Die Clowns Stefanello und LeoFinow bei ihrer Balkonvisite in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg. Foto: Sabine Gudath

„Horch was kommt von draußen rein. Hallahi Hollaho“, summt eine ältere Dame, die ihren Gehwagen als Stuhl benutzt. Sie hat sich fein gemacht, trägt ein schwarzes T-Shirt mit roten Blumen und Perlenohrringen, die sehr gut zu ihren kurzen weißen Haaren passen. Für die Bewohner der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg ist heute ein besonderer Nachmittag. Die Clowns vom Verein Rote Nasen Deutschland e.V. kommen zur Fenstervisite.

Das Thema Einsamkeit unter Senioren ist in der Corona-Krise größer denn je. Die Kontaktbeschränkungen sind zwar gelockert, aber noch immer nicht aufgehoben. „Momentan darf jeder Bewohner nur einmal pro Tag für eine Stunde Besuch bekommen“, sagt Pflegedienstleiterin Sigrun Sahmland. Viele der Bewohner vermissten den Austausch mit ihren Angehörigen.

70 Künstler für Verein „Roten Nasen“ im Einsatz

Umso wichtiger ist die Arbeit des Vereins Rote Nasen Deutschland e.V. (www.rotenasen.de), der sich ausschließlich über Spenden finanziert. „Wir sind froh, dass wir diese Menschen trotzdem unter Einhaltung der Abstands- und Hygienregeln erreichen können“, sagt Sprecherin Elisabeth Fajt. Sie haben das besondere Konzept entworfen. Fenstervisite bedeutet, dass die Senioren das Animationsprogramm im Hof von ihren Balkonen und von der Terrasse anschauen können.

Stefanello und LeoFinow führen zwei Stoffhunde an der Leine und imitieren ein Bellen, das nahezu wie ein echter Hund klingt. „Möchtest du Flappi mal streicheln“, fragt LeoFinow eine Seniorin im Rollstuhl. Sie lacht etwas verschämt und fährt mit ihrer Hand vorsichtig über das rotbraune Fell.

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70 Künstler sind bundesweit für die Roten Nasen im Einsatz, 30 davon in Berlin und Brandenburg. Momentan finden 18 Fenstervisiten im regionalen Raum statt. Stefanello und LeoFinow kommen einmal die Woche für eine Stunde in die Seniorenstiftung in die Gürtelstraße 32 a und bekommen für ihre Arbeit ein Honorar. Im wahren Leben heißt Stefanello Stefan Palm (55) und LeoFinow heißt Leopold Altenburg (49). Sie arbeiten seit 17 Jahren und länger als Clowns.

Auf der Straße unterscheiden sie sich nicht von anderen Passanten. Erst im Pflegeheim ziehen sie sich vor jedem Auftritt um und schlüpfen in ihre Clownmontur. Stefanello trägt ein pinkes Hemd, karierte Hose und riesige rote Schuhe. Sein Kumpel trägt ein gelbes Hemd mit roter Fliege und hat an seiner schwarzen Stoffhose Hosenträger befestigt. Ihre roten Clownsnasen dürfen natürlich nicht fehlen.

Scherze und Respekt gehen Hand in Hand

„Schau mal, ich zeig euch ein Kunststück“, ruft Stefanello und wedelt den Stoffhund an der Leine durch die Luft. Die Senioren auf den Balkonen applaudieren. Es reißt sie für einen Moment aus ihrer Welt heraus. Sie stammen überwiegend aus dem Wohnbereich für Demenzerkrankte und stehen unter Betreuung. Deshalb dürfen wir ihre Namen im KURIER nicht nennen und sie auch nicht im Foto zeigen.

„Das Problem ist, dass ich das, was ich euch heute zeige, morgen schon vergessen habe“, sagt Stefanello. Er macht Scherze, aber versteht es, jeden Zuschauer mit Respekt zu begegnen. „Dazu fühlen wir uns in ihn ein und begeben uns auf seine Ebene. Wir lassen uns von ihm das Leben erklären.“ Viele Zuschauer haben Chaos im Kopf, so beschreibt es Stefanello. Sie wissen nicht mehr wer sie sind, woher sie kommen und erkennen den eigenen Sohn nicht mehr.

Die Arbeit der Clowns baut über Jahre wertvolle Beziehungen auf. „Wir kennen viele Bewohner persönlich mit Namen“, sagt LeoFinow. Von manchen mussten sie sich auch schon verabschieden, denn jeder im Publikum steht am Ende eines Lebens. Doch die Clowns sind lange genug im Geschäft, um mit Leid professionell umzugehen. „Unsere roten Nasen schützen uns davor“, erklärt Stefanello. Sobald sie sie abgesetzt haben, kehren sie aus ihrer Rolle in ihren Alltag zurück. So wie an diesem schwül warmen Sommernachmittag. „Aus und vorbei. Alles im Leben geht einmal zu Ende“, sagt eine Bewohnerin nach der Show und rollt mit ihrer Gehhilfe langsam zurück ins Haus.