Claudia Spies, Direktorin der Charité-Klinik für Anästhesiologie, rechnet mit einem starken Anstieg der Corona-Fälle. Foto: dpa

Die Hauptstadt bereitet sich auf die große Corona- Welle vor. Der KURIER zeigt, wie der Pandemie-Plan der Kliniken aussieht.

Mittlerweile sind es über 235 Patienten, die wegen einer Corona- Infektion im Krankenhaus behandelt werden. Davon befinden sich insgesamt 46 Patienten auf Intensivstationen, acht sind verstorben (Zahlen vom 26. März).

„Allmählich geht es los“, sagt Claudia Spies, die als Direktorin der Charité-Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin die Lage besonders genau im Blick hat. Wie sie berichtet, gibt es in Berlin zurzeit 31 weitere Fälle auf Intensivstationen, die wahrscheinlich Covid-19 zuzuordnen sind, bei denen aber das Testergebnis noch aussteht. Die Prognose der Professorin: „In den nächsten beiden Wochen werden wir in Berlin noch einen massiven Anstieg auf den Intensivstationen sehen.“

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Diese Entwicklung erwartet sie auch für den von allen Seiten inständig erhofften Fall, dass das vom Senat verordnete Kontaktverbot und die anderen Maßnahmen greifen und die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Schließlich gibt es bei Covid-19 eine bis zu 14 Tage lange Inkubationszeit. Und noch dazu verschlechtert sich der Zustand vieler Infizierter erst Tage nach Ausbruch der Symptome.

Berlin ist präpariert, so gut es geht

Doch die Stadt ist präpariert, so gut es geht, sagt Spies. In den vergangenen Wochen haben Experten im Auftrag des Senats ein Maßnahmenkonzept für die Behandlung der intensivmedizinischen Covid-19-Patienten in Berlin erstellt. Es wurde am 20.März beschlossen. Groß bekannt gemacht hat man das aber nicht. Denn die Entwicklung ist so dynamisch ist, dass dieses Konzept ständig weiterentwickelt wird.

Der Name ist optimistisch und ein Hilferuf zugleich: „Save“. Er steht für „Sicherstellung der akuten, intensivmedizinischen Versorgung im Epidemiefall Covid-19“.

So sieht ein Beatmungsgerät aus, dass auch in den Berliner Kliniken bei schwer erkrankten Corona-Patienten zum Einsatz kommt. Foto: dpa

Das Konzept unterteilt die Berliner Krankenhäuser in drei bis vier Level. An der Spitze, als Level-1-Klinik, steht die Charité. Dort sollen die schwersten Fälle behandelt werden und von dort aus wird koordiniert und beraten.

Als Level-2-Kliniken sind zurzeit 16weitere spezialisierte Kliniken definiert, die Erfahrung haben, Patienten mit schwerem Lungenversagen zu behandeln – darunter die großen Vivantes-Kliniken, das Helios Klinikumin Buch, das Sana Klinikum Lichtenberg und das Unfallkrankenhaus Marzahn. Dort sollen primär alle intensivpflichtigen Covid-19-Patienten behandelt werden.

Die schwersten Fälle kommen an die Charité

Die übrigen 60 Berliner Notfallkrankenhäuser sind auf Level 3 und sollen die intensivmedizinische Versorgung all jener Patienten übernehmen, die nicht an Covid-19 erkrankt sind. „Es ist wichtig, Bereiche zu haben, die frei von Covid sind“, sagt Spies. Schließlich müssen Patienten mit Unfallverletzungen, Herzinfarkten, Schlaganfällen, Krebserkrankungen und anderen akuten und bedrohlichen Leiden auch weiterhin versorgt werden.

Wenn sich die Pandemie nur annähernd derart entwickelt wie in Italien, wird jedoch umgestuft. „Es kann sein, dass dann auch einige Kliniken des Levels 3 Covid-19-Fälle versorgen müssen“, sagt Spies. Auch ein vierter Level ist vorgesehen. Dabei handelt es sich um Einrichtungen wie das Immanuel- Krankenhaus in Wannsee, die bislang keine Intensivstationen haben. „Dort baut eine ehemaligen Kollegin eine Intensivstation auf“, berichtet Claudia Spies.

