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Sanssouci: Alarm beim Alten Fritz: Schon Hunderte Bäume abgestorben

Sorgen um die Bäume: Sterbende Rotbuchen im Park von Sanssouci.

Sorgen um die Bäume: Sterbende Rotbuchen im Park von Sanssouci.

Foto:

Stiftung Preussische Schlösser und Gärten

Potsdam -

Die ersten toten Bäume stehen gleich vor der Tür. Sie säumen die Allee „Am grünen Gitter“, an deren Ende sich über den Weinbergterrassen das Schloss Sanssouci erhebt. Die Rinde ist grau, die Blätter bräunlich, die Äste stummelig. „Diesen Sommer ist es noch schlimmer als im vergangenen Jahr“, sagt Michael Rohde, seit 15 Jahren Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG).

Die zwei vertrockneten Kastanien stehen direkt vor den gelben Bauten, in denen schon der oberste Hofgärtner Friedrich des Großen und seine Nachfolger ihren Sitz hatten. Michael Rohdes Aufgabe ist es, ihre historische Landschaftskunst, seit 1990 Unesco-Weltkulturerbe, für die Nachwelt zu erhalten. Doch das fällt ihm zunehmend schwerer.

Sanssouci Schlosspark Potsdam

Der Park von Sanssouci: Er wird sich in den nächsten Jahren deutlich verändern.

Foto:

picture alliance / Bernd Settnik

Wenn der große Mann im dunkelblauen Anzug, 60 Jahre alt, derzeit durch die Gärten von Sanssouci läuft, spricht er von seinen Bäumen wie ein Arzt über Patienten auf der Intensivstation. „Der hat es nicht geschafft“, sagt er und zeigt auf eine meterhohe Rotbuche, in deren Krone große Löcher klaffen. Gleich daneben steht der nächste Kranke: „Der sieht auch schlecht aus, er wirft seine Äste ab, aber er kämpft noch.“

Zwei trockene Jahre hintereinander waren für etliche Pflanzen in den historischen Gärten zu viel. Sie leiden unter Wassermangel und Hitze. Allein in Sanssouci waren um die 750 Bäume nicht mehr zu retten, darunter auch solche, die an die 200 Jahre alt waren. Um die 2000 Bäume haben in den gesamten 15 Gärten und Parks der SPSG derzeit starke Schäden, etwa die Hälfte davon ist ganz abgestorben.

Bäume in Sanssouci: Dünne Baumkronen

Wer an diesem Spätsommertag zum ersten Mal Schloss Sanssouci, eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands, besucht, wird das auf den ersten Blick vielleicht gar nicht merken. Die Fontäne vor dem Schloss sprudelt munter in die Höhe, die Blumenbeete sind bunt, Touristen aus aller Welt machen auf den Stufen vor dem gelben Rokoko-Palast Selfies.

Doch wie es den Gärten wirklich geht, sieht man, wenn man nach oben schaut. Viele Baumkronen sind ausgedünnt und haben wenig Laub mit teils verfärbten Blättern, die Triebe fehlen, die schützende Rinde schält sich ab, die Stämme haben Risse wie offene Wunden, in die Schädlinge einfallen. Manche Wipfel sind noch vom letzten Sturm verdreht. Schilder im Park warnen die Besucher, dass wegen der großen Trockenheit Äste abbrechen könnten.

Ohne Sorge kann Michael Rohde schon lange nicht mehr durch Sanssouci gehen. In den vergangenen drei Jahren hat er kurz hintereinander alle Wetterextreme erlebt, die durch den Klimawandel auch in Zukunft häufiger werden. Im Juni 2017 überschwemmte Starkregen den Park, an einem Tag fiel fast halb so viel Regen wie sonst das ganze Jahr, im Herbst 2017 tobte Sturm „Xavier“, 2018 herrschte schon ab Mai wochenlang Dürre. Und auch diesen Sommer gab es zu wenig Regen, dazu an die 40 Grad.

„Solche Temperaturen hatten wir früher überhaupt nicht“, sagt der Gartendirektor. Mit den Folgen der extremen Wetterereignissen haben die Gärtner so viel zu tun, dass vieles andere liegen bleibt. „Immer öfter müssen die Gärtner zusätzliche Aufgaben der Verkehrssicherung, Schadensbeseitigung und Instandsetzung übernehmen“, sagt Michael Rohde.

Sorgen um die Bäume in Sanssouci: Michael Rohde befasst sich seit zehn Jahren mit dem Klimawandel.

Sorgen um die Bäume in Sanssouci: Michael Rohde befasst sich seit zehn Jahren mit dem Klimawandel.

