Ein Zollbeamter hat bei der Kontrolle eines Mannes bei der Einreise vom polnischen Slubice nach Frankfurt (Oder) im Land Brandenburg polnisches Silvesterfeuerwerk gefunden. dpa

Ihm  steht der Schreck buchstäblich ins Gesicht geschrieben. 280 Euro hat Hans-Jürgen Süßmilch vor wenigen Minuten für Feuerwerksraketen und -batterien in der polnischen Grenzstadt Slubice ausgegeben. Jetzt, bei der Rückkehr nach Deutschland, wird er einige Böller an der Stadtbrücke in Frankfurt (Oder) gleich wieder los. Die dort kontrollierenden Zöllner erklären dem Rentner zudem, dass gegen ihn ein Strafverfahren wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz eingeleitet wird.

„Ich habe mich in dem polnischen Laden extra erkundigt, ob das Feuerwerk in Deutschland zugelassen ist“, sagt Süßmilch, der die Böller angeblich nur für seinen Sohn in Hamburg besorgt hat. „In Deutschland bekommst Du ja nichts.“ Tatsächlich treibe das Böller-Verkaufsverbot viele Deutsche nach Polen, wo die Knaller ganzjährig verkauft werden dürfen, so Zoll-Kontrolleur Siegmund Poloczek. „Die Leute nehmen Anfahrtswege von mehreren Hundert Kilometern in Kauf.“ Zwar sei Polen erneut als Corona-Hochrisikogebiet eingestuft und nur Geimpfte oder Genesene dürften im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs passieren. Doch kontrolliert würde das kaum, sagt der Zöllner.

Jagd auf illegale Böller: Zollbeamte stoppen ein Auto, das gerade aus Polen kommt. dpa

„Bomben-Umsätze auf unsere Kosten“

Und die Versuchung scheint groß: Schon beim Überqueren der Stadtbrücke fällt in Slubice eine Leuchtreklame auf, die fast eine ganze Hauswand einnimmt: „Sehr günstiges Silvesterfeuerwerk, große Auswahl“. In Tankstellen, Tabakläden und auf den Grenzmärkten sind die Böller zu bekommen. Neue Attraktion in Slubice ist der Funke Store zweier junger Deutscher, vor dem die Kunden Schlange stehen. „Clevere Geschäftsidee. Dort bekommst du tatsächlich Feuerwerk deutscher Markenhersteller“, sagt Carsten Teller. Der hauptberufliche Feuerwerker aus Frankfurt (Oder) ist sauer. „Wir dürfen keine Pyrotechnik verkaufen, schon das zweite Jahr in Folge, und die Polen machen auf unsere Kosten Bomben-Umsätze.“

Im polnischen Grenzort Slubice ist gleich hinter einem Grenzpfeiler ist eine große Leuchtreklame für Silvesterfeuerwerk zu sehen. dpa

Das  Verkaufsverbot in Deutschland  sei der Todesstoß für die deutsche Branche –  sowohl für Hersteller, als auch professionelle Pyrotechniker, sagt Teller. Schon 2020 durfte in Deutschland wegen der Pandemie per Gesetz kein Silvesterfeuerwerk verkauft werden. Teller hat viele Jahre zu Silvester im Auftrag von Hotels an der Ostsee den bunten, knallenden Jahreswechsel inszeniert. Sämtliche Partner hätten ihm schon 2020 und auch dieses Jahr abgesagt. Generell verboten ist die Einfuhr von in Polen gekauften Böllern nicht, stellen er und auch der Zoll klar.

Zoll findet immer wieder Knaller, die mit Feuerwerk nichts zu tun haben

„Wir stellen immer wieder falsch gekennzeichnetes Feuerwerk fest. Käufer wähnen sich trügerischerweise auch bei der aufgedruckten Gefahrenklasse P1 auf der sicheren Seite“, sagt Poloczek. Damit würde jedoch technische Pyrotechnik gekennzeichnet, die nichts mit Feuerwerk zu tun habe. „So etwas findet sich etwa in Auto-Airbags und hat in Laien-Händen nichts zu suchen“, sagt der Zöllner.

Zollbeamte haben bei der Kontrolle eines Mannes diese Raketen beschlagnahmt - zu viel Schwarzpulver ist in den Böllern. dpa

2020 beschlagnahmte das Frankfurter Hauptzollamt insgesamt nur eine Tonne illegales Feuerwerk aus Polen. Ein deutlicher Einbruch im Vergleich zu den Vorjahren, wie Mareike Lauterbach bestätigt, Leiterin des Frankfurter Hauptzollamtes. „Das hatte schon mit der Corona-Pandemie zu tun – die Grenze war ja wochenlang dicht“, sagt sie. Für dieses Jahr rechnet sie mit einem Anstieg auf schätzungsweise 2,5 bis 3 Tonnen. Allein am vergangenen Wochenende habe der Zoll ein Dutzend Fälle illegaler Pyrotechnik aufgedeckt, so Kontrolleur Poloczek, der bis Silvester mit einer deutlichen Zunahme der Delikte rechnet.

15-jähriger Berliner kam mit fast 10 Kilo Knallzeug über die Grenze

„Ein 15-Jähriger aus Berlin war zu Fuß über die Stadtbrücke mit 9,5 Kilogramm Böllern der Klasse F3 aus Polen unterwegs. Dem Minderjährigen hätte das Zeug gar nicht verkauft werden dürfen und F3 ist ohnehin nicht erlaubt“, sagt der Zöllner. Ertappte Wiederholungstäter seien überwiegend Jugendliche. „Wer in Polen kauft, tut das bewusst, um die Böller zu bekommen, die so richtig knallen und in Deutschland nicht zu kriegen sind.“

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Auch Fahrer von voll beladenen Kleintransportern, die buchstäblich auf einem Pulverfass sitzen, gingen den Zöllnern in diesem Jahr wieder ins Netz. „Einer hatte 754 Kilogramm illegale Böller höherer Gefahrenklassen dabei, der andere 256 – sicherlich nicht für den Eigenverbrauch gedacht“, sagt Poloczek.

Käufer Süßmilch bekommt einen Teil seiner Böller von den Zöllnern zurück, die in Deutschland zugelassen sind. Die dicken Raketen mit der Aufschrift „Gigant“ aber nicht. Sie enthalten pro Stück 75 Gramm der sogenannten Nettoexplosionsmasse, in der Regel Schwarzpulver. Erlaubt sind laut Sprengstoffgesetz nur 20 Gramm. „Bei diesen Regelungen steigt doch keiner durch. Da muss besser informiert werden“ sagt Süßmilch. Wer Feuerwerk im Ausland kaufen wolle, müsse sich vorher selbst informieren, hält Zöllner Poloczek dagegen.