen in seinem Kiez. Nun hat er selbst existenzielle Sorgen. Seit 21 Jahren betreibt er sein Kastanienwäldchen an der Residenzstraße in Reinickendorf und weiß nicht, ob er es trotz aller Anstrengungen schafft, es durch die Pandemie zu bringen.

Am 13. März musste er wie alle anderen Clubs und Gaststätten der Stadt schließen und konnte seitdem noch nicht ein einziges Mal wieder öffnen. Die Wirte hat es hart getroffen und Raeder noch viel mehr, weil er weniger von Speisen, sondern von Veranstaltungen lebt. Doch sein Schicksal ist nur eines von vielen der Stadt. Laut Aussagen des Gastronomieverbands Dehoga steht derzeit etwa jede dritte Gaststätte in Berlin vor dem Aus.

Die neue Küche hat Norbert Raeder 13.000 Euro gekostet. Nutzen konnte er sie noch nicht.
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Aus der Not heraus entwickelte Raeder, der nicht nur Wirt ist, sondern auch seit 14 Jahren als parteiloses Mitglied für die CDU als Abgeordneter in der Bezirksverordnetenversammlung von Reinickendorf sitzt, im Mai ein Krisen-Konzept. Da er drinnen nicht öffnen durfte, setzte er auf seinen Außenbereich mit fünf Tischen im Hinterhof. Dort versuchte er, seinen Gästen wenigstens ein kleines Programm mit einmal wöchentlich zwei Stunden Livemusik zu bieten. Damit hoffte er, sich über den Sommer zu retten.

„Ich habe viel Stammpublikum, die Geselligkeit und Gemeinschaft mögen“, sagt er. Viele kommen auch wegen Raeder selbst. Er ist hilfsbereit und wirkt mit seinem Schnauzbart und seinen kinnlangen Haaren irgendwie bodenständig. Zum Sommer machte er aus seiner Kneipe einen Eisladen und stellte Frozen Yoghurt mit Smarties, Erdbeersauce oder Gummibärchen her. Doch Raeders Umsatz brach trotzdem um 95 Prozent ein. „Mein Tagesumsatz lag an guten Tagen bei etwas über 100 Euro“, sagt er. 

Doch Norbert Raeder ist kein Mensch, der schnell aufgibt. Zum Herbst entwickelte er einen neuen Plan. Von seinen letzten Ersparnissen baute er den Raucherraum seiner Kneipe für rund 13.000 Euro in eine Küche um. Um seine Einnahmen zu steigern, wollte er nun Hamburger selbst herstellen. Einer seiner DJs sollte künftig am Herd stehen und die Buletten braten. Aber schon die Bürokratie kostete ihn viel Kraft. „Es hat vier Monate gedauert, bis ich von den Behörden die Genehmigung für die neue Küche im Briefkasten hatte“, sagt er. Tragisch: Ausgerechnet am Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel den zweiten Lockdown verkündete, ist das Schreiben angekommen.

Teure Investitionen in Heizpilze und eine neue Küche

Die Küche ist nicht die einzige Investition, die Norbert Raeder wagte, bevor er wieder „komplett handlungsunfähig wurde“, wie er es nennt. Er schaffte drei Heizpilze und mehrere Gasflaschen an sowie ein Zelt für den Außenbereich, den er auch im Winter öffnen wollte, damit die Gäste dort ihre Burger verzehren können. „Umgerechnet waren das auch noch mal 2000 Euro“, erklärt der Wirt.

Den Herd in seiner Küche hat er noch nicht einmal benutzt und im neuen Zelt ist heute sein Vater der einzige Gast. Der einzige Hoffnungsschimmer, den Norbert Raeder noch antreibt, sind die vom Bund versprochenen Corona-Hilfen, die 75 Prozent des Vorjahresumsatzes im November betragen sollen. Schon in wenigen Tagen könnten die ersten Abschlagszahlungen fließen. Doch für Raeder ist das wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Selbst wenn die Zahlung kommt, wissen wir nicht, wie es in den kommenden Monaten weitergeht.“ Das Schlimmste sei für ihn die Perspektivlosigkeit. 

Drei Tage nach dem zweiten Lockdown hat Norbert Raeder einen Crêpes-Stand vor seinem Kastanienwäldchen aufgebaut und bietet jetzt an sieben Tagen in der Woche ab 14 Uhr die süßen bretonischen Pfannkuchen mit Nutella, Kinderriegel, Erdbeermarmelade oder Zimt und Zucker zum Mitnehmen an. „Ich muss versuchen, meine letzten drei Mitarbeiter zu halten“, sagt er. Von seiner Toilettenfrau und den DJs musste er sich schon trennen. Der Crêpes-Verkauf bringt ein bisschen Rest-Leben in sein Kastanienwäldchen. „Schöner wäre es, wenn man die Crêpes gemeinsam an einem Tisch genießen könnte“, meint Raeder. Er braucht viele Menschen um sich herum. Jedes Jahr an Heiligabend hatte er sein „Wäldchen“, wie er es liebevoll nennt, für obdachlose Menschen geöffnet, damit sie nicht allein sind. Deshalb ist seine Kneipe besonders für einsame Menschen zu einem wichtigen Ort in der anonymen Großstadt geworden. Ein Halt, der in der Corona-Krise gebrochen ist.

Aber selbst in seiner eigenen Not denkt Raeder an Menschen, denen es noch schlechter geht als ihm. Er sammelt Winterkleidung für Obdachlose. Täglich von 16 bis 18 Uhr können warme Jacken, Mützen, Handschuhe und Pullover bei ihm abgegeben werden. Ab Totensonntag soll es dann auch in der Krise weihnachtlich werden. Dann soll das Kastanienwäldchen wie in jedem Jahr mit Lichtern und viel Deko geschmückt werden. An seinem Crêpe-Stand sollen dann auch weihnachtliche Lieder erklingen. „Damit wir wenigstens ein bisschen Freude haben“ sagt Norbert Raeder. Ein wenig Hoffnung hat er noch.