Werden die Corona-Regeln in Berlin wieder verschärft?  Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa 

Die Zahlen in Berlin steigen. Die Lage soll im Senat und bei einem geplanten Termin von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) mit Bürgermeistern der drei am stärksten betroffenen Bezirke besprochen werden. Aber schon jetzt laufen die öffentlichen Diskussionen. Von einem lokalen Lockdown beispielsweise hält Monika Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, gar nichts. „Wenn wir hier alles dicht machen, gehen die Menschen doch einfach über die Straße in den Nachbarbezirk“, sagt die 56-Jährige dem Tagesspiegel.

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falco Liecke (CDU) forderte im Interview mit dem rbb-Fernsehen unter anderem, wieder die Infektionsschutzverordnung zu verschärfen. Außerdem brauche es Hundertschaften der Polizei, die als eine Art Brennpunkt-Streife unterwegs seien. Diese sollten in die Hotspots gehen und zeigen „Party ist jetzt nicht“. Als Drittes forderte Liecke eine Aufklärungskampagne vor allem für jüngere Menschen.

Hintergrund der Diskussionen ist eine am Montagabend eingetretene Veränderung im Berliner Corona-Ampelsystem: Erstmals steht die Ampel nach Angaben der Gesundheitsverwaltung bei zwei von drei Kriterien auf Gelb. Dies bedeutet Beratungsbedarf. Erst bei Doppel-Rot sieht der Senat Handlungsbedarf.

Ein Überblick: Wie funktioniert die Ampel?

Das System berücksichtigt drei Indikatoren: Reproduktionszahl (kurz R-Wert, beschreibt die Dynamik des Infektionsgeschehens), Neuinfektionen im Verhältnis zur Einwohnerzahl innerhalb von sieben Tagen und Belegung von Intensivstationen mit Covid-19-Patienten. Für jeden dieser drei Punkte wurden kritische Werte definiert: Werden diese überschritten, wechselt die entsprechende Ampelfarbe auf Gelb oder Rot.

Bisher hatte es wiederholt kurzzeitig zum Beispiel eine rote Ampel für den R-Wert gegeben, dies allein rief allerdings keine Konsequenzen hervor. Erst in der Kombination werden – so ist es definiert – Beratungen oder weitere Schritte nötig.

Wie sehen die Zahlen derzeit aus?

Der R-Wert, der nun die zweite gelbe Ampel auslöst, stieg auf 1,52, wie ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung sagte. Der Wert wurde am Montagabend im Lagebericht im Internet veröffentlicht. Er besagt, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt. Angestrebt werden Werte unter 1, um die Pandemie zu bremsen.

Die Ampel für die Fallzahlen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen stand bereits auf Gelb: Der Wert am Montagabend betrug 21,9 und lag damit weiter über der Schwelle von 20. Berlin sei bei der Fallzahl pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen im Bundesländer-Vergleich Spitzenreiter vor Bayern, sagte Senatorin Kalayci am Montagmorgen im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. Das sei Grund zur Sorge.

Beim dritten Indikator, den Intensivbetten, steht die Ampel laut Gesundheitsverwaltung weiter auf Grün. Seit Wochen ist der Wert sehr niedrig und pendelt um ein Prozent, am Montag waren es 1,3. Kalayci erklärte im Ausschuss, derzeit gebe es viele Fälle unter jüngeren Menschen. Zwar würden junge Menschen die Krankheit leichter überstehen; allerdings wisse man aus anderen Ländern, dass es eine Frage der Zeit sei, dass die Jungen dann die Älteren ansteckten. „Und dann ist schon absehbar, dass es mehr Fälle in Krankenhäusern gibt – und auch mehr Todesfälle“, sagte Kalayci in der rbb-Abendschau.

Ist ganz Berlin gleichermaßen betroffen?

Kalayci zeigte sich im Ausschuss besorgt über die Entwicklung international und in der Hauptstadt. Der Anstieg der Neuinfektionen in Berlin nehme an Fahrt auf, sagte sie. Die Lage ist aber nicht in allen Bezirken gleich: Als besonders auffällig nannte Kalayci die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte, die sehr hohe Inzidenzen hätten. Laut Lagebericht der Gesundheitsverwaltung verzeichnete Friedrichshain-Kreuzberg 48,6 Fälle pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen, Mitte 34,7 (Stand Montag). An dritter Stelle liegt Neukölln mit 31,8.

Nach den am Montag veröffentlichten Zahlen haben sich bisher 13.256 Menschen infiziert. Das sind 148 mehr als am Vortag. Die Zahl der Todesfälle blieb unverändert bei 227.

Wo stecken sich die Menschen an?

Neben Ansteckungen in Privathaushalten und beim Freizeitverhalten habe man in der Stadt viele gestreute Neuinfektionen, die nicht auf bestimmte Ausbrüche zurückzuführen seien, so die Senatorin. Sie verwies auf Angaben aus Friedrichshain-Kreuzberg, wonach dort vor allem die Partys jüngerer Menschen zu Infektionen geführt hätten, darunter auch illegale Raves.

Wie Experten von der Charité und dem Spandauer Gesundheitsamt im Ausschuss übereinstimmend schilderten, stehen Schulen bisher nicht als schlimme Corona-Brennpunkte im Fokus: Vielmehr scheine es so zu sein, dass Erwachsene ihre Kinder ansteckten. Kalayci sprach von einzelnen Fällen an Schulen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Senatorin betonte, jeder könne einen Beitrag leisten, dass die Zahlen nicht aus dem Ruder laufen, indem die Regeln zu Abständen, Hygiene und zum Tragen von Alltagsmasken eingehalten würden. Mit Blick auf die Herbstferien wiederholte sie ihren Aufruf an die Berliner, auf internationale und nicht notwendige Reisen zu verzichten. Pandemiezeit sei angesichts des Einschleppungsrisikos keine Reisezeit, mahnte Kalayci. Sehenden Auges in ein Risikoland zu fahren, sei verantwortungslos.

Mit Blick auf das künftige Vorgehen bei Tests warte Berlin auf eine neue Ausrichtung von der Bundesebene, dann gehe es um die Umsetzung in Berlin, erläuterte die Senatorin. Wichtige Punkte sind der Einsatz von Schnelltests und Vorgaben des Bundesinnenministeriums zur Quarantäne-Zeit für Rückkehrer aus Risikogebieten. Bei den Schnelltests sollen Kalayci zufolge etwa Patienten mit Symptomen und der gezielte präventive Einsatz im Vordergrund stehen.

Es gebe noch einige offene Fragen rund um die Kriterien für Corona-Tests, sagte Burkhard Ruppert aus dem Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung. Er verwies auch auf die Grenzen der Laborkapazitäten. Wie er schilderte, haben sich inzwischen rund 30 Arztpraxen in Berlin auf Covid-19 spezialisiert. Die KV rechne damit, bis etwa Ende des Jahres mit Schutzkleidung gut ausgerüstet zu sein.