Vanessa lacht den Krebs einfach weg.

Benjamin Pritzkuleit

Wie viel Schmerz kann ein Mensch bloß ertragen? Vanessa Lindner (24) musste kurz hintereinander einen doppelten Schicksalsschlag verkraften. Erst starb ihre Mutter Melitta mit 53 Jahren drei Tage vor Weihnachten und nur zwei Monate später wurde bei der Jura-Studentin aus Falkensee selbst Leukämie (Blutkrebs) diagnostiziert. Seitdem sie erkrankt ist, schreibt sie in den sozialen Netzwerken regelmäßig aus ihrem Klinikalltag und hat sich auch an den KURIER gewandt, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Ihr Anliegen: Sie will Menschen in ähnlich schweren Lebenssituationen Mut machen will, ihren Optimismus nicht zu verlieren.              

Lesen Sie auch: Nach KURIER-Bericht: Unfallopfer Nadine Engel findet endlich ihren Lebensretter>>

„Ich sage mir immer, du schaffst das und versuche immer das Positive zu sehen. Denn Angst und negative Gedanken machen alles nur noch schlimmer“, sagt Vanessa Lindner und lächelt. Ihren Lebensmut, so betont sie, hat sie von ihrer Mutter. Dass sie ihn noch nicht verloren hat, ist kaum zu glauben, wenn sie von den schweren Ereignissen der letzten 12 Monate erzählt.

Gerade hat sie Pause von den vielen Chemo-Therapien und muss nicht in der Klinik sein, so dass wir uns in einem Restaurant am Kudamm treffen können. Sie trägt ein graues Shirt, schwarze Jeans und Turnschuhe und hat sich dezent geschminkt. Auf ihrem Kopf ist schon wieder ein brauner Haarflaum zu sehen.                                                

Der erste Schicksalsschlag im Juli 2020: Damals erkrankte ihre Mutter zum zweiten Mal an Brustkrebs

Der erste Schicksalsschlag erfolgt im Juli 2020. Damals erkrankte ihre Mutter zum zweiten Mal an Brustkrebs. Doch diesmal war die Prognose wesentlich schlechter als zehn Jahre zuvor. „Der Krebs hatte schon gestreut, ihre Leber war befallen“, erzählt Vanessa Lindner. Sie zögerte nicht lange und unterbrach ihr Studium an der Universität in Potsdam, um die letzten Monate ausschließlich für die geliebte Mutter da zu sein und sie zu pflegen. 

Die Tochter denkt an viele schöne Momente zurück. „Ich habe es ihr versucht, so angenehm wie möglich zu machen. Und wir haben viel zusammen gelacht, auch wenn es mitunter sehr traurig war.“ Sie saßen zusammen im Garten und erzählten sich aus vergangenen Tagen und in der Vorweihnachtszeit bastelten sie gemeinsam und backten Plätzchen.

„Es war das erste Mal seit Jahren, dass meine Mutter so kurz vor Weihnachten nicht arbeitete. Sie war im Einzelhandel tätig und hatte zu dieser Zeit sonst enormen Stress“, erinnert sie sich. Doch viel von diesen kostbaren Stunden blieben ihnen nicht. Nur drei Tage vor Heiligabend versagten plötzlich die Nieren bei ihrer Mutter und sie starb am 21. Dezember. 

Privat
Vanessa ihre Mutter Melitta in glücklichen Zeiten

Als wäre der Schmerz nicht schon groß genug, bekommt die junge Frau mitten in ihrer Trauer die nächste Schock-Diagnose. Sie fühlte sich so wahnsinnig schlapp und war an den Oberschenkeln mit lauter kleinen blauen Flecken übersät. Der Hausarzt machte ein Blutbild und überwies sie anschließend zu einem Onkologen. „Dort bestätigte sich sein Verdacht. Ich hatte Blutkrebs und musste sofort stationär an der Charité aufgenommen werden“, erzählt Vanessa Lindner. 

