Marit J. lebt seit zehn Jahren in Madrid. Die spanische Ausgangssperre während der Corona-Krise trifft sie hart. Foto: Privat

Vielerorts macht sich Unmut über die angeordneten Corona-Maßnahmen breit. Die Berlinerin Marit J. (47) lebt seit zehn Jahren in Madrid und möchte die Deutschen vor zu viel Ungeduld warnen. Im KURIER erzählt sie, wie hart sie die Auswirkungen der Pandemie in Spanien erlebt und warum aus ihrer Sicht jetzt eher Rücksichtnahme statt Groll angebracht ist.

Seit neuneinhalb Wochen durften Marit J. und ihr Ehemann Miguel ihr Haus in Madrid nur aus einem driftigen Grund verlassen. „Durch die Ausgangssperre der spanischen Behörden sind wir dort eingesperrt und das ist ein sehr beklemmendes Gefühl“, sagt sie. Es habe Zeiten gegeben, da habe sie den Klee aus ihrem Rasen im Garten einzeln rausgerupft, um abgelenkt zu sein. Die Geschäftsführerin der Vertretung der Deutschen Messe in Madrid, die sonst die Welt bereiste, ist seit 1. April in Kurzarbeit und momentan nur zu 25 Prozent in Home Office beschäftigt.

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Inzwischen dürften sie sich wenigstens zu vorgeschriebenen Zeiten wieder draußen an der frischen Luft bewegen.
Nicht nur die verordnete Isolation zu Hause treffe die sonst äußerst kontaktfreudigen Spanier hart, auch die finanzielle Absicherung sei viel schlechter als in Deutschland. Bisher habe sie noch nicht einen Cent Kurzarbeitergehalt auf ihrem Konto gesehen. Ihre Mutter Renate (80), die in Berlin-Johannisthal lebt, hat sie seit Anfang März nicht mehr gesehen, weil die Grenzen geschlossen sind.

Ihr Freund wurde auf dem Sessel beatmet

Marit J. könnte über diese für sie ungünstige Situation sehr frustriert sein, doch sie hatte so viele einschneidende Erlebnisse, dass sie versteht, dass die Einschränkungen überlebensnotwendig sind, wie sie betont. Schon wegen der fehlenden medizinischen Ressourcen in den Kliniken. „Unser Freund hatte Corona und musste tagelang auf einem Sessel beatmet werden, weil es nicht mehr genügend Betten im Krankenhaus gab“, sagt sie. Weil die Schutzkleidung so knapp war, hätten sich Ärzte und Schwester sogar Müllsäcke über ihre Dienstkleidung gezogen, um sich zu schützen. Die Eissporthalle in der Nähe, in der ihre Freundin mit ihrem Kind oft zum Eislaufen war, sei zu einer Leichenhalle umgebaut worden, da die Bestatter nicht mehr genügend Kapazitäten hätten. „Wir hatten in Spanien bis zu 900 Tote am Tag“, sagt sie. Im Pflegeheim in ihrer Siedlung seien 14 Menschen auf einmal an Covid-19 verstorben.

Marit J. möchte ihre Erlebnisse mit den Berlinern teilen. Ihr Appell: Jeden, der glaubt, Corona ist nicht gefährlich, würde ich am liebsten mal einen Tag zu uns nach Madrid einladen.“ Gerade ist sie an der spanisch-amerikanischen Schule vorbei gelaufen. Die Fahnen hingen auf halbmast. „Das hat mich sehr traurig gemacht“, sagt Marit J.