Die Professorin ist an der Charité mitverantwortlich für das ARDS/ECMO-Zentrum. Es ist zuständig für die Behandlung von Lungenversagen in Berlin und dem Umland. An dem Zentrum erforscht und behandelt man seit 30 Jahren schwerste Fälle. Diese Expertise ist in Corona-Zeiten gefragt wie nie zuvor. Drei Covid-Patienten befinden sich dort bereits in Behandlung. Und es werden mehr werden. Denn man erwartet, dass fünf bis sieben Prozent der nachweislich Infizierten so schwer erkranken, dass sie auf der Intensivstation behandelt werden müssen, rund die Hälfte davon benötigt künstliche Beatmung, einige auch die aufwendige ECMO-Therapie. ECMO ist das letzte Register, das Ärzte ziehen können, wenn die Lunge versagt. Bei dem Verfahren wird das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff befüllt und wieder zurückgeleitet.

Kliniken koordinieren sich über eine Hotline

Die Fachleute dafür sind rar. Berlin ist in dieser Hinsicht relativ gut dran. Es hat bundesweit das größte ECMO-Zentrum. Im Normalbetrieb stehen an der Charité 30 Spezial-Geräte bereit, verteilt auf die Standorte in Mitte, Wedding und Steglitz. „Jetzt haben wir aufgestockt auf 56 und hoffen, bald 75 Geräte einsatzbereit zu haben“, so Spies. Ärzte und Pflegepersonal seien für diese Therapie besonders gefordert. „Um schwere Lungenversagen gut zu behandeln, braucht man jahrelange Erfahrung“, sagt Spies.

Dieses Wissen müssen die Experten nun so weit wie möglich streuen. Dazu wollen sie Telemedizin nutzen. Mithilfe einer mobilen Kamera, die an das Bett eines Patienten gebracht wird, können sie von der Charité aus auch entfernte Kliniken beraten und zum Beispiel via Bildschirm selbst einen Blick auf Werte wie Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung sowie auf die Beatmungsgeräte werfen.

Für die Koordination gibt es eine Hotline für die Kliniken. Wenn dort Covid-19-Fälle mit Atemnot gemeldet werden, wird entschieden, wohin die Patienten gebracht werden. Die Transporte zwischen den Kliniken übernimmt die Feuerwehr.

Sollten sich die Kapazitäten der Level-2-Kliniken erschöpfen, werden dort zunächst weitere Intensivbetten für die Corona- Versorgung hinzugezogen. Wenn auch das nicht reicht, ist in einer weiteren Eskalationsstufe vorgesehen, auch noch bis zu 60 Prozent der Intensivbetten der Level-3-Kliniken für Corona zu nutzen. Für Eskalationsstufe 4 werden in allen 60 Krankenhäusern auch Bereiche außerhalb der Intensivstationen rekrutiert.

Das von der Berliner Feuerwehr geplante Überlaufkrankenhaus auf dem Messegelände ist in dem Plan nicht explizit erwähnt. „Es hat eine Sonderstellung und ist für die Notsituation gedacht, in der alle anderen Kapazitäten in den Kliniken ausgenutzt sind“, sagt Spies. Rein rechnerisch ist eine solche Situation gar nicht so abwegig. „Wenn alle Berliner zugleich an Covid-19 erkranken würden und sieben Prozent davon ins Krankenhaus auf eine Intensivstation müssten, bräuchten wir auf einen Schlag 280.000 Betten“, rechnet die Ärztin vor.

Dieses extreme Szenario ist natürlich sehr unwahrscheinlich. Aber bei der Kalkulation der Kapazitäten ist auch zu bedenken, dass Covid-19-Patienten, wenn sie erstmal auf der Intensivstation landen, dort lange Zeit behandelt werden müssen. „Sehr schwer Erkrankte versterben innerhalb der ersten 14 Tage, bei den meisten anderen Intensivpatienten zieht sich die Behandlung vier bis sechs Wochen hin“, sagt Claudia Spies. Darum rechnet sie in den nächsten acht Wochen mit einer immensen Belastung der Berliner Kliniken. „Wenn die Fallzahlen nicht bald zurückgehen, wird dieser Zustand noch länger andauern“, sagt die Professorin.