Auf Erkundungsgang im Tunnel zu einem ehemaligen Stasibunker, einst als Obst- und Gemüsekeller getarnt. Stefan Henseke

Kurz hinterm Stadtrand von Berlin, in der Nähe vom Schmöckwitz. Mitten in einem Kiefernwald tauchen sie vor uns auf. Zwei dicht bewaldete, nebeneinanderliegende Hügel, eine bröckelnde Treppe führt hinauf. Zu einer Metallkonstruktion, die an Aufbauten von U-Booten erinnert. In der Mitte eine kreisrunde Luke, kein Meter im Durchmesser, die rostige Abdeckung aufgeschoben. Das Licht der Taschenlampe beleuchtet im Inneren eine stählerne Leiter, mit dem Rand der Luke verschweißt. Doch die Finsternis saugt das Licht auf und lässt nur unsere Fragen aufblitzen: Wie tief geht es hinab? Und: Hält die alte Leiter uns aus?

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Von Kiefern überwucherte Riesentanks, geheimnisumwitterte Atombunker, dunkle Keller, die Zugänge zu einem Tunnelsystem sind: In den Brandenburger Wäldern stößt man vielerorts auf Spuren der Vergangenheit. Von deutscher Wehrmacht, Roter Armee, von NVA, Stasi und DDR-Regierung. Sogenannte „Lost Places“, vergessene Orte, die oft gar nicht mehr so lost sind.

Einer der beiden Atombunker in Vogelsang, bemalt mit einem Endzeit-Bild des Berliner Streetart-Künstler Plotbot Ken. Stefan Henseke

Gerade in Corona-Zeiten ist das Spazierengehen an den abgelegenen Orten zu einer Art Volkssport geworden. Wer in der letzten Zeit einmal am Wochenende in der „Stadt im Wald“, den sowjetischen Kasernen von Vogelsang (mitten in der Schorfheide), unterwegs war, hatte fast das Gefühl, mitten in einen Wandertag geraten zu sein. Selbst Familien mit Kleinkindern streifen durch die verlassene Anlage.

Manchmal hat man das Gefühl, halb Brandenburg ist unterbunkert

Aber es gibt einen Teil dieser verlassenen Plätze, der Spaziergängern meist verborgen bleibt – auch in Vogelsang. Das, was sich unter der Erde verbirgt. Manchmal hat man das Gefühl, halb Brandenburg ist unterbunkert. Kaum eine Kaserne ohne mehrere solcher Schutzbauwerke. Allein Hunderte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR listet die Internetseite sperrgebiet.eu auf – ohne exakte Adressen zu nennen, um Objekte, die von „fortschreitendem Verfall gezeichnet und von Zerstörung bedroht“ sind, zu schützen.

In diesem ehemaligen Atombunker der Roten Armee hat sich der Berliner Streetart-Künstler Tobo verewigt. Stefan Henseke

Rings um Berlin konzentrieren sich viele dieser meist unterirdischen, auch heute noch gut getarnten Anlagen. Nordöstlich und östlich von Berlin, zwischen Wandlitz und Strausberg, buddelten vor allem die DDR-Staatsorgane (Stasi, NVA, Regierung) in die Tiefe, rings um das ehemalige West-Berlin hatten sich die Sowjets eingegraben.

Bunker, die so geheim waren, das oftmals nicht mal die Wachposten davor wussten, was sie da schützten. „In dieser sogenannten Wartungseinheit WE 32 habe ich Dienst geschoben von November 83 bis April 85“, erzählt Thomas, der vor dem NVA-Bunker in Heinnickendorf (Führungsstelle des Ministers für nationale Verteidigung) Wache stand, auf einer Bunker-Fanseite im Internet. „Dort habe ich ca. 150 Wachdienste je 24 Stunden geschoben, unter anderem auch vor dieser Anlage, von dessen Existenz man nichts wusste. Man stand dort in einem kleinen Wachhäuschen davor und wunderte sich, welche Lamettafritzen dort ein und aus gingen oder für viele Stunden einfach verschwanden.“