Foto:

Michael Rohde

Dabei arbeiten sie an einem lebendigen Kunstwerk, das wächst und welkt und niemals fertig wird. Ständig muss es neu gepflanzt und zugeschnitten werden. Ein bisschen weniger Pflege, schon verwildert es.

Bäume könnten durch stressresistentere Alternativen ersetzt werden 

Unter den extremen Wetterbedingungen leiden vor allem typisch einheimische Arten. Bäume, die jeder, der in Deutschland lebt, ganz selbstverständlich mit Heimat verbindet. Eichen, Buchen, Linden, von Dichtern und Musikern seit Jahrhunderten beschrieben und besungen. Verlässliche Begleiter am Wegesrand. Derzeit halten sie es hier kaum noch aus. Sie kämpfen um ihr Überleben. Besonders Bäumen mit flachen Wurzeln geht es schlecht.

Sinkt das Grundwasser ab, weil zu wenig Regen fällt, kommen sie nicht mehr an die lebenswichtige Flüssigkeit. „Selbst wenn wir sie gießen, schaffen sie es nicht“, sagt Michael Rohde. Die SPSG hat nur ein begrenztes Kontingent an Brauchwasser, das sie aus der Havel in den Park pumpen darf. Die Wasserkünste, Fontänen und Brunnen, werden in Trockenzeiten deshalb zeitweise abgestellt.

Im Zuge des Klimawandels, fürchtet Michael Rohde, könnten viele Bäume und andere Pflanzen durch stressresistentere Alternativen ersetzt werden müssen. Die Frage ist aber, ob der Park dann historisch noch authentisch ist. Eigentlich soll Michael Rohde ähnlich wie der Restaurator eines Gemäldes die Landschaftsbilder möglichst so erhalten wie sie im 18. und 19. Jahrhundert ausgesehen haben.

Er hat es dabei nicht mit Ölfarben und Leinwand zu tun, sondern malt mit Bäumen, Büschen und Blumen. Nach den historischen Bestandsplänen und Befunden im Gelände soll er an derselben Stelle immer wieder dieselbe Gattung, Art und Sorte nachpflanzen. Doch das ist teilweise schon gar nicht mehr möglich.

Das liegt auch an der wachsenden Zahl von Schädlingen. An einem geschwungenen Weg bleibt Michael Rohde an einem der letzten Buchsbäume stehen. Er bückt sich, zieht mit den Fingern die bräunlichen Äste auseinander, lugt dazwischen in das Innere der Pflanze.

„Irgendwo sitzt hier bestimmt eine dicke Raupe“, sagt er. Vor einigen Jahren wanderte der Buchsbaumzünsler aus Asien ein und verwandelte die bisher immergrünen Bäumchen in trockene Gerippe.

Nachpflanzung von Bäumen für ursprüngliches Naturbild dauert zehn bis 20 Jahre 

Seitdem gibt es im Park fast keinen Buchsbaum mehr, ein Gewächs, das man eigentlich wie kein anderes mit Schlossgärten verbindet. Kaum ein Märchen- oder Historienfilm, in dem Prinzessinnen oder andere Edelleute nicht zwischen exakt zugeschnittenen grünen Skulpturen, Kegeln, Kugeln oder Labyrinthen aus Buchsbaum umherwandeln.

Doch nicht nur diesen trifft es. „Fast jede Baumart ist mittlerweile von Schädlingen befallen“, sagt Michael Rohde. Durch Hitze und Trockenheit geschwächt, sind die Bäume noch anfälliger. „Auch Kastanien können wir kaum noch nachpflanzen, weil entweder die Miniermotte oder ein Bakterium daran ist.“

Der Buchsbaum wird jetzt durch Stechpalme oder Heidelbeere ersetzt. Doch was wird aus dem preußischen Kulturerbe, wenn zukünftig noch mehr Pflanzen im Park durch robustere Arten ausgetauscht werden müssen? Ist das nicht so, als ob man der Mona Lisa einen anderen Haarton verpassen würde? Oder einem historischem Gebäude eine neue Tür? Manche Arten haben in der Gartenkunst auch eine symbolische Bedeutung.

„Wenn ich an einem Ort, der sentimental wirken soll, keine Trauerweide mehr pflanzen könnte, macht Denkmalpflege nur noch wenig Sinn“, sagt Michael Rohde. Die einstigen Gartenkünstler Peter Joseph Lenné oder Fürst Hermann von Pückler-Muskau haben sich schließlich etwas dabei gedacht, als sie ausgewählte Pflanzen auf eine bestimmte Art und Weise komponierten.

