Die tapfere Stadt Berlin wird die Krise meistern. Das ist sicher. Die Zukunft lassen wir uns nicht nehmen. Foto: imago images

Berlin - Der Tag, an dem die Virus-Krise überstanden ist, wird kommen. Das muss man sich bei all den schlechten Corona-Nachrichten vor   Augen führen. Das hilft. Im Moment mögen sich viele Menschen bedrückt und verängstigt fühlen. Verständlich. Das öffentliche Leben steht weitgehend still, viele Berliner sitzen allein im Home Office, in Hausquarantäne oder Abend für Abend mit der Familie vor den Corona-Nachrichten im TV. Da fällt einem die Decke auf den Kopf. Manchen vergeht die Geduld, sich an die Corona-Maßnahmen zu halten – aber es gibt guten Grund zum Durchhalten. 

Viele Forscher arbeiten mit Hochdruck an der Corona-Bekämpfung. Es gibt Licht am Ende des Tunnels. Vier Experten aus Medizin, Naturwissenschaften und Psychologie erklären im KURIER, wie wir die Krise meistern – alle zusammen. Wann wird die Pandemie besiegt sein? Wie genau soll das ablaufen? Welche seelischen Chancen birgt die Krise? Wie werden wir danach leben? Antworten lesen Sie hier.



Der Molekularbiologe: „Wir alle können  diese Corona-Krise bewältigen“

Alles hat ein Ende, heißt es. Aber ist das auch bei Corona der Fall? „Ja. Die Menschheit hat schon viele neue Viren erlebt, und sie ist bisher immer damit zurechtgekommen“, sagt Molekularbiologe Dr. Emanuel Wyler vom Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Der Experte forscht gemeinsam  mit Charité-Wissenschaftlern zu verschiedenen Coronaviren. Er  sagt: „Mit dem richtigen sozialen Verhalten und mit Hilfe der Wissenschaft und Medizin können wir auch diese Krise bewältigen.“  

Wann diese endet, können  Wissenschaftler nicht sagen. „Aber wir wissen ungefähr, was wir tun können, damit es schneller geht: Das Wichtigste zur Zeit ist, und da können alle mitmachen: Solidarität und Disziplin üben. Das bedeutet, soziale Kontakte zu minimieren und auf die Mitmenschen zu achten. Rausgehen bitte nur, wenn es unbedingt nötig ist, also zum Beispiel zum Einkaufen oder zum Arzt.

Jeder kann dazu beitragen, die Pandemie zu verlangsamen und zu stoppen“, sagt Wyler. Wenn ein neues Virus kommt, ist die erste Welle der Epidemie immer die heftigste, so der Molekularbiologe. Aber: „Über die  nächsten Monate und Jahre wird die Immunität in der Bevölkerung zunehmen, und das Virus sich immer weniger ausbreiten.“ Doch wie lange müssen wir mit gesellschaftlichen Einschränkungen leben? Die gelten, weil noch die Anzahl der Infizierten in Berlin exponentiell ansteigt, täglich mehr neue Fälle dazukommen. „Erst wenn sich das ändert, kann man über eine langsame Lockerung der Maßnahmen nachdenken.“ 

(Norbert Koch-Klaucke)

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Der Bio-Psychologe: „Eine Chance für Demokratie und Familien-Zusammenhalt“

Prof. Dr. Peter Walschburger, Bio-Psychologe an der FU Berlin, sieht in der Corona-Krise auch eine Chance. Man könne sie als Herausforderung begreifen, an der wir alle wachsen können.

„Nach der Krise wird vieles nicht mehr so sein wie vorher“, sagt Walschburger. Wie dieses „Danach“ in einigen Monaten aussehe, hänge entscheidend davon ab, ob jetzt jeder dazu beiträgt, die massiven Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten und damit die Ansteckungskurve abzuflachen.

„Es wäre ein großer Gewinn, auch für die Demokratie, wenn die Bürger es aus Einsicht in ihre Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen schaffen, das Virus soweit einzudämmen, dass unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird“, so Walschburger.

Die jetzige Situation, in der alle einen gemeinsamen Feind – das Virus – haben, könne zu mehr Solidarität und zur bleibenden Erfahrung führen, dass es sich lohnt, freiwillig zusammenzustehen, um die Gefahr für alle, vor allem für die Schwächsten, zu besiegen. „Wenn dies in Deutschland gelingt, wäre das ein starkes Signal in die Welt, dass unsere Demokratie so stabil genug und handlungsfähig bleiben kann, dass sie auch extreme Krisen ,von unten’, also durch bürgerliches Handeln, bewältigt“, so Walschburger.

