Campino, gut austrainiert, im Jahre 2008. Jetzt gehen sie wieder auf Tour. dpa/Wittek

Was war denn für Sie ein guter Tag, wird der Stasi-Mann von Campino, dem Sänger der Toten Hosen, gefragt. „Wenn ein Konzert geplatzt ist aufgrund der eigenen Arbeit ...“ Er lächelt, wenn er von Zersetzungsmaßnahmen spricht, berichtet, wie die Stasi versucht hat, die DDR-Punkszene kaputt zu machen, Bands auseinanderzubringen.

Zum 40. Band-Geburtstag der Toten Hosen kommt jetzt die neue ARD-Dokumentation „Auswärtsspiel: Die Toten Hosen in Ost-Berlin“ ins Fernsehen. Ein Film, der aber mehr als ein Bericht über ein illegales Konzert im Osten ist. Es geht um Punk im Osten und die Angst, die die Stasi und die DDR-Oberen davor hatten. Im Mittelpunkt der Doku steht neben den Hosen auch eine DDR-Punkband: Planlos.

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Man muss noch nicht einmal Fan von Punk oder den Toten Hosen sein, um sich für diese 75-minütige Doku zu interessieren (am 13. April um 22.50 Uhr im Ersten; bereits ab 10. April, dem Band-Geburtstag, in der ARD-Mediathek). Denn „Auswärtsspiel“ ist auch eine Verbeugung vor den aufmüpfig-mutigen Ost-Musikerkollegen der Hosen – und „ein Stück Zeitgeschichte, jetzt ganz von Punkrock unabhängig“, wie Gitarrist Michael „Breiti“ Breitkopf feststellt.

Campino im Gespräch mit dem ehemaligen DDR-Stasi-Mitarbeiter – im Gebäude der ehemaligen Stasi-Bezirkszentrale Berlin. SWR/Eco Media TV

Was ist also passiert, damals vor fast 40 Jahren, in der Hauptstadt der damaligen DDR? Eine Rückblende. Knapp ein Jahr nach der halboffiziellen Bandgründung mit einem Bremer Debütkonzert im April 1982 gelingt den Toten Hosen ein frecher Coup: Vorbereitet durch den gewieften britischen, in Berlin lebenden Musikmanager Mark Reeder (wurde später mit dem Techno-Plattenlabel MFS  bekannt), führen Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Trini die DDR-Stasi an der Nase herum.

Um nach Ost-Berlin einreisen zu können, bügeln sie ihre struppigen Punk-Looks glatt

Zuerst fahren sie mit ihrem maroden gelben Tourbus von Düsseldorf aus über die streng bewachte Grenze nach West-Berlin. Doch den Bus müssen sie da zurücklassen. Der 27. März 1983: Um überhaupt nach Ost-Berlin einreisen zu können, bügeln sie die struppigen Punk-Looks glatt, ziehen sich unauffällig an, kämmen die Haare ordentlich und reisen getrennt voneinander über den Grenzübergang Friedrichstraße in den Osten ein.

Das Ziel: die Erlöserkirche in Ost-Berlin in Rummelsburg, die unter misstrauischen Blicken des realsozialistischen Staates Blues- und Rockmessen ausrichtet. Gemeinsam mit den von DDR-Punks bereits bewunderten Toten Hosen tritt die Ost-Band Planlos um Sänger Michael „Pankow“ Boehlke und Schlagzeuger Bernd Michael Lade auf (der nach der Wiedervereinigung als „Tatort“-Kommissar Erfolg haben wird). Die Instrumente und die Anlage für das circa halbstündige Konzert wurden von Planlos gestellt. Zuschauer: 25.

Schauspieler Bernd Michael Lade war früher Schlagzeuger der Ost-Berliner Punkband Planlos. Imago/Tagesspiegel

„Auswärtsspiel“ erzählt nun mit Sensibilität und Witz die Geschichte dieser Begegnung zweier Welten und des illegalen Punk-Auftritts in seltenen Archivaufnahmen und aktuellen Interviews. Wo Filmdokumente fehlen, wird die Erinnerung auch mal mit Cartoons nachgebildet. „Ost-West durch die Brille des Punk“, so erklärt Regisseur Martin Groß den Anspruch seines Films.