Auf Bunker-Pirsch: Mitten im Wald führen auf einmal Treppen in die Tiefe

Ein paar dieser Bauwerke kann man heute ganz offiziell besichtigen (etwa den NVA-Bunker Garzau bei Bernau oder die Bunkerstadt Wünsdorf), andere wurden nach der Wende verschlossen und zugeschüttet. Doch viele scheinen vergessen zu sein, mitten im Wald führen auf einmal Treppen in die Tiefe. In andere kommt man nur auf abenteuerlichem Weg, etwa durch offene Lüftungsrohre, hinein.

Und die Urbexer (steht für Urban Exploring), die drin waren, posten dann die Bilder im Internet. Foto-Spuren, denen andere folgen – und die dann Zentimeter für Zentimeter die Brandenburger Wälder in der Satelliten-Ansicht von Google Maps nach Unregelmäßigkeiten durchforsten. Nach Bauwerken und dunklen Schatten, die eigentlich nicht in einen Wald gehören …

Auf einem ehemaligen Übungsgelände der NVA in der Nähe vom Scharmützelsee befindet sich ein geheimnisvoller Bunker, der eher wie ein mit Erde zugeschüttetes Riesenzelt wirkt. Ein Feldlazarett der NVA, die hier Sanitäter und Ärzte für die Versorgung von Verwundeten trainierte. Über ein Leichtmetallgerippe wurde eine dicke Gewebeplane gespannt und mit Erde bedeckt. Stefan Henseke

Bis man dann zum Beispiel die beiden Hügel in einem verlassenen, inzwischen bewaldeten Tagebau findet. Angelockt von Bildern, die das spektakuläre Innere der Hügel zeigen. Wir klettern die Leiter hinab, 36 Trittsprossen, 11 Meter tief – und stehen auf einmal in einer Kulisse, die aus einem SciFi-Film stammen könnte. Ein kreisrunder Kuppeldom, über 30 Meter im Durchmesser, von einem massiven Betonbunker umhüllt.

36 Sprossen: Die stählerne Leiter führt elf Meter in die Tiefe. In den Riesentanks lagert die NVA früher Kerosin. Stefan Henseke

Ein Lichtstrahl durchschneidet von oben die Finsternis, lässt die Leiter wie einen Zugang zu einem Ufo aufleuchten. Worte werden vom Hall zerhackt, der Stahlblechboden schwingt bei jedem Schritt mit. Und über allem liegt ein leichter Duft von Kerosin. Kein Wunder. Stehen wir doch mitten in einem Riesentank des ehemaligen Treib- und Schmierstofflagers 44 der NVA. Ursprünglich Teil eines Nazi-Rüstungsbetriebes wurde hier der Jet-Treibstoff TS-1 für die Lufttruppen der NVA gelagert. In jeden der beiden Tanks passten knapp fünf Millionen Liter. Doch von der Bundeswehr aufgegeben, verfällt das Gelände immer mehr, dazugehörige Gebäude sind nur noch ausgeschlachtete Ruinen.

Eine verwitterte Treppe mitten im Wald führt auf die Kuppe, unter der sich der Tank versteckt. Stefan Henseke

Bad Saarow: Experimentierten die Nazis hier mit Elektronenbeschleunigern?

Im Internet kurieren die wildesten Gerüchte zu den versteckten Bauwerken. Die Fantasie regt besonders ein kreisrunder Bunker auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht bei Bad Saarow an. Die einen vermuten, dass die Nazis hier mit Elektronenbeschleunigern experimentierten, andere erkennen eine Anlage zur Urananreicherung für eine deutsche Atombombe.

