KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke nimmt an der ersten Berliner Corona-Sozialstudie teil, beantwortet am Computer die Fragen der Wissenschaftler. Foto: Vincent Koch

Tausende Berliner Haushalte bekamen jetzt einen ungewöhnlichen Brief von der Charité. Auch ich erhielt so ein Schreiben, in dem man mir mitteilt, dass die größte Klinik Europas im Verbund mit anderen Forschungsstätten mich als Teilnehmer für die erste Berliner Corona-Sozialstudie auserwählt hat. So schnell kann es gehen: Ich bin nicht nur KURIER-Reporter, sondern nun auch ein Versuchskaninchen im Dienste der Wissenschaft. Und mit mir sollen das insgesamt 2000 Berliner sein.

Covsocial heißt das gemeinsame Projekt der Charité, der Max-Planck-Gesellschaft und der Berlin University Alliance der Freien, Technischen und der Humboldt-Universität. Eine große Bevölkerungsstudie, mit der die Forscher herausfinden wollen, wie die Corona-Krise das Wohlbefinden, Verhalten, das Stresserleben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Berliner Erwachsenen beeinflusst.

Ob man nun an Covid-19 erkrankt war oder nicht: Die Pandemie beeinflusst unser aller Leben, besonders in Lockdown-Zeiten. Restaurants, Kinos und Theater mussten schließen. Messen und öffentliche Veranstaltungen finden nicht statt. Viele Firmen dieser Branchen kämpfen ums Überleben, die Mitarbeiter haben Angst, den Job zu verlieren. Dazu kommen die Kontaktbeschränkungen für Familien. Das alles kenne ich aus meiner Reporterarbeit. Hat man mich deshalb für diese Studie als Teilnehmer auserwählt?

„Wir haben für unsere Forschungszwecke eine zufällige gezogene Stichprobe von Adressen von Berlinern im Alter zwischen 18 und 65 Jahren vom Einwohnermeldeamt bekommen, die mit unserem Einladungsschreiben kontaktiert wurden. In den vergangenen Wochen haben wir 50.000 Briefe versendet“, sagt Projektleiterin Prof. Tania Singer von der Max-Planck-Forschungsgruppe Soziale Neurowissenschaften. Zusätzlich wurde für die freiwillige und kostenlose Teilnahme per Radio oder über Soziale Medien geworben. Die Experten schätzen, dass am Ende etwa 2000 Berliner an der Studie tatsächlich teilnehmen werden.

Unterwegs in der Stadt: Wie wirkt sich der Corona-Alltag auf die Gesundheit und Psyche der Berliner aus? Diese Frage soll mit der Studie geklärt werden. Foto: imago images/Joko

Die erste Studienphase läuft im Internet. Dort melde ich mich unter www.covsocial.de an, gebe eine Einverständniserklärung ab. Danach gilt es, mehrere Fragen zu beantworten, wie etwa zu meiner Lebenssituation. Danach will man von mir wissen, wie ich die Zeit zu Beginn des Jahres 2020 erlebt habe, wie ich danach den ersten Lockdown im März wahrgenommen habe und wie er meinen Alltag verändert hat. Ebenso werden Fragen gestellt, in denen die Studienteilnehmer ihre Erlebnisse nach Beginn der ersten Lockerungen im Juni schildern sollen. Alle Angaben, so wird versichert, werden unter Grundlage des Datenschutzes vertraulich behandelt.

Eine Frage bringt mich schon am Anfang aus dem Konzept. „Wie fühlen wir uns mit Covid-19 in Berlin?“, lautet diese auf der Eröffnungsseite der Studie. Was soll ich darauf antworten? Gut, schlecht, so lala? Irgendwie erinnert mich das an eine Filmszene aus dem vierten „Star Trek“-Kinofilm „Zurück in die Gegenwart“. „Wie fühlen Sie sich?“, wird darin Mr. Spock gefragt. Der emotionslose Vulkanier weiß einfach keine Antwort darauf.

Das Beantworten der Fragen dauert im Durchschnitt zwischen eins bis drei Stunden. Die fertigen Fragebögen müssen spätestens am 4. Dezember vorliegen, teilt man mir mit. Doch was machen die Forscher mit meinen Antworten und mit denen der anderen Studienteilnehmer?

„Wir möchten verstehen, was die Pandemie für Auswirkungen auf die psychische und mentale Gesundheit von Berlinern hat und welche psychologischen oder sozialen Faktoren hilfreich sind, um eine solche Pandemie und ihre Konsequenzen besser zu bewältigen“, sagt Projektleiterin Singer. „Zudem möchten wir herausfinden, welche Faktoren uns eher empfindlich für Stress und psychische Belastung während einer solchen Krise machen.“ Ziel sei es auch, in Zukunft besser planen zu können, wer aus der Bevölkerung welche Form der psychologischen Unterstützung in so einer schweren Zeit wie der Corona-Krise benötigt, heißt es in dem Informationsschreiben.

Prof. Tania Singer leitet die Studie. Foto: Max-Planck-Gesellschaft

Was mein Beitrag als Versuchskaninchen gebracht hat, werde ich wie alle anderen Teilnehmer erst 2021 lesen, wenn die Ergebnisse der ersten Studienphase in wissenschaftlichen Fachjournalen veröffentlicht wird. Im März des kommenden Jahres soll die zweite Stufe der Studie beginnen, die unter anderem ein Stressbewältigungsprogramm unter einigen Teilnehmern vorsieht.

Viel Lohn für die Mühe darf man als Versuchskaninchen nicht erwarten. Denn Geld für die Studienteilnahme gibt es nicht. Dafür kann man sich rühmen, möglicherweise einen kleinen, aber wichtigen Beitrag für die Corona-Forschung geleistet zu haben.