Einsatzkräfte mit Masken, Handschuhen und Umhängen Foto: Eric Richard

Für die Anwohner in der Neuenburger Straße in Kreuzberg begann das Wochenende buchstäblich bombig: Bei Bauarbeiten auf dem Grundstück des Patentamtes entdeckten Arbeiter am Freitag eine 250-Kilo-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg. Für die Entschärfung des Blindgängers, die den Fachleuten des LKA frühen Abend gelang, mussten rund 7500 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Die aktuelle Corona-Lage stellte die Einsatzkräfte dabei vor besondere Herausforderungen.

Schon gegen 8 Uhr in den Morgenstunden begannen rund 350 Beamte der Polizei mit der Evakuierung. „Die Kollegen gingen von Tür zu Tür, holten die Anwohner aus ihren Wohnungen“, sagt eine Sprecherin dem KURIER. Zudem waren Lautsprecherwagen mit Durchsagen in deutscher und türkischer Sprache unterwegs.

Die Räumung sei weitgehend friedlich verlaufen. Tatsächlich herrschte in den Straßenzügen rund um den Fundort der Bombe am Vormittag beinahe gespenstische Stille, nur vereinzelt waren zwischen 10 und 11 Uhr noch Anwohner anzutreffen.

Wolfgang Hackert (80) hat schon zwei Bombenfunde miterlebt. Foto: Eric Richard

„Dramatisch war die Evakuierung nicht. Es ist auch nicht das erste Mal“, sagt Wolfgang Hackert (80), der seit zehn Jahren in einem Haus unmittelbar neben dem Fundort der Bombe lebt. Schon zweimal seien Sprengkörper auf einem Grundstück gegenüber entschärft worden. „Aber dieses Mal scheint es ja ein größerer Kaliber zu sein.“ Am Morgen sei er von den Durchsagen der Polizei geweckt worden - und habe sofort gewusst, was los ist. „Deshalb habe ich auch keine Angst gehabt.“

100 ehrenamtliche Kräfte von ASB, DRK, Johannitern, Maltesern und DLRG waren im Einsatz. Foto: Eric Richard

Rund um den Fundort der Bombe gab es Verkehrsbehinderungen, die BVG schränkte den Verkehr auf den Linien U3 und U1 ein - alles wie immer. Doch eines ist anders im Vergleich zu anderen Einsätzen dieser Art: Immer wieder halten vor Wohnhäusern in der Nähe des Fundortes der Bombe Krankenwagen, Sanitäter in Plastikkitteln, mit Masken und Schutzbrillen holen Anwohner aus den Häusern.

„Menschen, die sich mit Corona infiziert haben, werden von verschiedenen Hilfsorganisationen abgeholt und in drei Hotels in der Nähe untergebracht“, so die Polizeisprecherin weiter. Organisiert wurde das vom Bezirksamt. In einem Hotel kamen Covid-Infizierte unter, in einem deren Kontaktpersonen und im dritten anderweitig erkrankte Patienten.

Lesen Sie auch: Corona-Intensivstation in Berlin: So schlimm ist die Lage wirklich >>

100 ehrenamtliche Einsatzkräfte von ASB, DRK, Johannitern, Maltesern und DLRG seien im Einsatz gewesen. „Aufgrund der Corona-Lage hatten wir ein Drittel mehr Kollegen vor Ort als bei vergleichbaren Einsätzen“, sagte DRK-Einsatzleiter Rolf Erbe dem KURIER. Mehr Fahrzeuge seien schon deshalb nötig gewesen, weil die Patienten, rund 90 waren es, einzeln transportiert werden mussten.

