Seit Anfang Januar arbeitet Franziska von Kempis im Impfzentrum an der Messe.
Foto: Volkmar Otto

Zuerst wird Fieber gemessen, kontaktlos an der Stirn. Noch bevor das Impfzentrum an der Messe Berlin überhaupt betreten werden kann. Eine Schutzmaßnahme. Wer Fieber hat, kommt nicht rein und wird gebeten, sich bei seinem Hausarzt zu melden. Rein kommt auch nur, wer zuvor einen Termin gebucht hat.

An diesem Montag nimmt das Impfzentrum im Stadtteil Charlottenburg den Betrieb auf. Es ist auf dem Messegelände in Halle 21 untergebracht und nach der Arena in Treptow und dem Erica-Heß-Stadion im Wedding der dritte Ort, wo sich Berlinerinnen und Berliner täglich von 9 bis 18 Uhr gegen Covid-19 impfen lassen können. Eingesetzt wird hier das Vakzin von Biontech/Pfizer. Bei voller Auslastung sind in dem vom Malteser Hilfsdienst betriebenen Impfzentrum bis zu 3800 Impfungen pro Tag möglich. Damit alles reibungslos ablaufen kann, haben Mitarbeiter und Ehrenamtliche seit Wochen jeden Schritt geprobt, den die Impflinge gehen müssen.

So auch am Freitag, drei Tage vor der Eröffnung. Hinter den gläsernen Eingangstüren der Messehalle stellen sich Studierende in einer Reihe auf. Alle tragen eine FFP-2-Maske. Ohne darf die Halle nicht betreten werden. Die Studierenden haben Zettel in der Hand. Denn nur wer alle nötigen Unterlagen und vor allem seine Einladung zum Impftermin dabei hat, kann geimpft werden. Das wird gleich zu Beginn kontrolliert, ebenso wie mitgebrachte Taschen.

Franziska von Kempis kommt schnellen Schrittes in den Eingangsbereich. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Impfzentrums und hält die Fäden in der Hand. Noch sind einige Dinge vor der Eröffnung zu organisieren. Wo können die Taxis halten, die die Senioren zum Impfzentrum und wieder nach Hause bringen sollen? Nach wenigen Minuten ist die Frage geklärt.

Währenddessen betreten die Studierenden den Wartebereich. Gelbe Linien auf dem Boden weisen ihnen den Weg durch die Halle. Überall steht Desinfektionsmittel bereit. „Wir sind gut vorbereitet. Es läuft“, sagt Franziska von Kempis. Eigentlich leitet die 35-Jährige bei Daimler in Berlin das Mobility Lab und den Bereich Gesellschaftspolitischer Dialog. Für ihre Arbeit im Impfzentrum hat sie ein Sabbatical eingelegt und ist seit 1. Januar beim Malteser Hilfsdienst hauptamtlich angestellt. Ihre Augen leuchten, wenn sie durch die Messehalle läuft. Ihre grell-rote Jacke mit der Aufschrift der Hilfsorganisation trägt sie mit Stolz.

Selbst an Covid-19 erkrankt

Im März vergangenen Jahres war Franziska von Kempis an Corona erkrankt. Rückblickend bezeichnet sie diese Erfahrung in vielerlei Hinsicht als verstörend: „Es war sehr schwer, sich über Wochen nur noch krank zu fühlen und nicht aufstehen zu können.“ Die 35-Jährige litt an Gliederschmerzen, hatte den Geruchs- und Geschmackssinn verloren und Kopfschmerzen „wie aus der Hölle“, erzählt sie in ihrem Büro in der Messehalle.

„An einer Krankheit zu leiden, über die alle reden und von der man noch so wenig wusste, macht was mit einem“, sagt von Kempis. Hinzu kam, dass sie sich, als sie als genesen galt, immer noch nicht gesund gefühlt hat. „Normalerweise telefoniere ich viel im Laufen. Aber das ging nicht mehr. Ich kam nicht mal mehr die Treppen zu meiner Wohnung hoch.“

Im März war Franziska von Kempis selbst an Covid-19 erkrankt. „Das wünsche ich niemanden“, sagt die 35-Jährige rückblickend.
Foto: Volkmar Otto

Mittlerweile hat sie sich gut erholt und fühlt sich fit. Aber die Erfahrung lässt sie nicht los. „Ich bin sehr dankbar, dass ich keinen schweren Verlauf hatte und nicht ins Krankenhaus musste.“ Dankbar ist sie auch dafür, dass sie beim Aufbau des Impfzentrums mithelfen kann. Freunde hatten sie bei den Maltesern empfohlen. So kam der Kontakt zustande. „Dass sich diese Tür für mich geöffnet hat und ich das hier machen darf, ist für mich ein großes Geschenk“, sagt von Kempis.

Als „Besorgte Bürgerin“ argumentiert sie gegen Hass und Hetze

Sie beschreibt sich selbst als nicht sehr geduldig. In den sozialen Netzwerken gibt sie über sich preis: „Es fällt mir schwer, darauf zu warten, dass jemand etwas tut.“Die gelernte Journalistin ist bekannt als „Besorgte Bürgerin“. Unter diesem Namen veröffentlichte sie in ihrer Freizeit auf Facebook und Youtube Videos, in denen sie Verschwörungstheorien auf den Grund ging.

