Vor dem Hauptportal der Berliner Schloss-Kopie soll für das geplante Einheitsdenkmal historische Echtsubstanz demoliert werden. Die Arbeiten haben bereits begonnen. Foto: BK/Markus Wächter

Der erst vor kurzem mit Millionenaufwand sanierte historische Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals in Mitte soll für den Bau des umstrittenen Freiheits- und Einheitsdenkmals teilweise zerstört werden – um die geplante begehbare Wippe im Untergrund zu befestigen. Die Arbeiten haben begonnen. Ein Bagger hat die ersten Löcher in die historische Bausubstanz geschlagen. Jetzt wird Protest laut.

„Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf“, empört sich Annette Ahme, Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte. Um die schwere Betonschale der Wippe im Erdreich zu verankern, müssten mehr als 20 Meter lange Bohrpfähle durch die denkmalgeschützten Gewölbe des Sockels in den Schlamm getrieben werden, „bis man irgendwo festen Grund findet“, sagt sie. Die Gewölbe würden dafür in großen Teilen durchlöchert. „Auf den Pfeilern wird dann eine neue Betonplatte platziert, die die Wippe tragen soll“, so Ahme.

Fundamentgewölbe galt als „Meisterleistung des Ingenieurbaus“

Doch nicht nur der Sockel und mehrere Gewölbe würden zerstört, kritisiert sie. „Verhindert wird mit dem Bau der Wippe, dass die wunderbaren Bodenmosaike, die so aufwendig gesichert wurden, am ursprünglichen Standort wieder eingebaut und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“ Das sei „eine Schande, weil die äußere Form des großen Mosaiks genau passgerecht für die Schlossfreiheit hergestellt wurde“.

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Das Freiheits- und Einheitsdenkmal soll nach einem Entwurf des Büros Milla & Partner auf dem Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals errichtet werden – in Sichtweite zum Hauptportal des neuen Berliner Schlosses. So hat es der Bundestag nach einigem Hin und Her beschlossen. Kosten: 17,12 Millionen Euro. Für das neue Denkmal soll freilich massiv in die erhaltenen Reste des 1895 bis 1897 errichteten Nationaldenkmals eingegriffen werden, das auf einem etwa 76 mal 38 Meter großen Fundament entstand.

Ausschnitt aus dem erhaltenen Bodenmosaik vom Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals. Das Mosaik wurde ausgebaut und lagert außerhalb Berlins.
Foto: BK/Markus Wächter

Das aus Ziegeln gemauerte Fundamentgewölbe galt bereits zur Erbauungszeit als „Meisterleistung des Ingenieurbaus“, heißt es in einer Beurteilung des Landesdenkmalamts (LDA). Das im Krieg stark beschädigte Nationaldenkmal war zur Zeit der Sprengung des Stadtschlosses 1950 bis auf den Sockel abgerissen worden. „Die erhaltenen Gewölbe stellen das letzte, auch visuell noch erfahrbare Zeugnis des Berliner Schlossbezirks dar und weisen auf eine den Ort bis zum Ende des 19. Jahrhunderts prägende historische Topographie hin, die hier sonst inzwischen völlig verschwunden ist“, so das LDA.

Zum Denkmal gehört ein Bodenmosaik, das über Jahrzehnte unter einer Bitumenschicht auf dem Gewölbe erhalten blieb und mit einer Fläche von circa 800 Quadratmetern laut LDA „das großflächigste Bodenmosaik unter freiem Himmel in der deutschen Hauptstadt“ ist. Im Zusammenhang mit der Instandsetzung der Gewölbe von 2014 bis 2017 war das Mosaik freigelegt, gereinigt und ausgebaut worden. Bei der Untersuchung zeigte sich laut LDA, „dass das Mosaik von herausragender künstlerischer Qualität und in einem in weiten Teilen hervorragenden Erhaltungszustand“ ist. Das Mosaik zeigt unter anderem ein „geradliniges Flächenmuster mit eingestreuten Kronen und Namenszügen“. Noch heute lagert es außerhalb Berlins.

