In Basdorf gibt es alles für Simson DDR-Mopeds

Made in GDR: Zu Besuch im knatternden Simson-Paradies

Die unverwüstlichen Zweitakter von Simson haben inzwischen auch Fans in Westen. Jetzt entdeckt die junge Generation die alten Maschinen

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Yves Luca Rosemann mit einem alten Moped, Typ Simson SR 2E von 1960.
Yves Luca Rosemann mit einem alten Moped, Typ Simson SR 2E von 1960.Patrick Pleul/dpa

Sie sind nicht kaputt zu bekommen: Simson, Schwalbe und MZ, Zweiräder made in GDR. Immer wieder sieht man sie auf den Straßen, auch in Berlin. Dass viele Ostdeutsche alte DDR-Fahrzeuge wegen der Erinnerungen lieben, ist bekannt. Unverwüstliche Zweitakter wie die Simson-Mopeds haben inzwischen auch Fans in Westdeutschland. Jetzt entdeckt die junge Generation die alten Maschinen. Und inzwischen sieht man sogar Neufahrzeuge mit altem Namen. Die Schwalbe fährt elektrifiziert durch die Gegend. Wer aber das echte Gefühl von „Made in GDR“ bevorzugt, ist bei Yves Luca Rosemann richtig.

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Wenn Kunden im Laden von Yves Luca Rosemann im brandenburgischen Basdorf auftauchen, dann geht es nicht in erster Linie ums Kaufen und Verkaufen, sondern ums Fachsimpeln. „Viele Kunden haben Erinnerungen an ihre Jugend und die alten Simson-Zweitakt-Maschinen. Ich finde es spannend, diese Geschichten zu hören“, sagt der 20-Jährige, der sein Geschäft „Die Waldschrauber“ nennt – in Erinnerung an seine Jugend, in der er in der Bernauer Waldsiedlung mit einem Kumpel an alten Zweirädern aus DDR-Produktion bastelte.

Simson SR2: „Die Maschine läuft, die bleibt, wie sie ist, einfach cool.“

So steht beispielsweise Fachsimpler Torsten Schwarz mit seiner knall-orangefarbenen Schwalbe, Baujahr 1978, stolz vor dem Geschäft. „Das ist die Originalfarbe. Eigentlich ist an der Maschine fast alles noch original“, erzählt er Rosemann, der begeistert nickt und seinerseits seine neueste Anschaffung präsentiert – eine Simson SR2, Baujahr 1960. Im Gegensatz zum blank geputzten Schätzchen von Schwarz ist seinem verstaubten und etwas angerosteten Kleinkraftrad das Alter anzusehen. Der 20-Jährige will an dem Oldtimer-Zweirad jedoch nichts verändern oder verschönern. Er tritt in die Pedale und der Einzylinder-Zweitaktmotor knattert los.

„Die Maschine läuft, die bleibt, wie sie ist, einfach cool“, sagt der frischgebackene Existenzgründer mit leuchtenden Augen. Erst im März dieses Jahres hat Rosemann sein 115 Quadratmeter großes Geschäft mit Simson-Zubehör aufgemacht, mit Hilfe von Erspartem und der finanziellen Unterstützung der Eltern. Zu bekommen sind bei ihm vor allem Ersatzteile, denn die meisten Kunden schraubten selbst an ihren alten DDR-Mopeds und Motorrollern herum.

6,5 Millionen Stück wurden nach Angaben von Detlef Pasenau, der bis 2005 eine Zweirad-Werkstatt in Frankfurt (Oder) betrieb, in den damaligen Simson-Werken Suhl (Sachsen) sowie in den Industriewerken Ludwigsfelde (Brandenburg) hergestellt. „Die Hälfte davon fährt noch herum“, schätzt der KfZ-Meister im Ruhestand, der nicht gedacht hätte, dass die Zweitakter auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch so geschätzt würden. Ihr Wert steige sogar.

Simson-Waldschrauber Rosemann: „Ich war nie der Typ für Computerspiele.“

Viele Maschinen schlummerten noch in alten Scheunen und Kellern, weiß Rosemann aus Erfahrung. „Ich habe insgesamt zehn Simson-Exemplare der unterschiedlichsten Modelle – Sammlerstücke, an denen mein Herz hängt.“ Die seien unverkäuflich, betont der junge Mann mit den schulterlangen Haaren.

