Ein Frachter im Sturm. Die Firma Veinland – weit weg vom Meer in Brandenburg – hilft Mannschaften, ihre Schiffe auch in schwerer See sicher zu steuern. Foto: Havariekommando/dpa

Neuseddin/Potsdam – Es ist noch lange hin, bis für Brandenburg gilt, was für Baden-Württemberg sprichwörtlich ist: In jedem Ort drei mittelständische Weltmarktführer. Das Land müht sich, aber: Viele Unternehmen haben am Standort Brandenburg noch so einige Forderungen, wie eine Umfrage der Universität Potsdam zeigt.

Als Beispiel mag die weltweit tätige Firma Veinland im Gewerbegebiet von Neuseddin bei Michendorf dienen. Der Inhaber Gerald Rynkowski (56) und seine rund 40 Mitarbeiter entwickeln und bauen seit 2006 in der Hauptsache Geräte für die weit entfernte Hochsee: Sie helfen der Besatzung von inzwischen an die 10.000 Frachtern, Tankern, Kreuzfahrern und Luxusjachten, möglichst Treibstoff-effizient und umweltschonend zu fahren und ihre Schiffe so auszutarieren, dass sie auch bei schwerer See sicher bleiben.

Ein Bildschirm zeigt dem Steuermann per künstlichem Horizont, wie das Schiff im Wasser liegt. Foto: Gerd Engelsmann.

Der Potsdamer Rynkowski, der sich seit frühster Kindheit für die Seefahrt interessiert, bei der Volksmarine diente, mit Handelsschiffen zur See fuhr, Schiffselektrotechnik in Rostock studierte, bei einem international tätigen Hamburger Schiffsausrüster arbeitete, ab 2000 als Manager eine Softwarefirma in Brandenburg erfolgreich aufbaute, gründete dann 2006 sein eigenes Unternehmen in Seddin.

Gerald Rynkowski mit Flaggen der vielen Reedereien weltweit, mit denen sein Unternehmen zusammenarbeitet. Foto: Gerd Engelsmann

Bei der Standortsuche habe Berlin keinen Einfluss gehabt: „Es hilft uns nur, weil in Singapur niemand Brandenburg kennt. Wir sagen immer, wir kämen aus der Nähe von Berlin.“ Gut sei Berlin auch, weil Berliner ins Umland ziehen, weil sie dort günstigere Grundstücke für ein Haus finden oder wegen hoher Mieten ins Umland flüchten. Deshalb könne seine Firma auch Fachkräfte in der Nähe finden.

Das Geschäft läuft, aber der Datenaustausch mit Kunden in aller Welt ist verbesserungswürdig: „Seit zehn Jahren versuche ich, einen Glasfaser-Anschluss zu bekommen.“ Ein Kabel liege in der Nähe, aber die Telekom habe für den Hausanschluss 6000 Euro und dann monatlich 1000 Euro verlangt. Deshalb liefe alle Kommunikation über fünf Kupferkabel aus der Zeit.

Veinland stellt hoch entwickelte Produkte her – aber der Datenaustausch läuft über Kupferkabel. Foto: Gerd Engelsmann

Einige Fotos von Schiffen hängen schief an der Wand in der Montage, und das verweist auf ein anderes Problem, den Verkehr. Verkaufsleiter Christoph Niendorf: „Wenn hier ein Lkw zu schnell vorbeifährt, bebt das Haus, dann kann man die Bilder wieder gerade rücken.“ Etwa ein halbes Jahrhundert alt ist die Zufahrtstraße ins Gewerbegebiet – Betonplatte an Betonplatte. Rynkowski: „In der Zeit haben sie den Berliner Ring viermal ausgebaut.“ Die A10 ist keine zwei Kilometer entfernt, sodass die Wege für geschäftliche Fernreisen nach Tegel und künftig zum BER schnell zu schaffen sind. Ansonsten sind Autobahnen in Rynkowskis Augen für Reisen in Deutschland ungeeignet: zu viele Staus. Die Bahn als mögliche Alternative dagegen sei zu unflexibel und teuer.

