Kurzer Ausflug vom S-Bahn-Werk Grünau zum benachbarten S-Bahnhof: ein Zwei-Wagen-Verband der neuen S-Bahn-Baureihe. Foto: Berliner Kurier/Benjamin Pritzkuleit

Wenn anderswo noch Böller krachen, wird im Bahnhof Schöneweide Berliner Verkehrsgeschichte geschrieben. Der Termin steht auf die Minute fest: Am 1. Januar 2021 um 0.01 Uhr soll sich erstmals ein Zug der neuen S-Bahn-Generation mit Fahrgästen in Bewegung setzen. So ist es derzeit geplant. Ob es eine große Party am Gleis mit vielen Gästen, Sekt und Reden geben wird – wer weiß das in Coronazeiten schon, sagt S-Bahn-Chef Peter Buchner. „Feiern wollen wir aber auf jeden Fall. Falls das wegen der Pandemie auf dem Bahnsteig nicht möglich ist, dann eben virtuell im Internet.“

Buchner ist ins Werk Grünau gekommen, wo die zehn Vorserienzüge stationiert sind. Fünf bestehen aus vier Wagen, die anderen aus zwei. In einer Halle trainieren Techniker bei den neuen Zügen den Ein- und Ausbau von Drehgestellen. Auf dem Gleisvorfeld errichtet ein polnisches Unternehmen für neun Millionen Euro eine Anlage, die nicht nur die neuen S-Bahnen automatisch waschen soll. Normalerweise wird ein Waschgang 28 Minuten dauern, bei viel Schmutz 46 Minuten - zum Beispiel, wenn ein Wildtier überfahren wurde. Die Grube, in der die Kadaver entfernt werden können, ist schon im Rohbau fertig.

Die meisten Vertreter der jüngsten S-Bahn-Generation ruhen erst einmal aus. „Sie haben ein anspruchsvolles Programm hinter sich“, sagt Jürgen Strippel, oberster Fahrzeugmanager der S-Bahn. Die Probefahrten dauerten bis zum 28. August. So waren beim Zuverlässigkeitstest 25.000 Kilometer ohne Pause pannenfrei zurückzulegen – in einem vierwöchigen Nonstop-Betrieb. Insgesamt müssen alle zehn Züge rund 200 000 Kilometer fahren, der größte Teil ist geschafft.

„Auf der Strecke zum BER kenne ich jeden Schotterstein mit Vornamen“,, sagt Lokführer Marco Förster. Foto: Berliner Kurier/Benjamin Pritzkuleit

„Auf der Strecke zum BER kenne ich jeden Schotterstein mit Vornamen“, scherzt Lokführer Marco Förster. Oft fanden die Testtouren dort statt, weil erst vom 26. Oktober an regulär S-Bahnen zum neuen Flughafen verkehren. Anderswo rollten die Züge nicht selten an Defilees  fotografierender Bahnfans vorbei, so Förster. „Immer wieder versuchten Fahrgäste einzusteigen“ – natürlich vergeblich. Besonders hartnäckig waren hunderte von Dynamo-Dresden-Fans, die es aber auch nicht schafften. Noch gehören die Züge den Herstellern Stadler Pankow und Siemens, nicht der S-Bahn Berlin GmbH.

Strippel erinnert sich an die Bremsprobefahrten. Obwohl die Züge nur für Tempo 100 zugelassen werden, fuhren sie bei diesen Gelegenheiten 110.  Am ICC nimmt die Stadtautobahn, auf der 60 Kilometer pro Stunde erlaubt sind, die Gleise in die Mitte. „Dort haben wir viele Autos überholt, da waren wir deutlich schneller“, sagt Strippel. „Ein tolles Gefühl.“

Was verbessert sich? „Erstmals sind die Fahrgasträume klimatisiert“, sagt Peter Buchner. Die Anlage kann die Luft um drei Grad Celsius kühlen. Die Fenster lassen sich öffnen, aber nur mit speziellen Vierkantschlüsseln, die es nicht im Baumarkt gibt. Ein weiteres Merkmal: Die Fahrtziele werden auch an den Außenseiten angezeigt.

Drinnen stellen Bildschirme die Linie mit den nächsten Bahnhöfen wie an einer Perlschnur dar. Fahrgäste sind gespannt, ob das Versprechen eingelöst wird, dass die Leitstelle falls nötig Informationen auf den Monitoren einspielt. Videokameras nehmen die Fahrgasträume ins Visier. An jedem Rollstuhlplatz sind drei Taster in Griffnähe angebracht. Der rote stellt den Kontakt zu der Frau oder zum Mann im Führerstand her, der gelbe zur Leitstelle. Anderes werden die Fahrgäste kritisch sehen - zum Beispiel, dass die blau bezogenen Sitze so hart sind. Oder dass beim Öffnen und Schließen ein lauter, nervige Warnton die Ruhe stört.

Viel Platz für Rollstühle, Kinderwagen und Fahrräder - aber auch weniger Sitzplätze. Ein Blick in den Innenraum des Zuges 483 003. Foto: Berliner Kurier/Benjamin Pritzkuleit

Fest steht: „Die Vorbereitungen für die Betriebsaufnahme laufen auf Hochtouren“, bekräftigt Buchner. Zwar hat das Eisenbahn-Bundesamt die Baureihe 483/484, von der die Bahn für 900 Millionen Euro 382 Wagen bestellt hat, noch nicht zugelassen. Doch die Serienproduktion hat schon begonnen, im Stadler-Werk Pankow stehen schon die ersten zehn Wagenkästen.

Eine neue S-Bahn für Berlin und Brandenburg: Dieses Projekt hätte schon Jahre früher beginnen können. Weichenstellungen verzögerten sich allerdings. Ein Streit in der damaligen rot-roten Koalition um die Zukunft des Verkehrsmittels trug dazu bei. Aber nun sei es bald so weit, und das sei gut, sagte der S-Bahn-Chef. Auf der S47 zwischen Spindlersfeld und Hermannstraße startet mit drei Sechs-Wagen-Zügen der Betrieb. „Eine App sagt mir, wie lange es noch dauert“ - weniger als 99 Tage.