Viele Berliner mussten auf die S-Bahn ausweichen. Wie hier am S-Bahnhof Friedrichsstraße konnten die Abstände nicht eingehalten werden Foto: Christian Gehrke

Neun Stunden Warnstreik bei der BVG in Berlin: U-Bahnhöfe wurden verschlossen, Busse blieben im Depot. Die Auswirkungen waren auch Stunden danach noch zu spüren. Straßenbahnen, U-Bahnen und die meisten Busse blieben bis 12 Uhr im Depot. Die S-Bahn hat Extra-Züge fahren lassen und mehr Kundenbetreuer auf der Ringbahn eingesetzt. Denn am Dienstagmorgen hieß es: BVG-Streik.

Nach der neunstündigen Aktion rollte am Mittag der Verkehr wieder an. „Bis alle Linien wieder im gewohnten Takt fahren, wird es allerdings noch einige Zeit dauern“, teilte die BVG mit. „Der logistische Aufwand ist enorm.“ Bis zum Nachmittag sollte sich der Verkehr wieder normalisiert haben.

Nur auf den wenigen Linien privater Subunternehmer der BVG fuhren noch die gelben Busse, viele davon am Stadtrand. S-Bahn und Regionalzüge fuhren indes ohne Einschränkungen weiter. «Durch den Einsatz der größtmöglichen S-Bahn-Fahrzeugflotte wurden die Auswirkungen des Verdi-Streiks auf Hunderttausende Fahrgäste am Morgen zumindest teilweise abgefedert», teilte die BVG weiter mit.

Die Information war seit Freitag draußen. Einige Fahrgäste wurden dann doch kalt erwischt: Um 6 Uhr morgens blickt ein rumänischer Bauarbeiter am Alex fragend auf die „Warnstreik“-Anzeige an der Straßenbahnhaltestelle. Er versteht sie nicht und macht sich zu Fuß auf den Weg zur Arbeit. Ihm geht es nicht allein so. Alicja Gabor (30) ist sauer: „Ich muss jetzt drei Kilometer zum Spittelmarkt laufen“, sagt sie. Die Reinigungskraft aus Marzahn wurde vom Arbeitskampf überrascht. Verständnis für den Streik hat sie wenig. „Die sollten ihrer Pflicht nachkommen. Ich komme jetzt zu spät“, erklärt sie. 

Reinigungskraft Alicja Gabor (30) muss laufen. Foto: Christian Gehrke

Die Anzeigen an den Haltestellen gibt es auf Deutsch und Englisch. Und sie sind manchmal verwirrend. An der Straßenbahnhaltestelle Prenzlauer Alle/Ecke Danziger Straße zeigt die elektronische Anzeige „Bitte beachten Sie den Fahrplanaushang!“  an. Dumm nur, dass es keinen aktuellen Fahrplanaushang zum Warnstreik gibt. Wer sich nicht auskennt, strandet hier ratlos.

Was fordern die knapp 15.000 BVG-Beschäftigten eigentlich? Verdi will zum Beispiel für alle BVG-Beschäftigten eine Wochenarbeitszeit von 36,5 Stunden. Bislang gilt diese nur für etwa die Hälfte der Mitarbeiter. Die übrigen, seit 2005 eingestellten Kollegen müssen 39 Stunden arbeiten. Sie sollen bei vollem Lohnausgleich mit den älteren Kollegen gleichziehen. 

Zwei BVG-Mitarbeiter verbringen ihren Streik beim Kaffee am Alex. Sie wissen nicht, ob der Streiktag bezahlt wird, sagen sie. „Wir sind unsicher, wissen nicht, wie die Chefetage reagiert“, erklären sie. „Wir hoffen, dass der Streik etwas bringt.“

Finde den Fehler: Es gibt an dieser Haltestelle in der Prenzlauer Alle keinen aktuellen Fahrplanaushang, auf den die Anzeige verweist!   Foto: Berliner KURIER/ Stefan Henseke

Ihr Streiktag beginnt ansonsten ruhig. Erst gegen 7 Uhr füllt sich der S-Bahnhof am Alexanderplatz. Verena (43), Sekretärin aus Friedrichshain, musste heute drei Tram-Stationen laufen, um zur Arbeit nach Marienfelde zu kommen, erzählt sie.  Gestresst scheint sie sie deswegen nicht zu sein. „Gut, dass wir in einem Land leben, wo wir so etwas dürfen. In Osteuropa ist das ja momentan anders. Die BVG-Mitarbeiter haben mehr Lohn verdient und die S-Bahn muss sich jetzt mal anstrengen.“ Nicht jeder hat so viel Verständnis.

Doch spätestens zwischen 7 und 8 Uhr zeigt sich, dass der Morgen ein bisschen anders verläuft als sonst. An der S-Bahnstation Friedrichstraße kann der Mindestabstand nicht eingehalten werden, einen Sitzplatz in der S-Bahn bekommt man nicht mehr so leicht. Aber: Fast alle sind diszipliniert, tragen Maske. 

Ceren (34), kommt mit ihrem Kind nicht rechtzeitig zum Arzt. Hilfesuchend steht sie mit ihrem Kinderwagen am S-Bahnhof Bellevue und schaut auf den Plan. „Die Mitarbeiter haben sicherlich ihre Gründe für den Streik“, sagt sie. Botschaft: Verständnis trotz Hektik.

Auf den Einfallstraßen fuhren die Autos am Morgen dicht an dicht. Staus gab es etwa auf der A113, der Landsberger Allee und der Heerstraße, der Flughafentunnel wird mehrmals geschlossen. Auf der Prenzlauer Promenade staut es sich stadteinwärts und auch der Tempelhofer Damm füllt sich. Die Verkehrsinformationszentrale (VIZ) rät gegen 9 Uhr, mit dem Auto 30 Minuten mehr Fahrzeit einzuplanen. „Viele sind heute früher zur Arbeit aufgebrochen“, teilte die VIZ mit. „Eigentlich eine gute Idee, aber wenn es zu viele machen, kommt es auch früh zum Stau.“ Auch aufs Fahrrad stiegen viele Berufstätige und Schüler um.

Bekanntes Bild für Berliner: Auf dem Alex staut es sich am Morgen - egal ob mit oder ohne Streik. Foto: Michael Heun

Doch Corona sorgt in dieser Ausnahmesituation auch für einen positiven Effekt: Die Menschen bleiben im Homeoffice. KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke kommt mit dem Auto problemlos von Wannsee zur Arbeit nach Kreuzberg. Die Potsdamer Chaussee ist fast so frei wie am Wochenende. Kaum Verkehr herrscht auch auf der Avus, die werktags stets im morgendlichen Berufsverkehr vollgestopft ist und wo man schon ab Abfahrt Hüttenweg im Stau zur Stadtautobahn steht. Es geht zügig voran. Der Tempelhofer Damm bietet Norbert Koch-Klaucke freie Fahrt. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass die BVG-Busse, die sonst an den Haltestellen Zwischenstopp machen, Autos aufhalten, nicht fahren.

Um kurz nach 12 öffnen sich die Gitter der U-Bahnhöfe wieder. Der Streik ist vorbei. Es wird aber nicht der letzte gewesen sein. Foto; Christian Gehrke

Ein paar Minuten nach 12 öffnen sich die ersten Absperrgitter an den U-Bahnhöfen am Alex. Verdi hat am Dienstag weitere Streiks im ÖPNV angekündigt, sollten die Tarifverhandlungen nicht erfolgreich sein. Aber Berlin bekommt auch das hin ...