Walter Ubricht als junger Mann.  Foto: Edition Ost/Archiv Florian Heyden

Walter Ulbricht, der nie die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen und es dennoch vor 59 Jahren tat: Mit dieser Lüge ging der einstige DDR-Staatschef in die Geschichte ein. Sein Urenkel Florian Heyden (40), der nun ein Buch über seinen Ur-Opa (1893-1973) schrieb (KURIER berichtete), ist sich sicher: „Würde ich ihn heute zum Mauerbau fragen, würde er mir wohl sagen, dass er damals das Richtige getan hat.“

Das früheste Foto von Walter Ulbricht- mit seiner Schwester Hildegard, 1900 

Foto: Edition Ost/Archiv Florian Heyden)

Vom Ulbricht-Urenkel wussten bisher nicht viele. Erst mit dem jetzt veröffentlichten Buch „Walter Ulbricht – Mein Urgroßvater“ (Edition Ost, 24 Euro) ging Heyden in die Öffentlichkeit. Darin gibt er recht private Einblicke über den als knallhart geltenden DDR-Politiker. Wie im Buch, „blättert“ Heyden nun auch im Telefongespräch mit dem KURIER im Familien-Album seines Uropas.

Kennengelernt hat er ihn nie. Ulbricht war schon sieben Jahre tot, als Heyden im Ruhrgebiet geboren wurde. Heute lebt er als Manager in Genf (Schweiz). „Dass Walter Ulbricht mein Urgroßvater ist, erfuhr ich erst, als ich vor etwa 20 Jahren das Abitur machte“, sagt Heyden. „Es war ein Zufall. Im Fach ,Darstellende Kunst' stand ich in einem Theaterstück als Ulbricht auf der Bühne, sagte auch jenen berühmten Satz mit der Mauerlüge. Daraufhin zog mich mein Vater damit auf, dass der Mann, den ich spielte, mein Uropa war.“

Der junge Walter Ulbricht, die Aufnahme entstand kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.  Foto: Edition Ost/Archiv Florian Heyden

Von der Familie erfährt der Urenkel zunächst nicht viel. Aus gutem Grund, denn der Zweig, aus dem Heyden stammt, lebte im Westen. „Da war Walter Ulbricht nicht gerade gut angesehen“, sagt Urenkel. Den Hass übertrug man auch auf den Rest der Familie. „So wurde meine Oma Dora, Ulbrichts erstes Kind, lange von der westlichen Presse verfolgt. Sogar Ulbrichts Bruder Erich wurde nicht verschont, der im New Yorker Stadtteil Manhattan lebte.“

Ulbrichts erste Tochter Dora, aufgenommen in den 30er Jahren. Foto: Edition Ost/Archiv Florian Heyden

Als Großmutter Dora 2010 starb, beginnt Heyden mit der Familienforschung. Aus Briefen und Dokumenten erfährt er viel über seinen Uropa. Nach außen habe sich Ulbricht als Revolutionär und Parteisoldat ohne Schwächen gezeigt, der verfolgt wurde, im Untergrund kämpfte oder im Zweiten Weltkrieg aufseiten der Sowjets versuchte, deutsche Soldaten zum Aufgeben zu bewegen.

Walter Ulbricht bei einer Wahlkampfrede am 22. Januar 1931 im Saalbau Friedrichshain. Vorne links sitzt sein Konkurrent, damalige Berliner Gauleiter der NSDAP, Joseph Goebbels. Foto:  Edition Ost/Archiv Florian Heyden

Seine wahren Gefühle „hielt er nach außen hin hinter einem dicken Panzer verborgen“, so Heyden. „Den wirklichen Walter Ulbricht kannten nur seine Frauen, von denen ich meine, dass sie alle ihn bis zu ihrem Tod geliebt haben, obwohl er sein Familienleben der Partei geopfert hat. Mein Uropa war eigentlich in privaten Dingen unbeholfen. Das zeigen Briefe, die er meiner Oma schrieb, als sie ein kleines Kind war. Er wollte ihr ein guter Vater sein, auf der anderen Seite war ihm die politische Karriere wichtiger.“

Rosa Michel, Ulbrichts zweite Frau Foto: Edition Ost/Archiv Florian Heyden

Ulbricht hatte in seinem Leben drei Frauen: Martha, die erste, die Mutter von Heydens Oma Dora. Nach 1925 geht Ulbricht im Moskauer Exil ein Verhältnis mit der Französin Rosa ein. Das Paar hat eine Tochter. In Moskau kommt 1935 Lotte Wendt ins Spiel. Sie wird später in der DDR die zweite Ehefrau des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, der mit einem „antifaschistischen Schutzwall“ das Volk einmauert.

Walter Ulbricht und seine spätere dritte Frau Lotte: Das Paar lernte sich 1935 kennen. Offiziell geheiratet wurde erst 1949, nachdem Ulbricht sich von seiner ersten Frau Martha scheiden ließ. Foto: Archiv Edition Ost

„Ich glaube, dass mein Urgroßvater in allem, was er tat, davon zutiefst überzeugt war, das Richtige gemacht zu haben“, sagt Heyden. Dem Urenkel läge es aber fern, seinen Uropa zu verteidigen. „Mauern sind grob gesagt scheiße, egal wo sie errichtet werden“, sagt er. „Andererseits habe ich habe beim Studieren der Unterlagen einen Mann kennengelernt, der für eine bessere Welt für seine Kinder kämpfen wollte. „Auch ich will das heute für meine Tochter und für meinen Sohn – und ich bin kein Kommunist oder Sozialist.“

Im August 1941 besucht Walter Ulbricht erstmals in der Sowjetunion ein Lager mit deutschen Kriegsgefangenen und spricht mit seinen Landsleuten. 

Foto: Edition Ost/Archiv Florian Heyden
Ulbrichts Urenkel Florian Heyden Foto: Edition Ost