Physiotherapeut Paul legt Blumen an der Ecke Ranke- und Tauentzienstraße nieder Gerd Engelsmann

24 Stunden nach der mutmaßlichen Amokfahrt scheint an der Ecke Rankestraße / Tauentzien alles wieder normal zu sein. Die meisten Passanten streben an den Markierungen der Polizei auf dem Gehweg und auf der Fahrbahn vorbei, etliche machen Fotos mit dem Handy von den niedergelegten Blumen und Friedhofskerzen an  Ampelmasten. Über den Täter wird bekannt, dass er an einer schweren psychischen Erkrankungen, einer paranoiden Schizophrenie, leidet. Der verletzte Lehrer ringt weiter um sein Leben. Manche Passanten halten inne.

So wie Shadi (44), die die Hände zusammenlegt, den Kopf senkt: „Ich wohne hier in der Nähe, gehe mindestens drei bis vier Mal die Woche entlang.“  Glücklicherweise nicht gestern. Dennoch hat sie ganz seltsame Gefühle: „2016 war ich mit meinen Zwillingen im Kinderwagen vormittags auf dem Weihnachtsmarkt, abends gab es dann den Anschlag mit dem Lastwagen.“ Sie hofft, dass so etwas nie wieder passiert, und merkt traurig an: „Gegenüber sind die Absperrungen auf dem Breitscheidplatz ...“

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Shadi (44) hält vor dem Ampelmast inne, an dem Menschen Blumen für die Opfer niedergelegt haben. Sie kommt mehrmals in der Woche hier vorbei, am Mittwoch glücklicherweise nicht. Gerd Engelsmann

Kurz zuvor war Paul (47) an den Ort gekommen, stellte auch Blumen hin. Der Physiotherapeut arbeitet wenige Meter entfernt in einer Praxis in der Rankestraße: „Das Geschehen geht mir nahe, ich will damit meine Anteilnahme zeigen.“

Augenzeugin konnte nicht arbeiten kommen, zu schwer der Schock

Marit (51) verkauft gleich nebenan Tickets für „City Circle“-Stadtrundfahrten. Und ja, die Leute kämen, sie würde auch nach dem Schrecken des Vortags gefragt. Sie kann dazu nichts sagen, eine Kollegin hatte Dienst: „Sie ist heute nicht arbeitsfähig.“

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Fassungslos ist sie auch, was für Kommentare sie von Passanten zu hören bekomme: „Da lassen einige ihren Frust ab. Einer schimpfte auf die Regierung, und dass der Fahrer des Autos sowieso nicht bestraft würde.“

Glasermeister Stefan Morabel (54) bringt mit zwei Kollegen eine Notverschalung anstelle des Schaufensters an,  in das der mutmaßliche Amokfahrer gerast war. Gerd Engelsmann

Beschuldiger Gor V. nach Todesfahrt in Psychiatrie

Nach der Todesfahrt in Berlin kommt der festgenommenen 29-Jährige wie von der Staatsanwaltschaft beantragt in ein psychiatrisches Krankenhaus. „Das Amtsgericht Tiergarten hat soeben den von der StA beantragten Unterbringungsbefehl erlassen“, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstagabend per Twitter mit. Bei den weniger schwer verletzten Personen sei jedoch kein Tötungsvorsatz mehr angenommen worden, erklärte Behördensprecher Sebastian Büchner.

Dem Fahrer werde nun ein vollendeter Mord vorgeworfen und in 17 Fällen versuchter Mord sowie gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Die Mordmerkmale seien Heimtücke und Begehung mit gemeingefährlichen Mitteln.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es weder ein Anschlag noch ein Unfall war. Der Sprecher: „Es gibt tatsächlich Anhaltspunkte dafür, dass es eine psychische Beeinträchtigung bei dem Beschuldigten gab, die auch Anlass war für die gestrige Tat.“ Ob der Mann unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stand, davon hatte Büchner keine Kenntnis. Es gebe Hinweise auf eine paranoide Schizophrenie, entsprechende Medikamente seien in der Wohnung von Gor V. (29) gefunden worden.

Arztberichte werden ausgewertet

Derzeit würden noch Arztberichte ausgewertet, der Mann habe über seinen Verteidiger seine Ärzte von der Schweigepflicht entbunden. Ansonsten hat er laut Büchner keine weiteren Aussagen gemacht. Dem 29-Jährigen werde ein vollendeter Mord und 31facher versuchter Mord vorgeworfen, gegenwärtig nimmt die Staatsanwaltschaft aber an, dass er schuldunfähig ist.

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Laut Büchner war der Mann in der Vergangenheit wegen Bagatelldelikten aufgefallen, zuletzt habe es 2014 eine richterliche Verwarnung wegen Diebstahls gegeben. Zu den Plakaten mit Türkeibezug, die in dem Auto gefunden wurden, sagte der Sprecher, es seien zwei gewesen, handgeschrieben und mit Bezug auf den Krieg um Berg-Karabach. Das ist eine armenische Exklave in Aserbaidschan, zuletzt hatte die Armee dieser Turk-Nation 2020 wochenlang Krieg gegen Armenien geführt und dem Land ein Stück der Exklave entrissen.

