Das waren noch Zeiten: Bis November 2020 landeten Flugzeuge auf dem Flughafen Tegel. dpa/Sophia Kembowski

Mit dem Flugzeug verreisen? Schön wär's! Corona hat nicht nur Luftfahrtgesellschaften, sondern auch Flughäfen Verluste beschert. Doch ausgerechnet Berlin sticht aus dem Meer der roten Bilanzzahlen heraus. Denn obwohl der Flughafen Tegel im vergangenen Herbst stillgelegt wurde, hat er im ersten Jahr der Pandemie erneut einen Gewinn erzielt. Das geht aus dem Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2020 hervor, den die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) vor kurzem im Bundesanzeiger veröffentlicht hat. Danach erwirtschaftete die Berliner Flughafen-Gesellschaft (BFG)  im vergangenen Jahr 9,3 Millionen Euro Überschuss.

Die Stimmung ist düster. „Air­lines und Flug­hä­fen sehen sich mit einer Krise unbe­kann­ten Aus­ma­ßes kon­fron­tiert“, heißt es bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV). „Der bei­spiel­lose Ein­bruch bei Ver­kehr und Ein­nah­men führt dazu, dass einige Flug­hä­fen zuneh­mend mit Cashflow-Problemen kon­fron­tiert sind.“ Allein im vergangenen Jahr beliefen sich die Verluste der 28 Verkehrsflughäfen in Deutschland auf insgesamt rund 1,7 Milliarden Euro, so Isabelle Polders vom ADV. Für dieses Jahr erwarten sie ein Minus von 1,3 Milliarden Euro. Ähnlich prekär sieht die Lage im Ausland aus – allerorten nur Defizite, Deckungslücken, enormer Finanzbedarf. Trotzdem verbuchte der Tegel-Betreiber BFG 2020 einen siebenstelligen Überschuss. Wie konnte das passieren?

Sicher: So hoch wie früher war der Gewinn, den der innerstädtische Berliner Flughafen in Hörweite vieler hunderttausend Anwohner erwirtschaftete, im vergangenen Geschäftsjahr nicht mehr. Allein von 2008 bis 2016 hatten sich die Überschüsse auf 730 Millionen Euro summiert. 2018 standen 142,1 Millionen Euro unterm Strich, im Jahr darauf nicht minder beachtliche 130,9 Millionen Euro.

Nur das Nötigste investiert

Doch im weltweiten Maßstab dürfte ein Flughafen mit einem Profit im ersten Coronajahr als Exot gelten. Vor allem zwei Faktoren haben dazu beigetragen, dass sich Tegel bis zur Einstellung des Flugbetriebs im vergangenen November als Goldesel bewährte - während der heutige BER in Schönefeld die Finanzplaner mit immer neuen Überraschungen ins Schwitzen bringt. Er wird die Bilanz des Staatskonzerns, der Berlin, Brandenburg und dem Bund gehört, auf absehbare Zeit belasten. Für das vergangene Jahr meldete die FBB einen Fehlbetrag von 1,056 Milliarden Euro.

Bis zur Coronakrise trugen stetig steigende Nutzungszahlen entscheidend dazu bei, dass die Einnahmen in Tegel von Jahr zu Jahr immer stärker sprudelten. Erträge aus Flughafenentgelten der Airlines sowie aus Mietzahlungen der Laden- und Gastronomiebetreiber stiegen zuverlässig in jedem Jahr. Zugleich hielt die Betreibergesellschaft BFG die Ausgaben im Rahmen. Weil seit den Nullerjahren feststand, dass der Flugbetrieb in Tegel endet, wurde nur noch das Nötigste investiert.

Berliner sahen über die veraltete Technik am TXL hinweg

Auch wenn viele Berliner über das Gedränge und veraltete Technik in TXL mit rosaroter Brille gnädig hinwegsahen: Auswärtige Fluggäste zeigten sich überrascht, wie sich die deutsche Hauptstadt in Tegel ihren Gästen präsentierte. Unterlassene Investitionen sowie die wachsende Überlastung des Flughafens, der für zuletzt 24,2 Millionen Passagiere im Jahr 2019 nicht ausgelegt war, trug zu schlechten Bewertungen bei. Am Montag berichtete die FBB über eine Umfrage, bei der es Tegel 2019 lediglich auf eine Durchschnittsnote von 3,4 gebracht hatte. Dagegen sei der Ende Oktober 2020 eröffnete BER während der ersten Betriebsmonate durchschnittlich mit einer 1,9 benotet worden, hieß es.

Die Coronakrise schlug sich im vergangenen Jahr erst von März an deutlich nieder. Bis dahin konnte Tegel erneut ordentliche Zahlen vermelden. Zwar lagen die Passagierzahlen unter den Vergleichswerten für 2019, doch das Minus war nicht so groß wie auf anderen Flughäfen. Im April freilich brachte die Pandemie auch in Tegel den Verkehr fast auf Null. „Corona hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Gewinn 2020 niedriger ausfiel“, erklärte Flughafensprecherin Sabine Deckwerth. Immerhin: ein Gewinn!

Seit Anfang Mai ist das Gelände im Nordwesten Berlins rechtlich kein Flughafen mehr. In dieser Woche geht nun eine weitere Etappe zu Ende. Die Flughafengesellschaft hat ihre 130 Anlagen auf dem Gelände stillgelegt oder entfernt. Unter anderem wurden eine Fußgängerbrücke und das Terminal C3 abgerissen, zuletzt wurde das Kerosin-Tanklager geleert und gereinigt. Am 5. August geht das Areal nun in die Zuständigkeit der landeseigenen Tegel Projekt GmbH über. „Die Entwicklung der Nachnutzungsvorhaben kann beginnen“, teilte Unternehmenssprecherin Constanze Döll mit. Im Bereich der früheren Terminals entsteht die Urban Tech Republic mit Forschungs- und Gewerbestandorten, im Schumacher Quartier sollen rund 5000 Wohnungen gebaut werden.