Erleichtert über den verschobenen Start des Präsenzunterrichts: Karina Jehniche, Direktorin der Christian-Morgenstern-Schule.
Foto: Markus Wächter

Karina Jehniche klingt erleichtert am Telefon. Sie ist die Direktorin der Christian-Morgenstern-Grundschule in Spandau und hat gerade erfahren, dass die schrittweise Öffnung der Berliner Schulen verschoben wird. Neuer Starttermin ist nun voraussichtlich der 25. Januar, trotz des Lockdowns wegen der Corona-Pandemie. „Ich finde das gut und richtig“, sagt Jehniche zu der Entscheidung, die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Freitagabend bestätigte. Ursprünglich hätte bereits in der kommenden Woche schrittweise der Präsenzunterricht wieder aufgenommen werden sollen, zunächst für die Abschlussjahrgänge. Nun bleibt es vorerst beim angeleiteten Lernen zu Hause, beim Homeschooling.

Wenn es nach der Spandauer Direktorin ginge, sollten ihre Schüler sogar bis zum Beginn der Winterferien daheim unterrichtet werden. Die beginnen am 1. Februar. „In der letzten Woche vor den Ferien passiert ja ohnehin nicht mehr viel“, sagt Jehniche.

Die Christian-Morgenstern-Grundschule ist eine Brennpunktschule. Sie liegt im Hochhausviertel Heerstraße Nord. In Spandau also, wo die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner gerechnet bei 245 ist. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz liegt damit weit über dem Berliner Durchschnitt. Zuletzt stieg der Spandauer Wert sogar um 13 Prozent. „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust“, sagt Karina Jehniche. „Einerseits wäre es nötig, dass die Schüler Präsenzunterricht erhalten. Andererseits wäre das unverantwortlich.“

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Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund ist an der Morgenstern-Schule extrem hoch. Während des ersten Lockdowns musste Direktorin Jehniche feststellen, dass die Schüler ihre Wohnungen so gut wie gar nicht verließen, weil die Eltern unsicher waren, nicht wussten, wie sie mit der Corona-Pandemie umgehen sollten, fürchteten, sich anzustecken. „Wir waren erschrocken, wie blass die Kinder waren, als sie nach der Öffnung zu uns kamen“, sagt Karina Jehniche.

Das ist die eine Konsequenz des verschobenen Starts, die negative. Die positive ist der Schutz der Gesundheit, sagt Jehniche. „An Schulen in der Nachbarschaft gab es Fälle, in denen Ehepartner von Lehrern gestorben sind, das spricht sich natürlich herum.“ Sie hat eine starke Verunsicherung im Kollegium festgestellt, unter Lehrern und Erziehern. „Viele sorgen sich, dass sie ihre Angehörigen anstecken könnten.“

„Homeschooling ist angesichts der Infektionszahlen die beste Lösung“

Wegen der großen Angst der Eltern, sagt Jehniche, „gehe ich davon aus, dass viele ihre Kinder zu uns schicken würden, wenn wir wieder geöffnet hätten. Homeschooling ist in dieser Situation, angesichts der steigenden Infektionszahlen, die beste Lösung.“

Das findet auch Robert Rauh. Er ist Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik am Barnim-Gymnasium in Lichtenberg, Lehrer des Jahres 2013 und Initiator des Projekts Ideen für eine bessere Schule. Rauh sagt: „Ich bin froh, dass der massive Widerstand Wirkung gezeigt hat und die schrittweise Öffnung der Schulen vorerst gestoppt ist.“ Unter anderem hatte die Hans-Litten-Schule am Freitagmorgen in einem Brandbrief den Regierenden Bürgermeister Michael Müller an dessen Aufforderung erinnert, die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, was mit einem Präsenzunterricht nicht vereinbar sei.

An der Hans-Litten-Schule wie auch am Barnim-Gymnasium hätten am Montag, 11. Januar, die ersten Jugendlichen am Präsenzunterricht teilnehmen müssen, die Abschlussklassen. Diese werden jetzt weiter digital auf die Prüfungsphase vorbereitet, nicht im Lernraum Berlin, der zuletzt wegen technischer Probleme auf sich aufmerksam gemacht hatte. Das Barnim-Gymnasium bedient sich stattdessen einer Lern-Cloud.

Ähnlich wie Direktorin Jehniche spürte Lehrer Rauh die Verunsicherung förmlich auf den Gängen seines Gymnasiums. „Das war komplett anders als nach dem ersten Lockdown und der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichtes“, sagt Rauh. „Mich haben in den zurückliegenden Tagen besorgte Kollegen und Eltern angeschrieben. Die Ängste haben zugenommen, weil mittlerweile jeder jemanden kennt, der sich mit dem Coronavirus infiziert hat.“ Präsenzunterricht in der jetzigen Phase sei unverantwortlich gewesen, ungeachtet aller Belastungen, zu denen Homeschooling für Eltern und Kinder führen könnte.

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Und wie geht es nun weiter? „Schon jetzt sollte die Diskussion beginnen, wie der Mittlere Schulabschluss und das Abitur ablaufen sollen“, sagt Rauh. „Um Eltern und Lehrkräften und vor allem den Schülern den Druck zu nehmen, sollten die Abschlussjahrgänge die Möglichkeit haben, das Schuljahr nachzuholen, als freiwilliges Ersatzjahr.“

„Das Absurde ist“, sagt Lina Natterer von der Thomas-Mann-Schule in Reinickendorf, „dass zuerst die Abschlussjahrgänge in den Präsenzunterricht zurückkehren sollten. Dabei sind es doch gerade diese Schülerinnen und Schüler, die mit dem digitalen Lernen am besten zurechtkommen.“ Dagegen hätten die Grundschüler die weitaus größeren Probleme beim Homeschooling.

In Natterers Kollegium hatte es zuletzt einen regen Austausch von E-Mails und Kurznachrichten gegeben. Die Reinickendorfer Schulen hatten sich zuvor an Senatorin Scheeres gewandt mit der Bitte, die Öffnung auf den 31. Januar zu verschieben. „Wir haben aber sehr schnell darauf eine abschlägige Antwort erhalten“, erzählt Natterer.

Das Kollegium der Thomas-Mann-Schule versuchte daraufhin, eine Strategie zu finden, um den frühzeitigen Präsenzunterricht im Lockdown dennoch abzuwenden. „Wir haben überlegt, uns geschlossen krankzumelden“, sagt Natterer. „Ein weiterer Vorschlag war, einfach zu streiken.“ Am Freitagnachmittag wechselten die Botschaften die Tonlage. Aus Besorgnis und Bereitschaft zum Widerstand wurden Erleichterung und Freude.