Wer durch die Gärten von Sanssouci spaziert, wird immer wieder von neuen Ausblicken überrascht. Bäume wirken wie Kulissen, schaffen Sichtachsen, ihre Äste umrahmen Szenen mit Wiesen, Wasserläufen und Skulpturen.

Die harmonischen Landschaftsbilder entstehen, indem bestimmte Bäume in bestimmten Abstand zueinander gruppiert sind. „Wenn mehrere davon wegbrechen, verlieren die Raumbilder ihre Wirkung“, sagt Michael Rohde. Bis die Nachpflanzungen so groß sind, dass die ursprünglichen Naturbilder wieder hergestellt sind, dauert es 10 bis 20 Jahre.

Wenn Niederschläge schon im Frühjahr ausbleiben, könnten einheimische Bäume nicht mehr bestehen 

Doch wie erhält man einen historischen Garten, der zu seiner Entstehungszeit auf klimatische Verhältnisse ausgerichtet war, die es in Zukunft nicht mehr geben wird? Schon vor mehr als zehn Jahren begann sich Michael Rohde mit dieser Frage zu beschäftigen. Während andere damals noch zweifelten, ob an den Prognosen zur globalen Erwärmung überhaupt etwas dran sei, wurde er aktiv.

Er tauscht sich mit Experten aus, hält Vorträge, versucht, der Politik das Problem zu vermitteln. 2014 organisierte er einen internationalen Kongress mit dem Titel „Klimawandel in historischen Gärten – Empfehlungen zur Bewahrung“ zu dem Denkmalpfleger aus Frankreich, Österreich, England oder Italien nach Potsdam kamen.

Zudem arbeitet er mit Naturwissenschaftlern zusammen – unter anderem von der Technischen Universität Berlin (TU). Auf dem Gebiet des Schlossparks sind Versuchsflächen entstanden, auf denen erforscht wird, wie sich Pflanzen für den Klimawandel fit machen lassen. Es geht auch darum, wie sich die Böden, die in Brandenburg so sandig sind, dass sie kaum Wasser halten, verbessern lassen. Das Erfahrungswissen der Gärtner und die Expertise der Wissenschaftler kommen hier zusammen.

So haben sie beispielsweise eine Technik namens Terra Preta getestet, die schon die Indios in Südamerika vor Jahrhunderten nutzten, um die Erde im Regenwald ergiebiger zu machen. Dazu vermischten die Ureinwohner organisches Material wie Essensabfälle mit Resten von Kohle. Die schwarze Erde kann besonders gut Wasser und Nährstoffe speichern. „Wir haben festgestellt, dass Biokohle, eine moderne Variante von „Terra Preta“, einen positiven Einfluss hat“, sagt Norbert Kühn, Professor für Vegetationstechnik an der TU Berlin. „Die Pflanzen wachsen besser und sind bei Trockenheit widerstandsfähiger.“

Trotzdem werde es in den nächsten Jahren einen großen Wandel geben, sagt der Forscher. Wenn schon im Frühjahr die Niederschläge ausblieben, also genau zu dem Zeitpunkt, wenn die Pflanzen zum Wachsen am meisten Wasser brauchen, könnten einige einheimische Bäume nicht mehr bestehen. „Schwierig wird es auch für Nadelgehölze wie die Fichte“, sagt Norbert Kühn.

Sanssouci-Gärtner kämpft um jeden einzelnen Baum

„In Zukunft wird man sie wohl vermehrt durch unempfindlichere Bäume aus dem Mittelmeerraum ersetzen müssen.“ Und um zu verhindern, dass Schädlinge eingeschleppt werden, experimentieren die Parkleiter inzwischen mit dem Saataufwuchs vor Ort, um vor allem einheimische Gehölze wieder in eigenen Baumschulen zu kultivieren.

Im Herbst startet in Kooperation mit dem Potsdamer Nachhaltigkeitsinstitut IASS ein neues Projekt, bei dem es um die Bedeutung der historischen Parks in unserer Zeit gehen soll. Das Kolloquium „Historische Gärten und Gesellschaft. Kultur – Natur –Verantwortung“ wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. Die Ergebnisse werden im nächsten Jahr auf einer gleichnamigen internationalen Konferenz in Sanssouci vorgestellt.

„Gärten sind ein uralter Kulturausdruck des Menschen“, sagt Michael Rohde. „Sie zeugen vom Wandel des Naturverständnisses, bilden Gesellschaftsmodelle ab, sind Orte der Bildung und Erholung.“ Auch für die Biodiversität in den Städten spielen sie eine große Rolle. Viele gute Gründe, sie zu erhalten. Deshalb wird Michael Rohde auch weiterhin um jeden Baum kämpfen.