Das Cantianstadion von 1951 mit der Tribüne von 1987. dpa

Empörung in Prenzlauer Berg und darüber hinaus: Das Cantianstadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark soll nach jahrelangem Gezerre abgerissen werden. Das entschied ein Lenkungsgremium des Senats. Die Bürgerinitiative Jahnsportpark schäumt über eine Entscheidung hinter verschlossenen Türen.

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Vier Personen waren an der Entscheidung des Gremiums beteiligt. Nicola Böcker-Giannini (SPD), die neue Sport-Staatssekretärin,  Christian Gaebler (SPD), ihr Kollege aus der Bauverwaltung, Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt und Pankows Bürgermeister Sören Benn (Linke).  Verabschiedet wurde eine Formulierung, die einem Realisierungs-Wettbewerb zugrunde liegen soll. Nach KURIER-Informationen enthielt sich Benn, stimmte aber einer Veröffentlichung zu.

Jahnsportpark: Bislang wird von 120 Millionen Euro Baukosten ausgegangen

In der Mitteilung heißt es dann: „Vor dem Hintergrund der Wirtschaftlichkeit, dem Raumprogramm, der städtebaulichen Rahmenbedingungen und den besonderen Anforderungen an ein Inklusionsportstandort hat das Lenkungsgremium entschieden, das Stadion unter Einbeziehung der wesentlichen identitätsstiftenden Merkmale des Jahnsportparks neu zu bauen.“ Merkmale könnten „struktureller, topografischer oder architektonischer Natur sein. Zitate und Reminiszenzen an das Bestandsstadion sind ebenso möglich wie der Erhalt einzelner Merkmale“.

Böcker-Giannini sagte dem KURIER, dass ein Neubau natürlich einen Abriss mit sich bringe und „übersetzte“ die Mitteilung: Es sei der Findigkeit der am Wettbewerb teilnehmenden Architekten aber überlassen, Teile des Stadions und seiner unmittelbaren Umgebung zu erhalten. Das könne der Schuttwall mit den Mauerresten sein, Teile der Tribünen, die Lichtmasten.

Am Ende müsse jedoch das lange gesteckte Ziel erreicht werden, ein „inklusives Stadion“ zu bekommen, das auch von Menschen mit verschiedensten Einschränkungen barrierefrei besucht werden kann. Dafür werde es verschiedene Maßnahmen geben, von behindertengerechten Toiletten bis zu Leitsystemen für Sehbehinderte.

Bislang wird von 120 Millionen Euro Baukosten ausgegangen. Böcker-Giannini: „Nach bisheriger Planung sind für 2022 insgesamt 2,4 Millionen und 2023 zwei Millionen Euro im Haushalt vorgesehen, der aber noch nicht beschlossen ist.“

Abriss im Jahnsportpark: Senatorin freut sich, die Bürgerinitiative nicht

Der offene, zweiphasige Realisierungswettbewerb für das Stadion mit einem städtebaulichen, landschaftsplanerischen Ideenteil soll im Frühjahr 2022 ausgelobt werden. Sportsenatorin Iris Spranger (SPD): „Wir freuen uns, dass der Wettbewerb um das beste Konzept für den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark jetzt starten kann. Damit haben wir einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu mehr Inklusion in unserer Stadt unternommen und ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse des Wettbewerbs.“

Diesen Optimismus teilen nicht alle. Während sich Sprangers Staatssekretärin bei der Entscheidung auf das Ergebnis eines öffentlichen Werkstattverfahrens beruft, an dessen Ende die Empfehlung eines Neubaus gestanden habe, erklärte die Bürgerinitiative: Am Ende des Werkstattverfahrens sei von Abriss oder Umbau die Rede gewesen. Die zweite Option sei jetzt weggefallen.

„Ein Stadion mit 20.000 Sitzplätzen soll abgerissen werden, um ein Stadion mit 20.000 Sitzplätzen an der selben Stelle zu bauen. Wundert sich noch jemand, dass das Bauwesen der größte Klimasünder überhaupt ist?“, sagte Philipp Dittrich, Architekt und Sprecher der Bürgerinitiative. Thomas Draschan, einer seiner Mitstreiter: „Zurück zur Hinterzimmer-Betonpolitik der 70er Jahre. Klimaschutz und Bürgerbeteiligung als Schlagwort, Inklusion als Vorwand, Reminiszenzen statt Erhalt geschichtsträchtiger Ostmoderne. Das können wir keinesfalls hinnehmen.“

Abriss in Prenzlauer Berg: Und was wird aus dem Sportpark nebenan?

Die Initiative beklagt auch das Schicksal der angrenzenden Breitensportanlage: „Zu diesem Skandal gehört, dass die Gestaltung des Sportparks auf die lange Bank geschoben und erst in der nächsten Legislaturperiode geplant werden kann - weil es die Sportverwaltung in acht Jahren nicht geschafft hat, das Bedarfsprogramm aufzustellen und im Haushalt verankern zu lassen. Für den Inklusions-, Schul-, Vereins-, und Breitensport ist das eine Ohrfeige, denn der Sportpark ist von viel größerer Bedeutung als das meistens hermetisch geschlossene Stadion.“

Drittligist Viktoria Berlin (hier in weiß) spielt im Cantianstadion, zuletzt wenig erfolgreich: 0 : 6 gegen Braunschweig. imago

Ein Vorwurf, den Böcker-Giannini zurückweist.  „Wir wollen den Sportpark entwickeln, ich hoffe, dass es im kommenden Haushalt Planungsmittel geben wird.“ Das Stadion will sie nicht kleingeredet  sehen. Es ei als einziger Drittliga-Austragungsort oder die Footballer von Berlin Thunder wichtig, und es sei richtig, endlich mit den Arbeiten anzufangen.