„Die Schutzausrüstung gehört zur normalen Ausstattung der Einsatzfahrzeuge, denn Infektionskrankheiten sind keine neue Erscheinung. Nur haben wir für den aktuellen Einsatz natürlich mehr Einheiten eingepackt“, sagt Erbe. Nach jedem Patienten werde das Fahrzeug desinfiziert. In den Hotels am Anhalter Bahnhof seien die Menschen registriert worden, danach wurden sie einzeln in den Zimmern untergebracht. „Man kann sie ja nicht einfach in öffentliche Einrichtungen oder eine Turnhalle setzen.“

Karin Frenschock gehört zu den Wartenden in der Heiligkreuzkirche. Foto: Eric Richard

Wer selbst laufen kann oder nicht mit dem Coronavirus infiziert ist, findet in einer von sieben öffentlichen Einrichtungen in der Nähe Unterschlupf. Ein paar Querstraßen vom Fundort des Sprengkörpers entfernt befindet sich etwa die Heiligkreuzkirche - eigentlich ein Ort für Gottesdienste und Veranstaltungen, heute Sammelstelle für viele, die in der unmittelbaren Umgebung ihre Wohnungen verlassen mussten.

Rund 40 Menschen warten hier bei Kaffee, Äpfeln und Salzstangen auf die Entschärfung der Weltkriegsbombe. An einem Tisch sitzen Karin Frenschock (82) und Sabine Haberstroh (56) - sie wohnen in der Franz-Künstler-Straße, sind Nachbarinnen seit Jahren. „Wir dachten erst, dass unsere Straße nicht mehr im Sperrkreis liegt, aber dann klopfte die Polizei“, sagt Frenschock. „Ich war noch im Schlafanzug, zog mich nur an und ließ alles stehen und liegen.“ Haberstroh ließ sogar ihre Katzen zurück. „Wir sehen das als Abenteuer - und lernen besser kennen.“

Mit Abstand warteten die Anwohner in der Heiligkreuzkirche auf die Entschärfung der Bombe. Foto: Eric Richard

Vor der Kirche steht Peter Scheike (73) - er wurde schon am frühen Morgen von den Lautsprecherdurchsagen der Polizei aus dem Alltag gerissen. „Gestern war noch nischt los, aber heute früh kamen sie plötzlich alle“, sagt er. Für ihn ist es nicht die erste Evakuierung. „Immer, wenn irgendwo ein neues Haus gebaut wird, wird irgendwo eine Bombe gefunden. Aber ich war trotzdem aufgeregt, habe sowieso Probleme mit dem Blutdruck.“ 

Nach zwei Stunden war die Bombe entschärft

Gegen 15.30 war die Evakuierung der Anwohner im Sperrkreis offiziell abgeschlossen. Schon knapp zwei Stunden später machten die Fachleute der Polizei den Sprengkörper unschädlich. „Die Kriminaltechniker des LKA haben die Weltkriegsbombe erfolgreich entschärft. Sobald Sie zurück in Ihre Wohnungen können, geben wir Ihnen Bescheid. Bitte haben Sie noch ein wenig Geduld“, hieß es auf Twitter. 

Für die zuständigen Experten sei der Einsatz Routine gewesen. „Ängste muss man in dem Augenblick wegdrücken“, sagt Polizeifeuerwerker Dietmar Püpke (55) dem KURIER. „Die Bombe ist eine Standardbombe, sie ist versehen mit zwei Zündern.“ Beide Zünder seien leicht deformiert gewesen, konnten dennoch unter normalen Umständen aus der Bombe entfernt werden. Schwierig sei gewesen, dass die Bombe im Erdreich steckte - die Einsatzkräfte hätten sich zunächst herangraben müssen.

„Wir haben einen Bagger genutzt und sie freigelegt. Dann wurde der Blindgänger vorsichtig angehoben.“ Leicht sei die Entschärfung nicht gewesen - die Zünder hätten zerlegt werden und in Einzelteilen ausgebaut werden müssen. Wie oft man noch mit solchen Einsätzen rechnen müsse, sei unklar. „Es gibt Hochrechnungen, die besagen, dass in Berlin noch rund 4000 Blindgänger auf ihre Entschärfung warten.“

Der Einsatz dürfte damit noch lange nicht beendet sein: Bis in die Abendstunden müssen die Hilfskräfte von ASB, DRK, Johannitern, Maltesern und DLRG auch die Corona-Infizierten in ihre Wohnungen zurückbringen.