Der Stasi-Mann sagt: „Ich sitze jetzt auf der Verliererseite dieser Systemauseinandersetzung.“

Zu den emotionalen Höhepunkten gehören die Wiederzusammenführung der Musiker und ein Tribute-Konzert der Hosen in der Berliner Kirche, man sieht Tränen glitzern. Die Rolle des Buhmannes übernimmt ein Ex-Stasi-Mitarbeiter, der auch auf die Punkszene angesetzt war – man fühlt gleichwohl Respekt dafür, dass er sich mit seiner Sicht der Dinge, die sich bis heute nicht geändert hat, einer Kamera gestellt hat, dem Gespräch mit Campino. „Ich bin beteiligt wie viele andere an einem Teil der Systemauseinandersetzung“, sagt der Stasi-Mann über seine Arbeit. „Ich sitze jetzt auf der Verliererseite dieser Systemauseinandersetzung.“

Heute ist klar, dass der Auftritt der Toten Hosen Anfang der 80er-Jahre zusammen mit (den später von der Stasi perfide kaltgestellten) Planlos für die Ost-Punkszene ein Signal der Solidarität war. Im Film sagt Campino (59): „Das war so ’ne Art Untergrundpfadfindertum, was ich mein Leben lang geil fand.“ Und Planlos-Drummer Lade (57) meint: „Das war alles schon Vormusik auf den Untergang der DDR.“

Die Toten Hosen mit Campino ganz am Anfang ihrer Karriere. SWR/JKP

Nicht nur in der TV-Dokumentation fällt auf, wie tief sich die Toten Hosen vor ihren Ost-Kollegen verneigen. „Durch dieses Filmprojekt ist zu sehen, was für geniale Typen diese Planlos-Jungs waren“, bekräftigt Campino. Dass sich die jungen Musiker in der DDR nie haben korrumpieren lassen – „das beeindruckt mich nach wie vor“, so der Hosen-Sänger. „Gegen euch sind wir wirklich nur ein Kindergeburtstag.“

Und Hosen-Gitarrist Breiti ergänzt: „Dass sie sehr mutig waren und ein viel härteres Programm hatten als wir jemals auch nur annähernd, das war uns immer bewusst. (...) Bei uns war klar: Wenn das Ganze auffliegt, dann landen wir für eine Nacht in einer Arrestzelle und dann werden wir wieder rausgeschmissen. Aber für alle Leute im Osten hätte das ganz andere Konsequenzen gehabt.“

Zurück in der Erlöserkirche: Die Toten Hosen spielten hier für die ARD-Dokumentation noch einmal live. SWR/Eco Media TV/Carolin Ubl

Am 20. August spielen die Toten Hosen und Planlos gemeinsam ein Konzert

Beim Berliner Hosen-Konzert im 20. August auf dem Flughafen Tempelhof sollen die Planlos-Musiker nun als Gäste auftreten. Mit der „Alles aus Liebe“-Jubiläumstournee der Düsseldorfer ab dem 10. Juni werden vier erfolgreiche Band-Jahrzehnte gefeiert. In Zahlen: 17 Studio- und acht Live-Platten, sieben Kompilationen – seit 1990 belegten die Hosen elfmal Platz 1 der Albumcharts.

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Vor 40 Jahren  hat der immer noch jungenhaft agil wirkende Campino (bürgerlich: Andreas Frege) „mit Sicherheit nicht“ an ein so langes Bestehen gedacht. „Wir haben damals nur für den Moment gelebt, und im Grunde genommen tun wir das auch heute noch.“ Man fühle als Band nun „eine Riesendankbarkeit, wie lange wir das schon durchziehen dürfen und dass unser Publikum immer noch nicht die Nase voll von uns hat“.