Die Eckkneipe Bierbaum 3 im Neuköllner Schillerkiez.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Neukölln ist in Sachen Corona in aller Munde. Erst sorgten die sommerlichen Raves im Volkspark Hasenheide mit geschätzt 5000 Teilnehmern bundesweit für Erstaunen, dann die großen Clan-Hochzeiten. Heute hat der Bezirk mit einem 7-Tage-Inzidenzwert von 214,6 Personen (Stand: 22 Oktober) den zweithöchsten Wert in der Bundesrepublik und rangiert gleich hinter Berchtesgaden, das sich bereits im Lockdown befindet. Der rund 330.000 Einwohner zählende Stadtteil ist ein absoluter Hotspot, wenn es um Corona geht. Wie geht es den Menschen in Neukölln damit, wie wirkt sich der rasante Anstieg der Fallzahlen auf ihr Verhalten aus? Und: Wo sehen sie die Ursachen?

In der Karl-Marx-Straße begrüßt Kazim Erdogan, Gründer des Vereins Aufbruch Neukölln, mit einem Tässchen Schwarztee, seine Bewegungen sind ruhig und gelassen. Der Psychologe und Soziologe hat schon viele Ehrungen erhalten und ist heute so etwas wie die gute Seele des Viertels. „Wir haben Nähe gezeigt, uns umarmt und geküsst“, sagt er, „jetzt wurde uns das alles genommen. Corona ist ein Schatten von uns geworden.“ Jetzt, erzählt er, blieben ältere Kursbesucher aus Angst vor Ansteckung fern. Er bekommt mit, wie häusliche Gewalt zunimmt und viele junge Minijobber und Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeit verloren haben. Vor drei Wochen ist er Opa geworden, seine Enkeltocher Aylin hat er aber noch nicht in den Arm genommen. Aus Vorsicht.

Seit sich das Pandemie-Geschehen Anfang Oktober dramatisch verschärft hat, wird um Erklärungen gerungen. Der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) führt den derzeitigen Notstand auch auf Feiern in türkisch-arabisch geprägten Großfamilien zurück. „Allein von Mitte September bis Anfang Oktober fanden sieben Großhochzeiten im Bezirk statt.“ Zwei Feiern mit bis zu 350 Gästen werden in der Rückschau heute als Superspreading-Events eingestuft. Und ebenso wie die Streuung des Virus ist die Rückverfolgung aller Anwesenden und wiederum ihrer Kontaktpersonen ein Problem - auch sie bringen die Gesundheitsämter über ihre Belastungsgrenze hinaus.

Dass Corona gerade Neukölln so schwer trifft, schmerzt Kazim Erdogan. Wer um die Verdienste Erdogans für seinen Kiez weiß, ist schließlich fast ein wenig gehemmt zu fragen, warum es gerade Neukölln so stark erwischt hat. Doch Erdogan antwortet beflissen. Zum einen seien die beengten Wohnverhältnisse in dichten, kleinen Wohnungen und die schwachen sozialen Verhältnisse eine ideale Brutstätte für das Virus. Zum anderen wären natürlich auch die „Sitten und Bräuche“ der hier ansässigen Menschen dem Pandemie-Geschehen zuträglich.

Doch die eigentliche Ursache für die rasante Ausbreitung des Virus sieht Erdogan woanders: „Wir konnten die Menschen nicht ausreichend für die Seuche sensibilisieren.“ Corona verbreite sich hier so schnell, weil die Kommunikation darüber schlecht sei oder kaum stattfinde. Gerade jüngere Menschen, die vor allem anfangs die Gefahr des Virus verharmlost oder gar ignoriert hätten, hätten sich auch von türkischen Staatsmedien leiten lassen: „Weil in der Türkei die Ausgangssperre auf Menschen ab 65 Jahren reduziert worden war, ist bei vielen der falsche Eindruck entstanden, Corona könne nur Älteren etwas anhaben.“

Währenddessen fahren die öffentlichen Institutionen im Bezirk ihre Kapazitäten hoch – im Neuköllner Gesundheitsamt sollen bald 240 Mitarbeiter arbeiten, mehr als doppelt so viele wie im Normalbetrieb. Auch über eine Unterstützung des Zolls für das Ordnungsamt denkt man inzwischen laut nach. Schließlich muss das Alkoholverkaufsverbot ab 23 Uhr durchgesetzt werden. Große Feiern sind bereits seit dem 3. Oktober untersagt, private Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen dürfen nach den neuesten Regeln nur noch aus Personen aus dem eigenen Haushalt sowie fünf anderen bestehen oder aus maximal Menschen aus zwei Haushalten. Ab Sonnabend gilt zudem in der Karl-Marx-Straße überall die Maskenpflicht.

Es wird langsam dunkel. Das Bierbaum 3 ist eine urige Rockerkneipe im Schillerkiez. Inhaber Abdul Güzel ist ein kerniger Typ: Motorradfan, weißer Rauschebart und drei dicke Goldringe an der Hand. Ein Kerl wie ein Baum, schwer vorzustellen, dass ihn etwas umhauen kann – seit 17 Jahren führt er nun das Lokal. Trotzdem, vor dem nächsten Lockdown, „der sicher kommen wird“, hat er „Schiss“. Was ihn umtreibt, ist die Sache mit den privaten Partys: „Weißt du, was jetzt los ist? Vor Kurzem haben drei Leute, die waren vielleicht um die 20 Jahre alt, hier Cola getrunken und sind dann losgefahren und meinten, sie gehen jetzt bei ‘nem Kumpel feiern. Da würden sich 20, 30 Leute treffen. Das ist jetzt los. Und dort schert sich eh niemand mehr um die Maske.“

Wenn man ihn danach fragt, was er von den hohen Infektionszahlen in Neukölln hält, antwortet er trocken: „Ich kenn‘ keinen, der das hat. Ich weiß auch nicht, ob die Berichte wahr sind.“ Und trotzdem, auf eine Diskussion mit einem Stammgast, der von herkömmlichen Masken nicht viel hält („das ist wie Mücken mit dem Maschendrahtzaun fangen“) und sie deshalb lieber gleich ganz ablegen würde, lässt er sich nicht ein. In seiner rauchigen Stimme liegt viel Volumen, mehr noch als ohnehin schon, als er sagt: „Keiner kommt hier ohne Maske rein.“

Im Bierbaum ist drinnen um acht Uhr nur ein Tisch besetzt, an dem zwei Italienerinnen Anfang 30 vor einer Tüte Rosmarin-Chips sitzen und jede vor einem Aperol Spritz. Beide wären jetzt lieber in Italien, in der Natur, aber es hilft ja nichts. Während Giulia schon mit dem Gedanken spielt, sich bald ins Auto zu setzen und zurück nach Siena zu fahren, gibt sich Antonella aus Sardinien kämpferischer: „Es ist wichtig, dass wir ausgehen und uns sozialisieren, gerade jetzt. Wenn alles nur noch online stattfindet, werden die Menschen immer unsicherer, ihre Gefühle zu zeigen. Wir verlieren so schnell die Fähigkeit, unsere eigene Emotion auszudrücken und auch die gezeigten Emotionen der anderen zu akzeptieren. Dass wir innerlich dicht machen, ist schrecklich.“ Nein, aufs Ausgehen wird sie freiwillig nicht verzichten, auch wenn die Kurve weiter nach oben geht.