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Bekommt er Duplikate angeboten, kauft er sie auf, repariert sie gegebenenfalls und verkauft sie weiter. Eine Ausbildung zum Zweirad-Mechaniker hat er bisher nicht gemacht. „Ich wollte erst einmal selbstständig werden. Läuft der Laden und ich kann mir einen Angestellten leisten, setze ich mich auf die Schulbank“, versichert der 20-Jährige, der sich auch auf das Veredeln von Felgen und Tanks mittels farbiger Pulverbeschichtung spezialisiert hat.

Bedenken, die alten Mopeds wieder loszuwerden, hat Rosemann nicht, wie er sagt. „Simson-Räder sind Kult. Da gibt es eine riesige Community, die sich auch gegenseitig hilft“, erzählt der Barnimer, der Kunden selbst aus Schwedt und Berlin hat.

Wenn Kunden im Laden von Yves Luca Rosemann im brandenburgischen Basdorf auftauchen, dann geht es nicht in erster Linie ums Kaufen und Verkaufen, sondern ums Fachsimpeln.
Wenn Kunden im Laden von Yves Luca Rosemann im brandenburgischen Basdorf auftauchen, dann geht es nicht in erster Linie ums Kaufen und Verkaufen, sondern ums Fachsimpeln.Patrick Pleul/dpa

Dass die Szene ständig wächst, hat Silke Gute, Vereinschefin der „Zweitaktpioniere“ aus Sauen (Oder-Spree), beobachtet. Und sie wird jünger, wie die 48-Jährige auf unterschiedlichen Ostfahrzeugtreffen festgestellt hat. „Wir haben auch Schrauber bei uns im Verein, die sind 18, 19 Jahre alt, kennen die Maschinen gar nicht mehr aus DDR-Zeiten, sind aber fasziniert, weil man daran vieles noch selbst und leicht reparieren kann“, sagt sie.

So sei es bei ihm auch gewesen, bestätigt „Waldschrauber“ Rosemann. Er habe von klein auf an alten Maschinen gebaut und repariert. „Ich war nie der Typ für Computerspiele.“ Mit 13 Jahren hatten ihm seine Eltern eine schrottreife „Schwalbe“ geschenkt, die er erst zerlegen und neu aufbauen musste, bevor sie wieder lief.

Simson-Schrauber: „Schwingst Du Dich in den Sattel, ist das Nostalgie pur.“

„Damals entstand meine Simson-Liebe, zumal Eltern und Großeltern zu den DDR-Zweitaktern spannende Erinnerungen hatten“, sagt Rosemann. Überhaupt komme er über die Oldie-Maschinen schnell mit anderen ins Gespräch. Deswegen sieht er seinen Laden auch als Treffpunkt für Simson-Fans – mit Getränken und gemütlicher Sitzecke.

Egal welches Modell, die Mopeds seien zeitlos schön und böten ein ganz besonderes Fahrgefühl, schwärmt Rosemann. Das sieht auch der Basdorfer Simson-Fan Schwarz so, der regelmäßig beim „Waldschrauber“ vorbeischaut. „Schwingst Du Dich in den Sattel, ist das Nostalgie pur. Und das knatternde Geräusch dabei unverkennbar“, beschreibt der hauptberufliche Baggerfahrer.

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Mit immerhin 60 Stundenkilometer böten Simson-Zweiräder mehr Fahrspaß als herkömmliche Mopeds mit zulässiger Höchstgeschwindigkeit von 45 Kilometer pro Stunde, sind sich Rosemann, Schwarz, Pasenau und auch Gute einig.

Gerade unter jungen Leuten sei jedoch das verbotene Tunen der Simson-Zweiräder inzwischen ein gefährlicher Trend, erzählt die „Zweitaktpionierin“ aus Sauen. „Die verändern die Maschinen so, dass die mit mehr als 100 Stundenkilometern rasen können“, sagt sie.

Auch Rosemann kann das bestätigen, die meisten seiner jungen Kunden seien daran interessiert. „Die DDR-Mopeds sind aber gar nicht ausgelegt für höhere Leistungen. Mir wäre es zu riskant, dass mir beim Fahren plötzlich alles um die Ohren fliegt“ warnt er.