In Familien und WGs, wo man jetzt zwangsläufig viel Zeit zusammen verbringt, sei es wichtig, ein gutes soziales Klima zu pflegen und sich an Familienmitgliedern auszurichten, die besonders umsichtig und gelassen mit der Krise umgehen.

„In Notlagen werden oft Menschen zu Vorbildern für soziale Kompetenz, von denen man dies nicht erwartet hätte“, so Walschburger. Diese Krise berge für sie – und für die ganze Familie – persönliche Wachstumschancen, auch weit über die Krise hinaus. 

(Mike Wilms)

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Der RKI-Präsident: „Ich rechne für das nächste Frühjahr mit einem Impfstoff“

Ohne Impfstoff wird sich die Corona-Pandemie nicht schnell dauerhaft stoppen lassen. Corona ist in der Welt, gekommen um zu bleiben. Auf der Marathonstrecke konzentrieren sich die Hoffnungen daher auch auf die Entwicklung von Impfstoffen.

Derzeit laufen nach Angaben des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen (VFA) weltweit 47 Impfstoffprojekte. Darunter zählen das deutsche Unternehmen BioNTech, Projekte des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und auch das Tübinger Biotechunternehmen CureVac.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, geht zwar davon aus, dass es bereits „in wenigen Wochen“ Impfstoffkandidaten geben wird. Mit einem im großen Maßstab einsetzbaren Impfstoff rechnet er aber erst im kommenden Jahr. In Deutschland erhält ein Impfstoff nur eine Zulassung, wenn nachgewiesen ist, dass er wirksam und verträglich ist. „Ich schätze es als realistisch ein, dass es im Frühjahr 2021 sein wird“, sagte Wieler. Alles, was bürokratisch machbar sei, müsse getan werden.

Normalerweise enthalten Impfstoffe vereinfacht gesagt Teile eines Virus und gaukeln dem Immunsystem eine Infektion vor, damit der Körper eine Immunität ausbildet. Pharmafirmen wie CureVac setzen auf Impfstoffe, die ausgewählte Gene des Virus enthalten. Die Methode ist schnell, effizient und kostengünstig. Allerdings ist bisher gegen keine Krankheit ein solcher Impfstoff auf dem Markt. Mit der Krise könnte der Durchbruch kommen.

(Stefanie Hildebrandt)

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Die Psychologin: „Wir lernen, dass wir Krisen gemeinsam meistern können“

Bei vielen Menschen ist Verzweiflung derzeit das vorherrschende Gefühl – noch! „Ich bin fest überzeugt, dass in dieser Krise auch eine große Chance liegt“, sagt Janin Kronhardt. Sie ist Psychologin und Psychoonkologin am Sana Klinikum Lichtenberg – und weiß, dass die derzeitige Situation gute Dinge mit sich bringen kann.

„Eine Zwangspause, wie wir sie gerade erleben, kann als ein ganz persönlicher Shutdown verstanden werden, indem wir die Zeit zur Selbst-Reflexion nutzen, unsere Prioritätenskala im Leben neu justieren und Verhaltensweisen ändern, um ein friedvolles Miteinander zu ermöglichen“, sagt sie dem KURIER. „Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft an dieser Krise wachsen wird. Dass unser Fokus sich verschiebt, es einen Wertewandel geben wird, weg von Leistung, Wettbewerb, Konkurrenz und ungesundem Egoismus hin zu einem kollektiven Bewusstsein.“

Die Krise könne den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken, „weil wir gelernt haben, dass wir Krisen nur gemeinsam meistern können und es jeden braucht, möglichst mit klarem, gesunden Menschenverstand und in innerer Balance, um den persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen zu sein.“

Wichtig sei an erster Stelle, dass wir alle uns bewusst machen, dass wir uns in einer Krise befinden und wir uns neuen Herausforderungen stellen müssen. Kronhardt: „Die Situation ist, wie sie ist. Akzeptanz ist eine oberste Prämisse. Es geht darum, die Situation mit allen Unsicherheiten, Restriktionen, aber auch Chancen, so wie sie ist zu akzeptieren.“ Nur dann sei es möglich, Strategien zu entwickeln, die beim Überstehen der Krise helfen.

(Florian Thalmann)