Die Corona-LAge in Berlin spitzt sich zu.  Foto: imago images/Christian Ohde

Der Berliner Senat macht mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ernst. Die Regeln sind klar und unmissverständlich. Die Stadt wird für die Zeit zwischen 23 und 6 Uhr quasi geschlossen, es gilt eine fast allumfassende Sperrstunde. In dieser Zeit müssen alle Einrichtungen außer Apotheken und Tankstellen schließen, Tankstellen dürfen dann nur Kraftstoffe und Ersatzteile verkaufen. Außerdem wird die Personenzahl im Freien auf fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten oder auf Personen aus zwei Haushalten beschränkt. Für private Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen gilt eine Obergrenze von zehn Personen. Diese Regelungen treten am Sonnabend in Kraft und gelten bis zum 31. Oktober.

Die Landesregierung reagiert damit auf die neuen Corona-Zahlen. Spätestens als am Dienstagnachmittag klar wurde, dass auch die zweite der drei Berliner Corona-Ampeln auf Rot gesprungen ist, musste der Senat handeln. Darauf hatte sich das Gremium bei der Einführung der Ampel im Frühjahr verständigt.

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Neben der 7-Tage-Inzidenz, die seit längerer Zeit über dem Grenzwert liegt, ist nun auch der R-Wert betroffen. Die Ampel für die Belegung der Intensivbetten in Krankenhäusern steht dagegen weiterhin auf Grün.

Nach Angaben des Senatsgesundheitsverwaltung liegt der Reproduktionswert, der R-Wert, für die vergangenen vier Tage bei 1,26. Das bedeutet, dass ein Infizierter rechnerisch 1,26 weitere ansteckt. Steht dieser Wert drei Tage in Folge über 1,2, springt die Ampel auf Rot. Die Infektionen der vergangenen sieben Tage liegen bei 44,2 auf 100.000 Einwohner. Der Grenzwert ist 30. Bei den Auslastungen der Intensivbetten liegt Berlin weit unter den eigenen Grenzwerten. Derzeit sind 3,1 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt.

Tagelang hatte die rot-rot-grüne Regierung über Maßnahmen gestritten – mehrere SPD-Senatoren waren für eine Verschärfung, Grüne und Linke dagegen. So war noch vorige Woche eine relativ milde Corona-Verordnung beschlossen worden, die die Pflicht zum Maskentragen in Amtsgebäuden sowie eine Personenbegrenzung für private Veranstaltungen einführte. Vor dem Hintergrund der neuen Infektionszahlen war diese Zurückhaltung nun offenbar nicht mehr durchzuhalten.

Anstieg der Infektionszahlen ein Großstadt-Phänomen

Wie mächtig die Schatten waren, über die manche springen mussten, verdeutlichen die ersten Worte des Regierenden Bürgermeisters am Abend. Michael Müller (SPD) bedankte sich bei seinen linken und grünen Koalitionspartnern. „Wir haben gemeinsam viel Gutes erreicht“, sagte der Senats-Chef, „so eine enge und konstruktive Zusammenarbeit habe ich noch nie erlebt“. Gemeinsam wurde auch beschlossen, der von der Sperrstunde besonders betroffenen Gastronomie finanziell zu helfen.

Schlechter kamen diejenigen weg, die den Senat zuletzt für vermeintliche Zögerlichkeit kritisiert hatten. „Es ist unerträglich, wie jetzt einige Haltungsnoten vergeben, die sich sonst überhaupt nicht für Berlin interessieren“, sagte Müller. Angesprochen fühlen durfte sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der sich mehrfach über die seiner Meinung unzulängliche Pandemie-Bekämpfung des Senats ausgelassen hat.

Außerdem verwies Müller erneut darauf, dass der Anstieg der Infektionszahlen ein Großstadt-Phänomen sei. Er zählte Städte wie München, Köln, Bremen oder Frankfurt am Main auf, die ähnliche Werte haben. „Wer kann auf dieser Grundlage mit dem Finger auf andere zeigen?“, fragte Müller rhetorisch. Und auch die Reaktionen auf die Zahlen sind in den Städten ähnlich. So gibt es in München bereits eine begrenzte Sperrstunde, und in Frankfurt dürfen ab Freitag Restaurants und Kneipen nicht mehr nach 22 Uhr geöffnet haben.

Am Ende wiesen alle drei Teilnehmer, Michael Müller, Klaus Lederer (Linke) und Dirk Behrendt (Grüne) eindringlich darauf hin, wie wichtig es sei, dass sich die Bevölkerung verantwortungsbewusst an die Sperrstunde halte. Es sei „keine staatliche Veranstaltung, so eine Pandemie in den Griff zu bekommen“, sagte Lederer. Das könne nur eine Gesellschaft gemeinsam schaffen.

Zumindest ein Ärgernis scheint sich aber aus Sicht der Berliner zu verflüchtigen. Das Bundesland Schleswig-Holstein rückt von der Regel ab, Berlinern aus Bezirken aber auch Bewohnern einzelner Landkreise mit besonders hohen Corona-Zahlen mit Quarantäne zu drohen. „Wir haben im Kabinett heute intensiv beraten, und es besteht eine grundsätzliche Absicht, unsere Regelungen anzupassen“, sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) am Dienstag in Kiel. Schleswig-Holstein wolle eine bundeseinheitliche Regelung. Da bisher kein Bundesland außer dem zwischen Nord- und Ostsee solche Regelungen hat, ist damit zu rechnen, dass nun auch Schleswig-Holstein davon Abstand nimmt.

So funktioniert die Corona-Ampel

Die Corona-Ampel berücksichtigt drei Indikatoren: die Reproduktionszahl (kurz R-Wert), die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen und die Auslastung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten. Für jedes Kriterium wurden Grenzwerte definiert. Werden diese mindestens dreimal in Folge überschritten, wechselt die entsprechende Ampelfarbe auf Gelb oder Rot.

Auf Rot gesprungen ist die Ampel nun auch bei der Reproduktionszahl - mit einem Wert von 1,26. Das bedeutet, dass ein Infizierter mehr als einen anderen Menschen ansteckt. Um die Pandemie zu bremsen, müsste der Wert kleiner als 1 sein.