Den Schock über den Verlust der Mutter hatte sie noch gar nicht richtig verarbeitet. „Es war vor allem für meine Großmutter richtig schlimm. Sie hatte gerade erst ihre eigene Tochter beerdigt und nun war auch noch ihre Enkelin schwer krank“, sagt sie. Vanessa Lindner musste das gleiche Szenario wie ihre Mutter durchstehen. 

Auf ihrem öffentlichen Instagram-Profil www.instagram.com/van_inix/ bebildert sie schonungslos, wie ihr der Katheter für ihre erste Chemo-Therapie gelegt wurde und wie sie sich von einer Krankenschwester die langen dunkelbraunen Haare abrasieren ließ und wie ihr die Gesichtsmaske für die Bestrahlung angefertig wird.

„Es ist mein Herzensprojekt, durch mein eigenes Schicksal, anderen Menschen zu helfen.“

Doch Vanessa Lindner hat dabei immer ein tapferes Lächeln im Gesicht und möchte mit ihrem harten Schicksal keinesfalls Mitleid erzeugen. Das betont sie auch in unserem Gespräch immer wieder. Wenngleich sie sich über die Anteilnahme ihrer Follower sehr freue. 

Doch Vanessa Lindners Beweggründe sind andere, als einfach nur Trost im Netz zu erfahren. Sie sagt: „Es ist mein Herzensprojekt, durch mein eigenes Schicksal, anderen Menschen zu helfen.“ Sie könne sich auch vorstellen, sich ehrenamtlich für krebskranke Kinder und junge Erwachsene zu engagieren.

Doch woher nimmt sie all die Kraft her? „Ich habe ein Hobby und male sehr gern. Am liebsten Landschaften und Tiere. Wenn man sich auf die schönen Dinge konzentriert, die einem Freude machen, kommen gar keine negativen Gedanken auf.“ Obwohl sich Vanessa Lindner mitunter schon fragt, warum das Schicksal sie gleich doppelt hart getroffen hat. Sie selbst vermutet, dass ihr seelischer Stress, den sie während der schweren Erkrankung ihrer Mutter erlebte, den Krebs bei ihr selbst ausgelöst haben könnte.

„Diese ‚Warum-Frage‘ stellen sich viele Betroffene, aber es gibt keine Antwort darauf“, weiß die Psychoonkologin Gritt Schiller aus dem Helios-Klinikum Berlin-Buch. Es werde zwar immer wieder diskutiert, ob Stress Krebs auslösen könne, aber es gebe keine wissenschaftlichen Belege dafür. Man vermute aber, dass durch Angst, Depression und Leid das Immunsystem mit beeinflusst wird. Die junge Frau habe sich in einer Extremsituation befunden und den Tod der Mutter vermutlich noch gar nicht verkraftet, als plötzlich ihr eigenes Leid dazu kam. 

Privat
Vanessa mit ihrer Mutter Melitta. Sie erkrankte im Sommer 2020 ein zweites Mal an Brustkrebs

Noch einen Block Chemotherapien muss sie überstehen. Das komme ihr vor wie ein Marathon. „Die Übelkeit macht mir sehr zu schaffen und die kaputte Schleimhaut im Mund ist beim Schlucken sehr schmerzhaft“, betont die junge Frau. Sie sei noch sehr schlapp und käme kaum die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf.

Doch es gibt große Hoffnung: Vor wenigen Wochen hat sie erfahren, dass keine neue Krebszellen mehr nachgewachsen sind und die Chemo angeschlagen hat. „Ich wusste immer, dass ich es schaffen werde“, sagt sie. Und sie hat auch schon ein Ziel vor Augen, mit dem sie sich für all die Strapazen belohnen will.

Nach ihrem letzten Klinikaufenthalt will Vanessa Lindner im September für ein verlängertes Wochenende an die Ostsee reisen. An den Ort, an dem ihre Mutter seebestattet wurde. Nach Bansin. „Mama ist immer bei mir“, sagt sie leise. Und sie wäre sicherlich auch sehr stolz auf ihre so starke und tapfere Tochter.