Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci kündigt schon seit langem eine neue Test-Strategie für Berlin an. Foto: dpa/Britta Pedersen

Seit Wochen kündigt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) eine neue Teststrategie für Berlin in der Corona-Krise an, nach der verstärkt Menschen ohne Symptome getestet werden sollen. Seit Wochen aber passiert nichts. Im Gegenteil: Die Bezirke und Amtsärzte laufen Sturm, weil Kalayci sie nicht einbezieht. In der Sitzung des Senats am Dienstag platzte anscheinend auch Kalaycis Chef und Parteikollegen der Kragen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ging Kalayci nach Informationen dieser Zeitung mehrfach scharf an, weil sie zentrale Fragen nicht beantworten konnte.

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Der Druck auf den Senat wächst nicht nur, weil sich die Gesundheitssenatorin selbst schon vor Wochen mit ihren Ankündigungen weit aus dem Fenster lehnte. Der Druck wächst auch, weil sich Berlin in seinem dreiteiligen Frühwarnsystem in der Corona-Krise einem kritischen Wert nähert. Wie die Senatsgesundheitsverwaltung am Dienstag mitteilte, liegt der Reproduktionsfaktor in Berlin nun bei 1,07. Am vergangenen Dienstag hatte er noch bei 0,79 gelegen. Der Reproduktionsfaktor gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt. Das Robert Koch-Institut empfiehlt ihn als einen zum Verständnis des Infektionsgeschehens zentralen Wert.

Berlin schöpft Test-Kapazitäten nicht aus

Noch schlägt Berlins Ampelsystem für diesen Indikator nicht Alarm. Von grün auf gelb springt die Ampel erst, wenn der Grenzwert 1,1 an drei hintereinander liegenden Tagen gerissen wird. Bei einem Wert ab 1,2 springt die Ampel auf rot. Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte aber an, dass der Senat nun genau auf den Reproduktionsfaktor schaue. „Sorglos sollten wir alle miteinander nicht sein.“

Um die Infektionen in der Stadt so früh wie möglich messen und eindämmen zu können, will der rot-rot-grüne Senat außerdem „Testen, testen, testen“. Zu Anfang war das nicht möglich – es fehlte schlicht an Testkapazitäten. Berlin hat sie rasch extrem hochgefahren. Dabei profitierte die Stadt von den großen Krankenhäusern und Laboren in der Stadt. Gestartet sei man mit 2000 Tests pro Woche, sagte Kalayci am Dienstag, nun seien mehr als 58.000 Stück pro Woche möglich. Allerdings schöpft Berlin diese Kapazitäten seit Wochen schon nicht aus. Zurzeit werden laut Kalayci gerade einmal 36 Prozent dieser 58.000 Tests pro Woche auch gemacht.

Keine flächendeckenden Tests

Das liegt vor allem daran, dass Kalaycis angekündigte Strategie noch fehlt. Denn ohne neue Vorgabe der Senatsverwaltung bleibt den Gesundheitsämtern und Teststellen in Krankenhäusern und Arztpraxen wenig übrig als weiter nach der eher restriktiven Regelung zu agieren, die in test-knappen Zeiten für den ganzen Bund ausgelobt wurde: Getestet werden nur Kontaktpersonen von Infizierten – und zwar nur, wenn sie auch Symptome zeigen.

Am Dienstag diskutierte der Senat die neue Teststrategie – kam aber offensichtlich nicht einmal an das heran, was Kalayci mit ihren Ankündigungen ohnehin schon lange vorausgenommen hatte. Bereiche wie Schule und Kita, Hotellerie und Gastronomie, Personennahverkehr, Polizei und Feuerwehr seien „sensibel“ , sagte der Regierende Bürgermeister im Anschluss an die Senatssitzung. „In diesen Bereichen wollen wir untersuchen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt.“

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Die landeseigenen Klinikkonzerne Vivantes und Charité hätten in Zusammenarbeit mit der Verwaltung nun einen ersten Vorschlag zur Ausweitung der Teststrategie gemacht, so Müller. Flächendeckende Tests aller Berliner seien nicht angedacht, in den grob benannten Bereichen solle „stichprobenartig“ und wiederholt getestet werden. „Wir müssen ein Gefühl dafür entwickeln, wann wir eingreifen müssen.“

Aufgabe der Wissenschaft

Die zentrale Steuerungsgruppe soll laut Müller besetzt werden mit Vertretern der Senatsgesundheitsverwaltung, des Corona-Krisenstabs in der Senatskanzlei, mit Vertretern von Charité und den Gesundheitsstadträten in den Bezirken. Darunter solle es noch einmal Fachgruppen aus der Wissenschaft und den praktischen Arbeitsbereichen geben.

Wie viele Tests es in welchem Bereich geben soll? Ab wann und wie Kinder genau getestet werden? Wie viel das alles kostet?  All das zu erarbeiten sei nun Aufgabe der „Wissenschaft“, sagte Müller. In zwei Wochen hoffe man, mit den Tests starten zu können. Dafür muss sich die „Wissenschaft“ allerdings mehr sputen als der Senat.