Der kreisrunde Bunker der Heeresversuchsanstalt: Experimentierten die Nazis hier mit Elektronenbeschleunigern? Stefan Henseke

Dabei ist die Erklärung für die Stahlbetonringe mit einem Durchmesser von 20 Metern ganz simpel. Ursprünglich legte die Wehrmacht das Bauwerk als Zisterne an. Bis die Rote Armee kam, das Gelände zu einem Munitionsdepot umwidmete und einen Kommandobunker benötigte. Davon zeugen die später angelegten Zugangsbauwerke und Durchbrüche in den Zisternenringen. Viel zu sehen ist nicht mehr. Ein paar verwitterte Stühle, zubetonierte Hebeanlagen, ein Betriebsraum.

Genauso abgerockt sieht es 50 Kilometer weiter im Norden aus. Wir sind nahe Werneuchen. Von einer Landstraße aus führt ein befestigter Weg, inzwischen mürbe und zersprungen,  in den Wald hinein. Nach 400 Metern macht der Weg einen Knick nach rechts – plötzlich schimmern Graffiti durch die Bäume, tauchen Häuser auf. Oder das, was noch davon übrig ist. Das, was heute wie eine illegale Mülldeponie aussieht, war einst Trainingsobjekt und Ferienanlage für den SV Dynamo. Jedenfalls offiziell. Denn der Sportplatz mit Bungalows war nur Tarnung – für das Ministerium für Staatssicherheit.

In dieser Ruine befindet sich einer der Zugänge in den Stasi-Bunker der Berliner Bezirksverwaltung. Stefan Henseke

Im Krisenfall wären hier 135 Mitarbeiter der „Ausweichführungsstelle der Bezirksverwaltung Berlin“ in den Untergrund gegangen. Mehrere Eingänge führen in das Tunnel- und Bunker-Labyrinth, vom Kommandenhaus aus steigt man eine Treppe hinunter – in einen fast 100 Meter langen Tunnel, der das Haus mit dem eigentlichen Bunker (1971 bis 1973 gebaut) verbindet. Mit schweren Luftschleusen aus Stahl  gesichert, 880 Quadratmeter groß, eingeteilt in schlauchartige Räume. Autonom hätten hier Berlins Stasi-Spitzen eine Woche unter der Erde überlebt.

Mitten in einem Wäldchen versteckt: Ein Zugang zum Stabsbunker der Stasi, einst als Obst- und Gemüsekeller getarnt, der einst über eine jetzt mit einer Betonplatte zugedeckte Treppe erreichbar war. Stefan Henseke

Was hier auffällt: Auch unterirdisch hatte die DDR ein Faible für Plattenbau, Fertig-Stahlbetonteile in Grau. Kennste einen Stasi-Bunker, kennste alle. Der Bauplan war anscheinend fast überall dort, wo die Stasi baute, der gleiche.

Wandlitz: Im Stabsbunker der Stasi

In der Nähe der Waldsiedlung Wandlitz, in der SED-Führung wohnte, gibt es zwei fast identische Stasi-Bunker, die Objekte OGK (Stabsbunker, einst als Obst- und Gemüsekeller getarnt, 750 Quadratmeter groß, 1968 bis 1970 gebaut) und SKP (Familienbunker, als Sieb-Kellerpumpwerk getarnt, 880 Quadratmeter, 1971 bis 1973). Letzterer hatte 20 schmale Kammern – Küche, Speisezimmer, Konferenzraum, Funk- und Nachrichtenzentrale und sechs Gästezimmer – in einem steht bis heute ein Triplestockbett.

In den engen Kammern, eine gleicht der anderen, konnte man Platzangst bekommen. Im Notfall hätten hier drei Stasi-Mitarbeiter geschlafen. Stefan Henseke

