Die mittelalterliche Klosterkirche in Angermünde droht einzustürzen. dpa/Pleul

In Angermünde kann man zusehen, wie Geschichte zerböselt. Auf dem städtischen Friedhof drohen historisch wertvolle Mauergräber umzustürzen, Zierelemente zerfallen, Inschriften verblassen (KURIER berichtete), jetzt droht auch noch die aus dem 14. Jahrhundert stammende Franziskanerklosterkirche einzustürzen.

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Die imposante, fast 40 Meter hohe Franziskanerklosterkirche in Angermünde (Uckermark) macht einen verlassenen Eindruck. Rings um den historischen, denkmalgeschützten Sakralbau hält ein Bauzaun Besucher davon ab, näher zu treten. Sämtliche Eingänge sind geschlossen, der Klostervorplatz verwaist. Dabei ist die Kirche normalerweise ein beliebter Veranstaltungsort mit einer hervorragenden Akustik, wie Stadtsprecherin Christin Neujahr berichtet. „In der Kirche gibt es bis zu 200 Sitzplätze für unseren Klostersommer, jährlich von Mai bis Oktober. Doch für dieses Jahr mussten wir alle Veranstaltungen absagen.“

Einsturzgefahr, weil der hölzerne Dachgiebel ins Rutschen gekommen ist

Denn seit Mitte Dezember vergangenen Jahres ist das Gotteshaus, einziger erhaltener Bestandteil des um 1250 in Angermünde gegründeten Franziskanerklosters, aus Sicherheitsgründen gesperrt. „Es besteht Einsturzgefahr, da blieb uns keine andere Wahl“, erklärt Angermündes Stadtsanierer Klemens Reimann und deutet auf den Westgiebel, der sich sichtbar nach außen neigt. Der hölzerne Dachstuhl sei gewissermaßen ins Rutschen gekommen. Der bei früheren Umbauten einfach davor gesetzte Westgiebel habe keinen Halt mehr.

Die mittelalterliche Klosterkirche ist mit einem Bauzaun abgesperrt. Die Kirche ist das einzige Bauwerk, das von der ehemaligen Anlage der Franziskanermönche in Angermünde übrig geblieben ist. dpa/Pleul

Das Problem ist laut Reimann nicht neu. Bereits 2020 sei bei der jährlichen Statik-Kontrolle aufgefallen, dass die Biberschwänze, mit denen das Dach gedeckt ist, quasi „auf der Nase“ stünden. „Sie hatten durch sich biegende Dachbalken Spannung bekommen und sich nach oben geschoben“, erklärt er. Im vergangenen Jahr sei das Dach vermessen worden, im Dezember habe dann das Gutachten vorgelegen, das die Dachstuhlverschiebung belegt.

Die frühere Sakristei war zu DDR-Zeiten eine Garage. Die alten Kraftstoffe kann man heute noch riechen

Die zutage getretenen Probleme seien schon in der Geschichte der Klosterkirche begründet, erklärt der Stadtsanierer. „Der hochgotische Backsteinbau wurde auf einer romanischen Feldstein-Basilika gebaut, an den Übergängen entstanden im Laufe der Jahrhunderte Risse“. Im Zuge der Reformation war das einstige Kirchengut säkularisiert worden, 1567 erwarb die Stadt Angermünde die Kloster-Anlage, nutzte sie zunächst für wohltätige Zwecke. Jahrhundertelang diente der Sakralbau später als Lagerraum oder Militärmagazin. Versickerte Nitrate lassen nun die Ziegel im Kircheninneren zerbröseln. „Die frühere Sakristei war zu DDR-Zeiten eine Garage. Die alten Kraftstoffe kann man heute noch riechen“, berichtet Reimann.

Laut Gutachten wurden auch Mängel aus der Sanierung des Gebäudes ab 1991 entdeckt. Rund 500.000 D-Mark flossen damals in Reparaturen. „Eine kleinteilige Dauerbaustelle war die Kirche bisher, eine statische Instandsetzung erfolgte bis dato noch nie“, sagt der Stadtsanierer. Mit mindestens einer halben Million Euro Gesamtkosten für die Sanierung rechnet er. Eine Summe, die die Kommune allein nicht aufbringen könne. „Wir müssen alle Fördermöglichkeiten von Bund, Land und Stiftungen ausschöpfen, gehen jetzt erst einmal in die Entwurfsplanung, damit wir hoffentlich noch in diesem Jahr mit den Bauarbeiten beginnen können.“

Christin Neujahr, Sprecherin der Stadt Angermünde und Klemens Reimann, Stadtsanierer, stehen in der mittelalterlichen Klosterkirche. dpa/Pleul

Das Land Brandenburg stelle in diesem Jahr im Rahmen der Denkmalhilfe 1,87 Millionen Euro zur Sicherung von bedrohten Denkmalen zur Verfügung, erklärt Stephan Breiding, Sprecher des Kulturministeriums. „Hier kann sich grundsätzlich auch die Stadt Angermünde bewerben.“

Die Sanierung der Klosterkirche in Angermünde kostet mindestens 500.000 Euro

Ob es bei den veranschlagten 500.000 Euro Sanierungskosten bleibe, sei bei einem so alten Gebäude nicht sicher, sagt Reimann. „Wer weiss, was wir noch entdecken.“ Die Gewölbedecken im Kircheninneren waren schon im 19. Jahrhundert entfernt worden, weil sie herabzustürzen drohten. Für die Statik des Sakralbaus war das eher ungünstig, meint der Fachmann. Jetzt sorge dieser Umstand jedoch dafür, dass im Kircheninneren ein Gerüst zur Sanierung des Dachstuhls errichtet werden könne. „Wir müssen also nicht erst von außen das Dach abdecken, um an das Gebälk zu gelangen.“

Seit Mitte Dezember vergangenen Jahres ist das Gotteshaus, einziger erhaltener Bestandteil des um 1250 in Angermünde gegründeten Franziskanerklosters, aus Sicherheitsgründen gesperrt. dpa/Pleul

Die Stadtverwaltung sei inzwischen dabei, alternative Veranstaltungsorte für den traditionellen Klostersommer mit jährlich tausenden Besuchern zu finden, sagt Sprecherin Neujahr. Konzerte und Theatervorstellungen sollen in der Angermünder Marienkirche stattfinden, Lesungen und Kino im Garten des Museums „Haus Uckermark“. Auch für Ausstellungsräume gebe es schon Ideen, meint sie.

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„Die Klosterkirche als Veranstaltungsort sollte schnellstmöglich wieder zugänglich gemacht werden, denn sie ist ein touristischer Anziehungspunkt und Besuchermagnet im historischen Stadtkern von Angermünde“, sagt Anet Hoppe, Geschäftsführerin der Tourismus Marketing Uckermark GmbH.

Ralf Gebuhr, Leiter des Museums „Haus Uckermark“, bezeichnet den mittelalterlichen Sakralbau als ein Denkmal der Klostergeschichte und der Nachnutzung im Laufe der Jahrhunderte. „Die verwendeten Steine und Ziegel stammten aus der gleichen Bauhütte wie die im Kloster Chorin“, erzählt er.