Auf dem Brandenburger Tor weht die Rote Fahne, links im Hintergrund steht die Ruine des Reichstags. Als der Kriegsberichterstatter Jewgenij Chaldej dieses Foto komponiert, wird um das Gebäude noch gekämpft. Foto: Jewgenij Chaldej / imago images / ITAR-TASS

Prolog

Das Ende ist nah, es ist ein Ende mit vielen Schrecken. Der von Adolf Hitler 1939 entfesselte Zweite Weltkrieg, der von seinem Propagandaminister Joseph Goebbels 1943 heraufbeschworene „totale Krieg“, tobt sich in Berlin aus. Die Stadt liegt in ihren letzten Zuckungen.

Achteinhalb Meter tief unter der Erde harrt der Mann aus, der für das weltweite millionenfache Sterben und Leiden verantwortlich ist und der mit all seiner verbliebenen Macht allem und jedem ein Ende bereiten will, auch sich selbst.

Im „Führerbunker“ unter dem Garten der Reichskanzleien, der Neuen an der Voß- und der Alten an der Wilhelmstraße, inszeniert Hitler mit den Treuesten seiner Getreuen den Untergang.

Es ist der 28. April 1945, an dem sich der „Führer“ entscheidet, seinem Leben ein Ende zu machen: Hitler erfährt, dass Heinrich Himmler, Reichsführer SS, von Lübeck aus Verhandlungen mit den Westalliierten über eine Kapitulation aufnehmen will. Es folgt ein Tobsuchtsanfall und der Befehl, Himmlers irgendwie habhaft zu werden.

Eine der letzten Aufnahmen vom „Führer“: Hitler zeichnet im Garten der Reichskanzlei Hitlerjungen und Soldaten aus. Foto: imago images / Courtesy Everett Collection

Es ist der 28. April 1945, an dem sich der „Führer“ entscheidet, seinem Leben ein Ende zu machen: Hitler erfährt, dass Heinrich Himmler, Reichsführer SS, von Lübeck aus Verhandlungen mit den Westalliierten über eine Kapitulation aufnehmen will. Es folgt ein Tobsuchtsanfall und der Befehl, Himmlers irgendwie habhaft zu werden.

In der Nacht zum 29., nachdem er seine jahrelange Geliebte Eva Braun geehelicht hat, verfasst Hitler zwei Testamente, sein politisches – er macht darin Großadmiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Reichsmarine, zu seinem Nachfolger als Reichspräsidenten und zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht sowie Joseph Goebbels zum Reichskanzler – und sein privates.

„Ich selbst und meine Gattin wählen, um der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu ergehen, den Tod“, schreibt Hitler in seinem privaten Testament. „Es ist unser Wille, sofort an der Stelle verbrannt zu werden, an dem ich den größten Teil meiner täglichen Arbeit im Laufe eines zwölfjährigen Dienstes an meinem Volk geleistet habe.“

In jener Nacht wird Hauptmann Gerhard Boldt im „Führerbunker“ aus dem Schlaf gelärmt. Hitlers Chefadjutant Wilhelm Burgdorf schreit auf Reichsleiter und Hitlers Privatsekretär Martin Bormann ein. Eben noch hatten beide zusammen mit Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, fröhlich gezecht.

„Der Mensch war für euch nur noch das Werkzeug eurer unersättlichen Machtgier“, soll Burgdorf zum Schluss gebrüllt haben. „Unsere jahrhundertealte Kultur, das deutsche Volk habt ihr vernichtet. Das ist eure furchtbare Schuld!“

Kühl soll Bormann geantwortet haben: „Aber mein Lieber, du mußt doch nicht persönlich werden. (…) Prost, mein Lieber!“

Liebe Leserin, lieber Leser! 

Über Geschichte zu schreiben ist stets eine tückische Herausforderung. Die Gefahren der Fehlinterpretation, des Missverständnisses und des Irrtums sind allgegenwärtig und selbst durch sorgfältigste Recherche nicht immer vollständig auszuräumen. Mit dieser Chronik über die letzten dramatischen drei Tage Berlins im Zweiten Weltkrieg verhält es sich nicht anders. Die Angaben stützen sich auf Dokumente, Erinnerungen von Zeitzeugen und Sachbücher (eine Auswahl finden Sie am Ende des Textes). Und doch können sich Unstimmigkeiten und Fehler eingeschlichen haben. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind herzlich eingeladen, sich an unsere Redaktion zu wenden, falls Ihnen welche auffallen.

Zur gleichen Zeit schießen, stechen und hauen sich in Berlin Menschen aus dem Leben, auf der einen Seite Soldaten der Roten Armee, auf der anderen Seite Soldaten der Wehrmacht und der SS, nicht nur deutsche SS-Männer, auch französische (Division „Charlemagne“), skandinavische (Division „Nordland“) und lettische (15. Füsilier-Bataillon), dazu Angehörige des „Volkssturms“ mit noch wehrfähigen Männern und schon wehrfähigen Jungs der „Hitlerjugend“.

Zur gleichen Zeit kauern Zivilisten in Kellern und Bunkern, U-Bahn-Schächten und Kanalisationsröhren der Stadt, um ihre Leben fürchtend, auf ihr Überleben hoffend.

Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels, gibt Hitler am 29. April einen Lagebericht.