In ihrem Buch „Anleitung zum Widerspruch. Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien“, das 2019 erschien, gibt sie Tipps, wie man auf Hass und Hetze reagieren kann. Sich informieren und Fakten so zu vermitteln, dass sie die Menschen, die es hören wollen, erreichen, ist Teil ihrer persönlichen Mission.

Als sie Anfang Januar ihren Dienst bei den Maltesern antritt, hat sie das auch in den Sozialen Netzwerken verkündet und von ihrer Erfahrung mit Covid-19 berichtet. Auf dem Berufsnetzwerk LinkedIn bekam sie viel Zuspruch für ihr Engagement. Der erste Kommentierende jedoch behauptet, sie habe wahrscheinlich nur Grippe gehabt. Franziska von Kempis reagiert souverän. Auf eine Diskussion lässt sie sich nicht ein. Aber es geht ihr nahe. „Wenn sich das Gegenüber konsequent dem verweigert, was man selbst erlebt hat, ist das auf einem neuen Level belastend, gerade wenn es im direkten Gespräch mit jemandem stattfindet.“

In den vergangenen Monaten wurde sie oft gefragt, ob sie wirklich Covid-19 hatte und es tatsächlich so schlimm war. „Ich antworte immer, dass es keine normale Herbstgrippe ist, sondern eine nicht zu unterschätzende und für viele tödlich endende Krankheit.“

Mission: Die Pandemie besiegen

Aktuell lautet ihre Mission: Die Pandemie besiegen. Allein geht das natürlich nicht. Franziska von Kempis betont, wie schön es ist, in einem Team zu arbeiten, „das mit dem Herzen dabei ist und sich mit voller Kraft jeden Tag dafür einsetzt, anderen zu helfen.“

Im Corona-Impfzentrum an der Messe arbeiten mehrere hundert Menschen. Pro Schicht sind 210 Mitarbeiter im Einsatz. Darunter sind Piloten, Eventmanager, Studierende, die die Berliner durch das Impfzentrum begleiten. Sie wurden in den Wochen vor der Eröffnung eigens dafür geschult. „Wir haben eine Onlineschulung angeboten zu Datenschutz und Arbeitsschutz, aber auch das Thema Empathie ganz stark in den Fokus gerückt“, sagt Diana Bade, Pressesprecherin der Malteser.

Foto: Malteser Berlin
Impfen gegen Covid-19

Impfen gegen Covid-19 Termin Mit der Impfeinladung erhält jeder eine persönliche Code-Nummer. Damit kann der Impfkandidat telefonisch über eine Hotline (Nummer steht in dem Schreiben), die täglich von 7–18 Uhr geschaltet ist, die Termine ordern – oder sie im Internet buchen. Die Internetadresse steht ebenfalls in der Einladung.

Unterlagen Zum Impftermin mitzubringen: Einladungsschreiben mit RKI-Aufklärungsblatt, Anamnese-Bogen und unterschriebene Einwilligungserklärung sowie Personalausweis oder Reisepass und das Impfbuch (falls vorhanden).

Anfahrt Senioren ab 80 Jahren können in Berlin kostenlos mit dem Taxi zum Corona-Impfzentrum und zurück fahren. Wer einen Termin im Impfzentrum hat, kann einen Taxi-Transfer unter der Telefonnummer 030/202020 buchen. Die Abrechnung erfolgt mittels Coupon. Um das Prozedere kümmern sich vor Ort Mitarbeiter der Taxi-Innung.

Nach der Ankunft im Impfzentrum geht es zur Registrierung. Dort werden die Unterlagen geprüft und erste Fragen geklärt. Danach wird ein kurzes Video über die Impfung gezeigt, welches das Bundesministerium für Gesundheit erstellt hat. Dann geht es zur Impfung. Diese wird ausschließlich von Ärzten verabreicht.

Letzte Station ist wieder ein Wartebereich, indem sich die Geimpften für bis zu 30 Minuten ausruhen sollen. „Wir schauen dort, ob es allen gut geht und sie die Impfung gut vertragen“, sagt Bade. Überall sind Schilder aufgestellt, Fotografieren ist aus Datenschutzgründen verboten. Auch dass die Hygienevorschriften und die Abstände eingehalten werden, gehört zu den Aufgaben der Mitarbeiter.

Die Zuständigkeiten sind wie in den anderen Berliner Impfzentren geteilt: Hilfsorganisationen sorgen für Betrieb und Betreuung, die Kassenärztliche Vereinigung für die impfenden Ärzte. Die Senatsverwaltung für Gesundheit hat die Callcenter für die Anmeldung in ihrer Regie. „Für mich ist es ein wirklich schönes Gefühl, Teil dieses Verbundes aller Impfzentren zu sein und zu sehen, wie alle an einem Strang ziehen, um den Berlinerinnen und Berlinern dieses Impfangebot machen zu können“, sagt Franziska von Kempis zum Abschluss des Gesprächs. Der nächste Termin wartet bereits.