Aber nicht immer wurde in die Tiefe gebuddelt. Deutsche Wehrmacht und Marine ließen rings um Berlin auch mehrere Hochbunker errichten. Wie etwa der von den Sowjets Ende der 40er-Jahre gesprengte Bunker vom Typ T 750 im Lager Koralle bei Lobetal, einst zentrale Funkleitstelle der deutschen Kriegsmarine. Von hier aus wurden im Zweiten Weltkrieg die deutschen U-Boote geführt, unter dem Kommando von Großadmiral Karl Dönitz, der auf dem Gelände auch wohnte. Schriftsteller Lothar-Günther Buchheim („Das Boot“) schrieb in seinem Roman „Die Festung“: „Schwer vorstellbar, dass der U-Bootkrieg in allen sieben Meeren von diesem märkischen Kiefernwäldchen aus geführt wird. Koralle – wer nur auf diesen Namen gekommen sein mag. Für ein Stabsquartier unter Kiefern ausgerechnet Koralle!“ Die DDR-Bereitschaftspolizei nutzte die meterdicken Trümmer, mit neu gemauerten Treppen versehen, später zum Häuserkampf-Training.

Der Hochbunker am Rande des ehemaligen Militärflugplatzes Werneuchen. Stefan Henseke

Ein noch intakter Hochbunker steht am Rande des alten Militärflugplatzes Werneuchen, für die deutsche Luftwaffe Ende der 30er Jahre errichtet, nach dem Zweiten Weltkrieg von der 16. Luftarmee und Bombenflieger-Regimentern der Sowjetarmee, die hier stationiert waren, genutzt. Eine Zeitlang stand der Bunker offen, hinter der feuerfesten Stahltür führen Treppen bis ins oberste Stockwerk. Von der Einrichtung ist nur noch eine Schautafel zurückgeblieben – auf der exakt aufgeführt ist, wie die sowjetischen Regimenter ausgerüstet waren (Zahl der Flugzeuge, Raketen).

Eine alte Schautafel der Sowjetarmee ist im Hochbunker zurückgeblieben. Stefan Henseke

Vom Inventar ist in den Bunkern meist nur noch wenig zu sehen. Schrottdiebe haben fast alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war, selbst das Metall aus den Kabeln gerissen. Ob in den Stasi-Bunkern oder den sowjetischen Atomwaffenbunkern in Vogelsang, Neuthymen und Brand.

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Nur ein paar Bauwerke, besonders versteckt und weitab vom Schuss gelegen, wurden nicht vollständig geplündert. Eines der spannendsten finden wir im Bunker-Gürtel rings um den ehemaligen Truppenübungsplatz Heidehof-Golmberg. Ein geheimer Bunkerkomplex der Roten Armee: seit Mitte der 70er Jahre eine Kommandozentrale des Oberkommandos der sowjetischen Truppen in der DDR. Eine schroffe Hügellandschaft, die wie künstlich modelliert aussieht, durchbohrt von Panzerstellungen und von kleineren Bunkern, die den großen in der Mitte schützend umringen. Mit einem Geheimzugang unter einem Holzboden im Kommandantenhaus und einem bequemen Treppenzugang für die Stabsoffiziere, den auch wir bei unserer Stippvisite nehmen.

Der geheime Treppenzugang für Stabsoffiziere. Dieser Bunker war eine Kommandozentrale des Oberkommandos der Sowjetischen Truppen in der DDR. Stefan Henseke

Der Hauptbunker für den Oberkommandieren besteht aus Dutzenden Räumen, die über zwei parallel zueinander laufende Gänge verbunden sind. Und hier finden wir noch Räume mit Betriebstechnik, die der Zeit trotzen – riesige Lüftungsanlagen, die Wasseraufbereitung, die Strom-Generatoren, leuchtend gelb, rot, blau und grün gestrichen – die klassischen Farben in den sowjetischen Bunkern.

Riesige Lüftungsanlagen versorgten die ausgedehnte Bunkeranlage mit frischem Sauerstoff. Stefan Henseke

Der vordere große Raum, gleich beim Zugang für den Stab, scheint der Lagerraum gewesen zu sein, gleich daneben die Nachrichtenzentrale. Der größte Feind der Anlage ist heute die Feuchtigkeit. Ein Teil steht unter Wasser. Als wir den Bunker wieder verlassen, holen wir uns nasse Füße – und kommen mitten im Wald wieder heraus, an einem weiteren Zugang, der wir vorher im dichten Grün übersehen hatten.