100.000 Euro Schulden fürs Testen: Jule Teufel im Testzentrum Kreuzberg hofft auf schnelle Erstattung. Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Sonne scheint in Berlin, aber Jule Teufel ist sauer. Die junge Ärztin betreibt ein Corona-Testzentrum in Kreuzberg und fühlt sich wie viele andere private Testzentren, die kostenlose Antigen-Tests für die Allgemeinheit anbieten, von der Politik alleingelassen. „Es geht nicht mehr, wir können nicht mehr“, sagt Teufel stellvertretend für viele. „Wir zahlen die Tests, das Personal, die Mieten. Das Geld strecken wir seit Mitte März vor.“ Von der Berliner Senatsverwaltung, die die Zentren zertifiziert und beauftragt hat, bekomme man keine verbindliche Antwort, wann die Kosten dafür erstattet werden. „Es hieß, am 20. Mai soll die erste Abrechnung erfolgen. Dann würden wir wohl erst im Juni unser Geld bekommen“, sagt Teufel. „Bis dahin wären wir mit Zehntausenden Euro verschuldet.“

70 private Testzentren haben sich deshalb am Donnerstagabend per Zoom online getroffen und zu einer Interessenvertretung zusammengeschlossen. Initiiert hatten das Treffen Dirk Krieger vom Testzentrum Prenzlauer Berg und Nikolai von Schröders vom Kit-Kat-Club, wo ebenfalls getestet wird. Mit dabei seien „kleine Apotheken und Arztpraxen, die vielleicht 50 Tests am Tag machen, bis hin zu Betreibern großer Hallen, die theoretisch Tausende Tests am Tag machen könnten“, berichtet Jule Teufel, die ebenfalls am virtuellen Treffen teilnahm. Man habe beschlossen, an Politik und Presse zu treten und mitzuteilen: Wenn nichts passiert, machen Mitte April die ersten Testzentren wieder zu oder werden wieder kostenpflichtig. Man sei mit zu viel Geld in Vorleistung gegangen.

Eigentlich soll nun mehr fürs Einkaufen getestet werden

Dabei habe der Senat die Testzentren erst vergangene Woche angeschrieben, man solle die eigenen Testkapazitäten prüfen und erhöhen. „Jetzt braucht ja jeder einen Test fürs Einkaufen“, sagt Teufel. „Das heißt: Wir generieren auch einen wirtschaftlichen Mehrwert, zahlen den aber aus unserer Kasse.“

Nun ist es nicht so, als wäre Teufel in erster Linie an Profit gelegen. Die 33-Jährige arbeitet hauptberuflich als Ärztin in einem Neuköllner Klinikum und wollte mit ihrer Privatinitiative ihr Lieblingslokal in Kreuzberg retten, der Berliner KURIER berichtete. Teufel steht gerade vor dem Test-Café, Die Lilie in der Muskauer Straße, und sagt: „Wir wollen ja für die Leute da sein, ich finde es wunderschön dem Kiez zu helfen.“

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Ihr Testzentrum erhalte Anfragen von Schulen, Betrieben und Wohneinrichtungen, die gerne Mitarbeiter testen lassen wollen. Die Termine würden knapp, man könne nicht noch mehr vergeben. „Wir wollen ja etwas tun für alle, gegen die Pandemie, aber die Finanzierung dafür fehlt. Man könnte so viel mehr machen, wir sind ja auch dazu aufgefordert, mehr zu testen. Aber werden danach allein gelassen.“ Von den mittlerweile über 170 Testzentren in Berlin sind nicht alle in der Initiative vertreten, einige Stellen sind landeseigen, andere wollen die Initiatoren noch anschreiben.

100.000 Euro Schulden wegen des Testens

Ein Test koste vier bis sechs Euro, rechnet Teufel vor, das wären bei nur 100 Tests pro Tag schon Kosten von 600 Euro am Tag, bei sieben Tagen testen knapp 4000 Euro die Woche, gut 17.000 Euro im Monat. Gezahlt hat das Schnelltestzentrum im Café Die Lilie bisher alles selbst. Teufel hat sich auch mit ihrem Privatvermögen eingebracht, um Tests und Personal zu zahlen. „Selbst wenn Ende Mai die ersten Zahlungen erfolgen könnten, wären wir schon ungefähr mit 60.000 Euro bis 100.000 Euro verschuldet.“ Mittlerweile erhielten viele Testzentren Angebote von dubiosen Start-ups, die mit Krediten aushelfen wollen, natürlich für kräftige Zinsen.

Die Senatsverwaltung für Gesundheit verwies in einer E-Mail am Karfreitag wieder einmal auf die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die sei für die Abrechnungen zuständig. Die KV erreiche man per Telefon, Brief oder E-Mail jedoch ebenso schwer wie die Senatsverwaltung, klagt Jule Teufel. Und wenn man erfolgreich durchkomme, erhalte man oft nur Standardantworten ohne neue Informationen. „Es geht ja nicht nur um die Finanzierung, sondern um lauter kleine Unsicherheiten“, sagt Teufel. So haben die Zentren von der KV noch keine Abrechnungsnummern erhalten und auch nicht erfahren, was benötigt werde für Rechnungen und Nachweise. „Da fragt man sich schon: Kriegen wir das Geld jemals?“