Die Chefs: Michael Schaarschmidt (49) und einer der Papageienbrüder.  Foto: Volkmar Otto

Man ist kein echter Prenzlauer Berger, wenn man das Blumencafé im alten Postamt an der Schönhauser Allee nicht kennt. Die freundlichste grüne Hölle im Kiez, längst erwähnt in Reiseführern, ist ein Wohnzimmer für Politiker, Handwerker, Studenten und Touristen. Hier, unter den Fittichen der Papageien Arno und Charly, ist jeder gleich zu Hause. Nun aber ist der Großstadt-Dschungel in Gefahr.

Michael Schaarschmidt und sein Team, sind seit 27 Jahren auf dem Ost-Boulevard zu Hause. 15 Jahre davon in der Nummer 127a. Dass sie einmal so etwas wie eine bedrohte Art werden würden, hätten sie nicht für möglich gehalten.

Michael Schaarschmidt kämpft um den Erhalt der stadtbekannten Institution.  Foto: Volkmar Otto 

Doch der Eigentümer des Hauses hat eine Räumungsklage gegen das Blumencafé eingereicht. Seit drei Jahren schwelen die Verhandlungen über den Verbleib am Traditionsstandort schon. Doch die letzte gerichtliche Entscheidung ist endgültig. Vier bis acht Wochen bleiben Schaarschmidt noch, wenn der Vermieter die Räumung endgültig veranlasst.

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Dabei hatte es mehrfach erfolgsversprechende Verhandlungen gegeben, sagt Michael Schaarschmidt, der bisher immer nur Jahresverträge für das Café erhielt. „Wir hatten wirklich gehofft, dass wir zu einer Einigung kommen.“ Das Haus an der Schönhauser Allee wurde bis zuletzt energetisch saniert. Die Miete – keine Horrormiete, aber dem Standort angemessen, wie Schaarschmidt sagt, bezahlt er auch jetzt weiter pünktlich. Zuletzt hatte Schaarschmidt sogar zugestimmt, den Vertrag zu schlechteren Konditionen zu verlängern, aber von der Verwaltung kam keine Reaktion mehr.

Einen Ersatz für die 275 Quadratmeter in der Gegend zu finden, ist nicht leicht. „Wir sind fest mit der Nachbarschaft verwurzelt“, sagt Michael Schaarschmidt. Schulklassen kommen auf dem Wandertag vorbei, um die Papageien zu bestaunen. Nicht nur Arno und Charly, zwei Brüder im Flegelalter von 21 Jahren, machen diesen Ort so besonders.

Sebastian Ebert ist Betriebsleiter des Blumencafés, trotz der coronabedingten Schließung haben sie viel zu tun. Der Lieferservice im Kiez funktioniert.  Foto: Volkmar Otto 

Michael Schaarschmidt krault Arno, der beugt den Kopf, um kurz darauf mit Geschrei und weiten Schwingen eine Platzrunde zu drehen. Damit die Aras niemanden stören, wurde eigens eine 8,5 Tonnen schwere Schallschutzdecke eingezogen. Ärger mit den Nachbarn gibt es nicht.

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Ganz im Gegenteil. Michael Schaarschmidt grüßt jeden dritten Passanten, verborgt schon mal eine Leiter und bekommt eine Gänsehaut, wenn die Angehörigen eines verstorbenen Stammgastes ihm eine Karte mit dessen Konterfei zur Erinnerung schicken.

Schaarschmidt steckt die Karte wieder zurück an den Spiegel und schaut trotz allem nach vorn. „Corona hat unseren Geist aufgeweckt, wir haben neue Ideen entwickelt“, sagt er. Mit der Hilfe vieler Nachbarn haben sie einen Onlineshop auf die Beine gestellt. Die Brunch-Pakete mit Bouquet und weiteren Produkten von der Schönhauser liefen gerade jetzt an den Feiertagen gut.

Nico (28) ist Musiker und zugleich zweiter Küchenchef. Das Blumencafé ist wie ein Zuhause. Aus den letzten Orangen kocht er Marmelade.   Foto: Volkmar Otto

In diesem Jahr wollte Schaarschmidt sogar expandieren. Nur fünf Minuten mit dem Lastenfahrrad durch den Mauerpark entfernt befindet sich das ehemalige Café Niesen. Das Wohnzimmer des Gleimkiezes. Hier im Haus des Rammstein-Frontmanns Till Lindemann soll eine Filiale, ein grüner Ableger des Blumencafés entstehen. „Das funktioniert aber nur, wenn der eigentliche Standort bleibt“, erklärt Schaarschmidt. Denn in der Schwedter Straße gibt es keine Produktionsmöglichkeiten, nur eine Anrichteküche. Die Lieferfahrten mit dem Lastenrad durch den Mauerpark hatte Schaarschmidt schon ausgetüftelt und das Okay von der Hygiene bekommen.

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Das eigentliche Blumencafé aber lasse sich nicht duplizieren, so Schaarschmidt. Die Räume im alten Postamt hat der gelernte Gärtner seit 1993 zu einem ganz eigenen Kosmos entwickelt. Eine Mischung aus Jugendstil-Gewächshaus, Blumenmarkt, Kaffeehaus und Kiezzentrale ist entstanden.

Taeyeon Park (30) arbeitet seit Oktober als Floristin im Café und hofft, dass sie bleiben kann.  Foto: Volkmar Otto

Auch die Zukunft von 25 Mitarbeitern seht nun auf dem Spiel. Auch für sie sucht Schaarschmidt weiter das Gespräch mit dem Inhaber. Dabei hat der Gärtner prominente Unterstützer auf seiner Seite. Gregor Gysi hat der Hausverwaltung geschrieben, die Bezirkspolitik steht hinter dem Laden, Nachbarn und Freunde ebenfalls. Das öffentliche Interesse ist immens.

Ja selbst der Eigentümer des Hauses, der Hamburger Investor Thomas Matzen, hat eigentlich ein Herz für Pflanzen-Projekte. In der Hansestadt will er etwa das Dach eines Flak-Bunkers auf St. Pauli begrünen. Der Kunstmäzen und Ehrendoktor der TU Hamburg: An der Elbe leistet er sich einen grünen Daumen und an der Spree droht Kiez-Kahlschlag. „Das hier ist ein Kleinod, bestimmt weiß der Inhaber gar nicht, was auf dem Spiel steht“, sagt Michael Schaarschmidt. Und hält es selbst wie Unkraut: „Es geht immer weiter“, sagt er. Die Frage sei nicht ob, sondern nur wo.