Nachbarn beschreiben Amok-Fahrer als freundlich

Der Deutsch-Armenier Gor V. war mit einem Auto unterwegs gewesen, das seiner älteren Schwester gehört. Sie hatte Medien gegenüber von schwerwiegenden Problemen ihres Bruders berichtet.

Eine Frau, die im Wohnhaus des Verdächtigen in Charlottenburg-Nord wohnt, berichtete dem KURIER vom Einsatz der Polizei, die nicht lange nach der Tat zur Durchsuchung der Wohnung von Gor V. erschienen war: „Es war schrecklich. Die Polizisten, deren Gesichter vermummt waren, standen im Treppenhaus bis zu mir herunter. Ich konnte danach die ganze Nacht nicht schlafen.“

Über Gor V., den sie nur vom Sehen kennt, sagt sie das, was alle Nachbarn in dem Haus sagen: Er sei freundlich gewesen und habe immer nett gegrüßt. Allerdings sei die Polizei in der Vergangenheit mehrmals dagewesen. So zwei oder drei Mal, bestätigen Nachbarn. Einen verwirrten Eindruck wie nach seiner Festnahme habe Gor V. ihnen  gegenüber nie gemacht. Er habe, so sagen die Nachbarn, seit etwa 15 Jahren zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester die Dreizimmerwohnung bezogen.

Glaser verschließen zerstörtes Schaufenster mit Holz

An der Einmündung der Marburger Straße auf die Tauentzienstraße, stehen Kamerateams und nehmen auf, wie drei Mitarbeiter der Glaserei Bietz-Hoth bei der Arbeit sind. Glasermeister Stephan Morabel und seine Kollegen bringen aus Multiplex-Holzplatten eine Notverschalung an Stelle der zerstörten Schaufensterscheibe der Parfümerie-Kette Douglas an, in die der mutmaßliche Amokfahrer mit seinem Renault Clio gerast war. Dahinter stapeln sich Trümmer der Inneneinrichtung, Zettel an den Fenster teilen mit, die Filiale sei vorübergehend geschlossen. Morabel erwartet, dass der Ersatz der Scheibe wegen der Schäden an Fassade und Rahmen geraume Zeit auf sich warten werden lässt.

Gewerkschaft erwartet Folgen psychischer Belastung bei Polizisten und Feuerwehrleuten

Andere Schäden werden länger anhalten. Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), erwartet psychische Folgen bei Einsatzkräften. Er berichtet, dass Polizisten zusammengeklappt seien, als die ersten Meldungen von „Massenanfall von Verletzten“ hereinkamen: „Es waren Beamte, teilweise aus denselben Dienstgruppen, die beim Lkw-Anschlag am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt im Einsatz waren.“

GdP-Sprecher Benjamin Jendro lobt die schnelle psychologische Betreuung der Einsatzkräfte und Zeugen. Gerd Engelsmann

Jendro lobte, dass die Betreuung von Zeugen und Einsatzkräften in einer sofort geschaffenen Stelle in der Gedächtniskirche für schnelle psychologische Hilfe gesorgt hätten, das sei besser gegangen als 2016. Besser sei auch die Erfassung der Verletzten abgelaufen. Polizisten seien in die Krankenhäuser geschickt worden um zu erfassen, wer da eingeliefert wurde oder selbst in die Rettungsstelle kam.

Von den Schwerverletzten gibt es gute Nachrichten:  die sieben schwer verletzten Schüler schweben nicht mehr in Lebensgefahr. Allein der Kollege der getöteten hessischen Lehrerin kämpft weiter um sein Leben.  17 Klassenkameraden sind inzwischen mit dem Bus nach Bad Arolsen heimgekehrt. Auch unter den 17 Opfern, die nicht zu der Klasse gehörten, ist keiner in Lebensgefahr.

Hessens Ministerpräsident legt Blumen nieder

Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) habenlegten am Donnerstagabend Blumen für die Opfer der Todesfahrt nieder. „Ich empfinde ganz tiefe Trauer, wenn ich diesen Ort sehe, und mein Herz ist wirklich schwer, seitdem ich die Nachrichten erfahren habe“, sagte Rhein. Ein Mensch habe „eine ganze Schule, einen ganzen Ort und vor allem eine ganze Familie“ in eine Tragödie gestürzt.

Franziska Giffey (SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin, und Boris Rhein (CDU), Ministerpräsident von Hessen, besuchen den Ort der Amokfahrt. dpa/Fabian Sommer

Rhein lobte die professionellen Abläufe während des Einsatzes in der Hauptstadt. „Das hat den Menschen in Bad Arolsen, das hat den Schülern, das hat auch diesem Lehrerkollegium insgesamt einen großen Halt gegeben.“ In seelsorgerischer Hinsicht werde nun alles getan, was möglich sei. Es sei zudem ein gut ausgestatteter Opferfonds» aufgelegt worden, der verhältnismäßig voraussetzungslos Auszahlungen vornehmen werde.