Gutachten hielt Wiedereinbau des Mosaiks für nicht umsetzbar

Der jetzt geplante Eingriff in das alte Denkmal ist massiv. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Kultur sollen „der zentrale Bereich der Gewölbe unter dem ehemaligen Denkmal“ sowie „ein Drittel des Gewölbes über dem Mühlgraben abgebrochen“ werden. Vollständig betroffen seien danach die Gewölbekammern 5, 6, 7 und 8, jeweils zur Hälfte die Kammern 4 und 9. Insgesamt seien „circa ein Viertel der historischen Gewölbe“ betroffen. Eine Genehmigung dafür liege jedoch vor. Das Gewölbe über dem Mühlgraben solle nach dem Bau des Fundaments für die Einheitswippe wieder in der ursprünglichen Form geschlossen werden. Eine Rückkehr des Mosaiks ist indes nicht geplant. Wenn es nach dem Landesdenkmalamt gegangen wäre, wäre ein Wiedereinbau des Mosaiks am authentischen Ort zumindest geprüft worden.

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Dafür hatte sich das Amt jedenfalls laut Senatskulturverwaltung im Verfahren um die Verlängerung der Geltungsdauer der Baugenehmigung starkgemacht. Ein Gutachten des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung sei jedoch zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Wiedereinbau des Mosaiks nicht umsetzbar sei und das Gesamtprojekt nachhaltig gefährden würde. Dieser Auffassung habe sich die Kulturstaatsministerin angeschlossen. Da bislang noch keine Lösung für einen alternativen Präsentationsort des Mosaiks gefunden werden konnte, plant das Landesdenkmalamt nun einen runden Tisch, um zu klären, was mit dem wertvollen Material geschehen soll.

So soll es werden: Blick auf das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal, das in Form einer begehbaren Schale auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals errichtet werden soll.
Foto: Milla & Partner

Im Hause von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wird der Eingriff in den denkmalgeschützten Sockel verteidigt. Die Kulturstaatsministerin setze den „mehrfach und zuletzt 2017 wiederholten Auftrag des Deutschen Bundestages um“, das Freiheits- und Einheitsdenkmal gemäß des Entwurfs ‚Bürger in Bewegung‘ zu errichten“, erklärt ein Sprecher. Grundlage des im Mai 2020 erfolgten Baubeginns sei „die Erfüllung aller Auflagen der Baugenehmigung, insbesondere der naturschutzrechtlichen und der denkmalschutzrechtlichen Vorgaben“. Die Mosaike seien im Zuge der 5,6 Millionen Euro teuren Sanierung des Denkmalsockels in Abstimmung mit der Berliner Denkmalschutzbehörde ausgebaut und gesichert worden. „Die Zuständigkeit für den weiteren Umgang“ liege beim Land Berlin. Das betreffe auch die Frage, ob die Mosaike an anderer Stelle „ganz oder teilweise wiedereingebaut“ werden.

„Der Standort für die Wippe ist und bleibt grundfalsch“

Laut der Grütters-Behörde war zwar der gesamte historische Sockel „Gegenstand der Sanierung“; in den von den Fundamentarbeiten für das neue Denkmal betroffenen Bereichen hätten sich die Sanierungsarbeiten in den Gewölben aber auf das Schließen von Rissen, in Einzelfällen auf den Ersatz von beschädigtem Steinmaterial sowie auf die Erneuerung einer Decke in Kammer 8 beschränkt. Fachleute, die an der Sanierung beteiligt waren, erinnern sich anders. Alle notwendigen Arbeiten seien unabhängig vom Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals ausgeführt worden. Zwischenzeitlich sei sogar durch den Bundestags-Haushaltsausschuss beschlossen worden, auf den Bau der Wippe zu verzichten. Dann hätte auch das Mosaik am vorhandenen Ort eingebaut werden können. „Das, was wir mühevoll saniert haben, ist jetzt zum Teil  zerstört worden“, so eine Fachkraft.

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Die Kunsthistorikerin Elisabeth Ziemer, Vorsitzende des Vereins Denk mal an Berlin, ist entsetzt. „Wie unsinnig ist es, den erhaltenen Sockel eines Denkmals samt Gewölbe zuerst zu sanieren und dann zu zerstören? Und dann auch noch das größtenteils erhaltene Bodenmosaik teuer abzubauen, einzulagern und verrotten zu lassen?“, sagt sie. „Ich hoffe, der Bundesrechnungshof nimmt sich der Sache an.“ Für Annette Ahme vom Verein Berliner Historische Mitte gibt es nur eine Lösung: „Wir fordern einen sofortigen Baustopp. Der Standort für die Wippe ist und bleibt grundfalsch.“