In mühevoller Kleinarbeit klebt Stefan Merkt eine Briefmarke nach der anderen auf. Bis zum fertigen Bild vergehen Stunden, manchmal Tage. Sabine Gudath

Die meisten Künstler nutzen Farbe, malen ihre Werke damit auf Papier oder Leinwände – doch es gibt auch kreative Köpfe, die mit völlig anderen Mitteln beeindruckende Bilder zaubern. Einer von ihnen ist der Berliner Stefan Merkt (60): Sein Metier sind die „Stampagen“. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Mischung aus dem Wort „Stamp“ (engl. Briefmarke) und „Collage“ – denn seine Bilder entstehen aus Tausenden Briefmarken!

Der Zauber von Stefan Merkts Arbeiten ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Von weitem wirken seine Bilder wie normale Gemälde, doch erst aus der Nähe ist zu sehen: Sie bestehen aus unzähligen Briefmarken, fein säuberlich auf den Untergrund geklebt. Wo andere Künstler Farben und Pinsel lagern, hat Merkt Regale voller Plastikschalen, alle voll mit den Marken, sortiert nach Farbe, Herkunftsland oder Alter.

Jede Briefmarke wird im Wasserbad vom Papier abgelöst, dann getrocknet. Sabine Gudath

Die „Stampagen“ sind sein Metier – und das schon seit vielen Jahren. Im April 1989 habe er die Briefmarken für sich entdeckt, sagt er. Schon vorher wollte er aber Künstler werden. „Ich bewarb mich 1978 auf einer Grafikdesignschule in Stuttgart, bekam aber eine Absage“, erzählt er dem KURIER. „Verbunden mit dem Ratschlag, bitte nie einen kreativen Beruf zu ergreifen. Das war für mich ein Schlag ins Gesicht.“

Der Untergrund dieses Bildes – es zeigt Musiker David Bowie – ist aus Briefmarken geklebt. Sabine Gudath

Doch er wollte seinen Traum nicht aufgeben. Merkt arbeitete in verschiedenen Jobs, um sich über Wasser zu halten, lernte mehrere Maler kennen. „Das entfachte das Feuer völlig.“ Nach Zivildienst und Wehrdienst – Merkt machte beides – tobte er sich kreativ aus. Er malte, strickte später. „So viele Pullover, dass ich sie gar nicht mehr anziehen konnte.“  Dann verwendete er Alltagsgegenstände für seine Arbeiten. „Puzzleteile, Kronkorken, sogar Zigarettenkippen habe ich lackiert und zu Collagen verarbeitet“, sagt er. Dann fielen ihm Briefmarken in die Hände. „Mir fiel auf, dass jede ihr eigenes Motiv hat, dass die Marken in der Masse aber ihr Bild verlieren und sich zu größeren, neuen Strukturen vereinen.“

Die Briefmarken bekommt Stefan Merkt von Firmen mit viel Post

Aber: Woher so viele Marken nehmen? „Ich hatte Kontakt zu einer Versandbuchhandlung, bekam von dort mehrere alte Jahrhänge mit Bestellkarten. Das war mein Startkapital.“ Heute kommen die Briefmarken manchmal über Sammlungsauflösungen, oft über Kontakte: Menschen, die in Stellen mit viel Tagespost arbeiten, unterstützen den Künstler. „Dann bekomme ich kistenweise Briefumschläge oder ausgeschnittene Marken.“

In einer kleinen Kammer stapeln sich die sortierten Marken bis unter die Decke. Sabine Gudath

Im Wasserbad löst Merkt sie vom Papier ab, dann trocknet er sie sorgsam und sortiert sie. „Das ist natürlich nervige Arbeit, aber es gehört dazu.“ Die Marken werden dann auf einer Platte in Form des Motivs aufgeklebt. Mühevolle Kleinarbeit, die Stunden, oft Tage verschlingt. Danach werden sie in den meisten Fällen mit Farbe übermalt, um die eigene Farbe zu unterstützen – rote Marken mit Rot, blaue Marken mit Blau. Aber nur so, dass die Briefmarken auch als solche erkennbar bleiben.

Unzählige Briefmarken-Gemälde hat Stefan Merkt bereits geschaffen. Sabine Gudath

Schon 1990 gestaltete er in einem alten Kuhstall seiner Großeltern im Schwarzwald die erste Ausstellung. Dann zog er nach Köln, hielt sich erst noch mit Gastro-Jobs über Wasser, kam 2005 nach Berlin. Doch seit dem Jahr 2010 lebt er von seiner Kunst: Stefan Merkt gestaltete bundesweit unzählige Ausstellungen, verkauft seine Bilder. Ein Stück in der Größe 40 mal 50 Zentimeter – dafür braucht es rund 500 Briefmarken – kostet 395 Euro. Auch Auftragsarbeiten fertigt er an, klebt dann die Marken nach Wunschmotiv. Zu sehen sind seine Werke unter anderem auf Instagram.

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Seine Kunst fasziniert – leider manchmal zu sehr. Auf seiner Website hat der Künstler sogar eine Rubrik für verschollene Bilder eingerichtet. Immer wieder passiert es, dass seine Stampagen, die beispielsweise in Hotels oder Restaurants ausgestellt sind, einfach verschwinden. Dass sie geklaut werden von neugierigen Betrachtern. Der Vorteil: Merks Kunst ist einzigartig. „Einmal verschwand eins meiner Werke aus einer Kneipe in Friedrichshain. Zum Zehn-Jahre-Jubiläum des Lokals wurden alte Fotos gezeigt – und plötzlich sagte ein Mitarbeiter: Das Bild habe ich zu Hause.“ Die Geschichte dahinter: Ein Ex-Kollege hatte das Werk mitgehen lassen, es später weitergegeben. „Und so kam es nach acht Jahren zu mir zurück“, sagt Merkt.