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Die Zufahrtstraße ins Gewerbegebiet von Neuseddin gleicht teilweise einem Acker.
Foto: Gerd Engelsmann

Ganz wichtig ist für den Unternehmer, dass eine andere Art von Infrastruktur in Brandenburg verbessert wird: Die Versorgung mit Kitas und Schulen, auch mit flexiblen Betreuungszeiten. „Nur wenn die Kinder versorgt sind und man nicht lange fahren muss, sind die Eltern frei für die Arbeit.“ Noch vor wenigen Jahren habe der Bürgermeister seiner Gemeinde von schrumpfender Einwohnerzahl gesprochen. „Das ist besser geworden, die Kita hier wurde nun erweitert.“

Mit der Verwaltung ist Rynkowski  zufrieden, will aber möglichst wenig mit ihr zu tun haben, um mehr Zeit fürs Geschäft zu haben. Er bemängelt, dass die verschiedenen Behörden nicht wirtschaftlich dächten wie er. Wirklich verärgert ist er über die Ministerialebene. Gerade das Wirtschaftsministerium habe zu viele Tätigkeiten und  Wissen an Institutionen wie zum Beispiel die brandenburgische Investitionsbank ausgelagert, die sich seltsam gebärde: „Die fand es ganz toll, dass sie uns 30.000 Euro Corona-Hilfe ausgezahlt hat. Wir sollten sie nicht so schnell ausgeben. Dabei reicht der Betrag noch nicht einmal für die Sozialabgaben der Mitarbeiter in einem Monat.“

Ronny Wüstenhagen, Software-Chef bei Veinland, testet eine bestückte Leiterplatte. Die Firma produziert unter anderem auch Warnleuchten für Windräder – ein zu kleines Segment für große Elektrokonzerne.
Foto: Gerd Engelsmann

Die eigentlichen Gehälter, Lohnsteuer, Gewerbe-, Grund- und Körperschaftssteuer sowie viele andere Pflichtbeiträge und Versicherungen kämen noch dazu. Durch Umstrukturierung und andere Maßnahmen habe die Hilfe zwischenzeitlich wieder an die ILB zurückgezahlt werden können.

Studie mit gemischten Ergebnissen

Die Aussagen des Unternehmers spiegeln teilweise die Ergebnisse einer Studie wider, die am Potsdamer Lehrstuhl für Marketing von Professorin Uta Herbst angefertigt wurde. Dafür wurden 99 Unternehmen befragt, die in Brandenburg ihren Hauptsitz oder eine Niederlassung haben. Die Befragung deckte alle Wirtschaftszweige ab, die meisten Unternehmen hatten zwischen fünf und 20 Mitarbeiter und waren über fünf Jahre alt. Herausgefunden werden sollte, wo sich Wirtschaft gut entwickelt („Hot-Spots“), was die Unternehmen an Rahmenbedingungen erwarten und wie zufrieden sie mit denen sind.

Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Während Erwartung an und Zufriedenheit mit der Lebensqualität am Ort fast deckungsgleich sind, hängt Brandenburg kommunikationstechnisch weit hinterher. Fast 100 Prozent der Firmen wünschen eine gute Mobilfunk- und Breitbandversorgung, aber nur jede zehnte Firma ist damit zufrieden.

Mäßige Verwaltungsleistung

Die Verfügbarkeit von Fachkräften sei mäßig, der öffentliche Nahverkehr ebenfalls, und die Leistung der öffentlichen Verwaltung schneidet nur mittelprächtig ab.

Wenig aussagekräftig ist der genannte Bedarf an günstigen Grundstücken: Der ist in Potsdam höher als jenseits des Speckgürtels, so wie auch der erwünschte Grad an Vernetzung mit anderen Firmen. Start-ups in Potsdam wollen ihn dringend, BASF in Schwarzheide oder ein Malermeister in der Prignitz weniger.

Hier könnten Kommunen, Landkreise und wohl auch das Land vom Tesla-Projekt lernen, findet Professorin Uta Herbst von der Uni Potsdam: „Dass über eine langsame, nicht digitale und übermäßig bürokratische Verwaltung geklagt wird, gilt für ganz Deutschland. Eine aktive, effiziente und offene Verwaltung dagegen kann Erfolge erzielen.“

Vom Tesla-Projekt lernen

So sei es überraschend gelungen, Tesla zur Ansiedlung in Grünheide (Fürstenwalde/Spree) zu bewegen, weil dem Unternehmen klar mitgeteilt worden sei, was möglich ist, welche Bedingungen erfüllt werden müssen, welche Unterlagen bis wann zu liefern sind und was die Risiken sind.

Professorin Herbst sieht als Quintessenz der Studie, dass die Probleme der Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen ebenso wie der Fachkräftemangel dringend angegangen werden müssten, um „den bereits identifizierten Hot-Spots wie Potsdam, Grünheide oder Brandenburg/Havel weiteren Aufschwung zu ermöglichen und insbesondere im Norden und Südosten neue Wirtschaftszentren zu schaffen.“

Das deckt sich mit der Politik Brandenburgs, die seit 2005 versucht, mit dem Konzept „Regionale Wachstumskerne“ die Wirtschaft weiterzuentwickeln. Für die Forscher aus Potsdam durchaus mit Erfolg: „Brandenburg braucht sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.“