Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin, und Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), stellen in der Bundespressekonferenz die Polizeiliche Kriminalstatistik 2019 - Partnerschaftsgewalt vor. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Es ist eines der Delikte, über dessen Verbreitung die Polizei nur wenig weiß: Die Gewalt in Partnerschaften. Weil sie meist in Wohnungen hinter verschlossenen Türen stattfindet, weil sich Opfer nicht trauen, Anzeige zu erstatten, und weil Nachbarn weghören, wenn etwa Männer ihre Frauen verprügeln, ist die Dunkelziffer groß.

Zumindest die Zahl der bekannten Gewalttaten in Partnerschaften oder von Ex-Partnern ist in Deutschland gestiegen. Das ergibt eine Auswertung des Bundeskriminalamtes (BKA). Demnach gab es im vergangenen Jahr 141 792 polizeilich erfasste Fälle. Das sind knapp ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. BKA-Präsident Holger Münch sprach von einem kontinuierlichen Trend und jährlich steigenden Zahlen, als er am Dienstag mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die kriminalstatistische Auswertung Partnerschaftsgewalt für das Jahr 2019 vorstellte.

Rückschlüsse auf eine wirkliche Zunahme der Gewalttaten lassen sich laut Münch und Giffey aber nur bedingt ziehen, weil die Dunkelziffer hoch sei und mehr bekannte Fälle auch bedeuten könnten, dass mehr Betroffene zur Polizei gehen.

Laut Auswertung waren zu 81 Prozent Frauen betroffen und zu 19 Prozent Männer. Mehr als die Hälfte der Opfer lebte mit dem Täter oder der Täterin in einem Haushalt. Über 69.000 Frauen und 17.800 Männer wurden Opfer von Körperverletzung. 28.906 Frauen sowie 3.571 Männer  wurden Opfer von Bedrohung, Stalking und Nötigung.

Knapp 12.000 Frauen und 5.169 Männer wurden Opfer von gefährlicher Körperverletzung, 111 Frauen und 29 Männer wurden in diesem Zusammenhang Opfer von Mord oder Totschlag. Die meisten Opfer gibt es in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, gefolgt von den 40- bis 50-Jährigen. Münch hält es für möglich, dass die Aussagebereitschaft der Opfer mit dem Alter zunimmt und die Zahlen in diesen Altersgruppen deshalb höher sind.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Corona-Pandemie die Lage noch mal verschärft hat“, sagte Giffey. Man müsse davon ausgehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liege als die Zahl der Fälle, von denen die Polizei wisse. „Deshalb ist es so wichtig, das Dunkelfeld auszuleuchten, um das Ausmaß von Stalking und Gewalt in Paarbeziehungen zu erfassen.“

Im Zusammenhang mit Corona sei im Hellfeld kein Anstieg der Delikte zu erkennen, sagte Münch. „Aber bei der Interpretation der Zahlen ist große Vorsicht geboten. Es gibt erste repräsentative Befragungen, die darauf hindeuten, dass sich das Risiko von Gewalt wegen Corona erhöht.“ Wegen der Isolation würden Kollegen oder Ärzte die Auswirkungen von häuslicher Gewalt nicht mitbekommen. Deshalb plane dass BKA zusammen mit dem Familienministerium und dem Innenministerium eine bundesweite geschlechterübergreifende Befragung.