Das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ ist ein Klassiker – und erlebte im Corona-Jahr einen neuen Höhenflug. Rund 1,1 Millionen Exemplare verkaufte das Unternehmen Schmidt Spiele im Jahr 2020. Foto: imago/Jürgen Eis

Die Corona-Pandemie sorgte auch in Berlin dafür, dass Theater, Konzerthäuser und Kinos schließen mussten, dass sich ein großer Teil des Lebens am Wohnzimmertisch abspielte. Doch der Verzicht birgt für einige auch positive Seiten: Einer der Gewinner der Krise sind Deutschlands Spiele-Verlage! Denn: Noch nie holten so viele Menschen Karten, Würfel und Figürchen aus dem Schrank, um sich die Zeit zu vertreiben.

In diesem Jahr hätte Josef Friedrich Schmidt seinen 150. Geburtstag gefeiert. Der Unternehmer erfand 1907 das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“. Später gründete er Schmidt Spiele, das Würfelspiel mit Aggressionspotenzial trat seinen Siegeszug um die Welt an. Ärgern muss sich nun, anderthalb Jahrhunderte später, niemand. Natürlich sei das Jahr 2020 in vielen Bereichen von Corona geprägt gewesen – die Pandemie sei die große Krise unserer Zeit, sagt Axel Kaldenhoven, seit 24 Jahren Geschäftsführer des Unternehmens. Aber: „Auf der anderen Seite war aber der Zwang da, sich mehr in der eigenen Wohnung zu beschäftigen.“

Puzzles entwickelten sich 2020 zum Kassenschlager

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. „Im vergangenen Jahr hatten wir einen Umsatz von 63 Millionen Euro, davon 50 Millionen in Deutschland“, sagt Kaldenhoven. „Das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 40 Prozent.“ Besonders Puzzles hätten sich zum Trend entwickelt. 13 Millionen Euro Umsatz kamen hier zusammen, ein Zuwachs von 66 Prozent. „Puzzles tragen zur Entspannung bei“, sagt Kaldenhoven. „Und damit kann man sich allein beschäftigen.“

Axel Kaldenhoven ist der Geschäftsführer des Unternehmens Schmidt Spiele. Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Im Corona-Jahr hätten vor allem die Klassiker gut funktioniert, die schon seit jeher zum Sortiment gehören. Eben jenes „Mensch ärgere dich nicht“, mit dem die Firmengeschichte begann – das Spiel, das 1912 erstmals in Serie produziert wurde, erlebt sogar einen neuen Höhenflug. 1,1 Millionen Exemplare wurden verkauft. Aber auch Würfelspiele wie „Ganz schön clever“, „Noch mal“ und „Noch mal so gut“. Bastian Herfurth, der seit zwei Jahren für die Produktentwicklung des Unternehmens arbeitet, empfiehlt diese Spiele vor allem im Lockdown. „Denn sie sind auch gut per Videokonferenz spielbar“, sagt er.

Ein schönes Puzzle-Motiv kann auch ein guter Ausgleich für ein ausgefallenes Reiseerlebnis sein.

Hermann Hutter, Verband der Spielwarenindustrie

Nicht nur in Berlin, auch anderswo herrscht Hochstimmung. Etwa bei Ravensburger, dem deutschen Puzzle-Platzhirsch. Das Unternehmen legte ein Wachstum von 20 Prozent hin, laut Vorstand Clemens Maier „der höchste Umsatz, den die Gruppe je erzielt hat“, sagt er. Vor allem bei Puzzles sei man vorangekommen: 23 Millionen Legespiele wurden verkauft. Die Erklärung findet Maier auch in der Homeoffice-Situation. „2020 saßen die Menschen auch bei der Arbeit vor digitalen Plattformen, suchten also in der Freizeit Möglichkeiten, um abzuschalten“, sagt er. Ravensburger will nun weitere Druck- und Stanzmaschinen anschaffen.

Deutschlandweit hat der Verband der Spielwarenindustrie die Verlage im Blick – Geschäftsführer Hermann Hutter beobachtet schon seit Jahren einen Aufwind in der Spieleindustrie. „Aber das Jahr 2020 war die positive Krönung dieses Trends“, sagt er. Branchenweit seien 20 Prozent mehr Umsatz zu verzeichnen, Puzzles für Erwachsene lagen sogar bei 50 Prozent. Hutter erklärt den Trend mit einem Augenzwinkern. „Ein schönes Puzzle-Motiv kann auch ein guter Ausgleich für ein ausgefallenes Reiseerlebnis sein“, sagt er. Er sieht allerdings auch Gefahren. Denn natürlich habe sich der Absatz etwas unfair verteilt. Die wahren Gewinner seien Onlinehändler und Supermärkte. Kleine Fachhändler hätten eher das Nachsehen. 

Josef Anders führt das Brettspielgeschäft in Prenzlauer Berg. Foto:  Volkmar Otto

Einer von ihnen ist der Berliner Josef Anders: Er betreibt in Prenzlauer Berg das Brettspielgeschäft und das Puzzlegeschäft. Vor dem Dezember-Lockdown mussten die Kunden, vor allen an den Wochenenden, viel Wartezeit mitbringen. Anders bot im Lockdown sogar einen Bestell- und Abholservice an. Aber: „Wir sind keine Krisen-Gewinner“, sagt er. „Wir mussten wegen der Abstandsregeln die Ladenfläche erweitern, denn die Kunden bringen uns nur etwas, wenn sie im Geschäft sind. Außerdem mussten wir einen Türsteher einstellen, der die Einhaltung der Regeln kontrolliert.“ Zudem hätten Laufkundschaft und Touristen gefehlt. Im Januar erreiche er etwa 20 Prozent des Umsatzes aus dem Januar 2020. Mit dem Online-Shop, den er gerade eröffnet hat, könnten es auch 40 Prozent werden. „Wir haben nicht gewonnen, nur weniger verloren als andere.“

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Nur langfristig könnte Einzelhändlern wie ihm die Corona-Krise etwas bringen. Denn eine Beobachtung hat Anders gemacht. „Es gibt Leute, die haben 2020 durch den Lockdown erst angefangen zu spielen. Denn irgendwann ist der Fernseher auch leergeguckt“, sagt er und lacht. Vor allem für Erwachsenenspiele und Spiele für zwei Personen sei 2020 ein gutes Jahr gewesen. Sicherlich werde der Ansturm auf Spiele wieder etwas zurückgehen, wenn der Lockdown endet. „Aber ein paar neue Kunden haben wir bestimmt gewonnen.“