Hitler: „Wo steht der Russe?“

Mohnke: „Im Norden steht der Russe kurz vor der Weiderdammer Brücke. Im Osten am Lustgarten. Im Süden am Potsdamer Platz und am Luftfahrtministerium. Im Westen im Tiergarten, 300 bis 400 Meter vor der Reichskanzlei.“

Hitler: „Wie lange können Sie noch halten?“

Mohnke: „Höchstens 20 bis 24 Stunden.“

Berlin zerfällt. Überlebende ziehen im April 1945 durch Straßen voller Ruinen und Trümmer. Foto: dpa picture alliance / Keystone

Montag, 30. April 1945

Berlin, Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, 1 Uhr: Hitler erhält Antwort auf seinen Funkspruch, den er am Vorabend absetzen ließ. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), und Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes im OKW, nehmen Stellung zu seinen vier Fragen:

1. Spitze Wenck (Walther Wenck, Oberbefehlshaber der 12. Armee) liegt südlich Schwielowsee fest.

2. 12. Armee kann daher Angriff auf Berlin nicht fortsetzen.

3. 9. Armee mit Masse eingeschlossen.

4. Korps Holste (Rudolf Holste, Kommandierender General des XXXXI. Panzerkorps) in die Abwehr gedrängt.

Gesamtlage: aussichtslos.

Dorotheenstraße, Reichsinnenministerium, 4 Uhr: Sowjetische Soldaten haben das „Haus Himmlers“ in ihrer Hand. Über 21 Stunden haben sich die Kämpfe um das Gebäude hingezogen, dabei hat Mann gegen Mann um jedes Zimmer gerungen.

Angriff auf den „deutschen Kreml“

Königsplatz (heute Platz der Republik), 4.30 Uhr: Sowjetische Soldaten leiten einen Angriff auf das Reichstagsgebäude ein. Der Angriff scheitert unter dem unerwartet heftigen Feuer deutscher Soldaten, die sich in den Ruinen der Krolloper, die dem Reichstag gegenüberliegt, verschanzt haben.

Die sowjetische Führung hat den Reichstag, längst eine leerstehende Ruine mit zugemauerten Fensteröffnungen, zum „deutschen Kreml“, zum „Wahrzeichen Berlins“ erkoren.

Hintergrund ist der Reichstagsbrand 1933 und dessen Folgen: Die Brandstiftung führte nicht nur zu einem Prozess gegen den vermeintlichen Täter Marinus van der Lubbe, einem politisch links orientierten Arbeiter; sie diente dem NS-Regime auch als Vorwand, die Verfolgung ihrer politischen Gegner und damit die Zerschlagung der Kommunistischen Partei zu legalisieren. Das Reichstagsgebäude symbolisiert das Ende der Weimarer Republik und den Beginn des Dritten Reichs.

Dieses Modell des „Führerbunkers“ steht im „Berlin Story Bunker & Museum“. Ganz links unten ist Hitlers Schlafzimmer zu sehen, rechts daneben sein Wohn- und Arbeitszimmer, in dem er und Eva Braun Selbstmord begehen. Foto: Michael Sohn / AP

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, 5 Uhr: Schweres Artilleriefeuer aus sowjetischen Stellungen reißt die Bunkerbewohner aus dem Schlaf.

6 Uhr: Hitler sitzt auf dem Stuhl neben seinem Bett, übernächtigt, in Morgenmantel und Hausschuhen, und spricht mit Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels.

Hitler: Wie lange kann noch gehalten werden?

Mohnke: Nicht länger als ein paar Stunden, die Russen sind rundum bis auf einige Hundert Meter herangekommen.

Voßstraße, Garten der Reichskanzlei, 7 Uhr: Eva Braun, seit einem Tag Hitlers Ehefrau, kommt zum Notausgang des „Führerbunkers“; sie wolle „noch einmal die Sonne sehen“. Kurz darauf erscheint auch Hitler, im Halblicht des Treppenaufgangs. Er macht noch auf einer der oberen Treppenstufen kehrt, als der Beschuss stärker wird.

Unterliegt das deutsche Volk, dann soll es krepieren und dem biologisch Stärkeren Platz machen.

Adolf Hitler

Königsplatz (heute Platz der Republik), gegen 9.30 Uhr: Sowjetische Soldaten nehmen ihren Angriff auf das Reichstagsgebäude wieder auf, sie scheitern erneut.

Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße), Bendlerblock, Gefechtsstand des Kampfkommandanten von Berlin, gegen 10 Uhr: Die Offiziere um General Helmuth Weidling erörtern die Planung eines Ausbruchs der verbliebenen deutschen Truppen aus Berlin.

Der Ausbruch soll um 22 Uhr erfolgen.

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, 12 Uhr: Lagekonferenz. Sowjetische Truppen haben den Sturm auf den Reichstag eröffnet. Vorhuten sind bereits in den Tunnel der Voßstraße, in unmittelbarer Nähe der Reichskanzlei, eingedrungen. Die Stadt ist nicht länger zu verteidigen.

Auf den Vorschlag, er solle vielleicht versuchen, „hier herauszukommen“ und bei Potsdam zur Armee Wenck durchzubrechen, erwidert Hitler, das sei zwecklos.

Hitler zieht sich zu einem abschließenden Gespräch mit General Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, zurück. Es soll dabei gesagt haben: „Unterliegt das deutsche Volk, dann soll es krepieren und dem biologisch Stärkeren Platz machen.“

Anschließend tritt Hitler auf Otto Günsche zu, seinem persönlichen Adjutanten. Er macht ihm klar, dass er, Hitler, den Russen nicht in die Hände fallen dürfe, weder lebendig noch tot. Mit „Fräulein Braun“ werde er sich das Leben nehmen.

Der Kampf um den Reichstag beginnt am frühen Morgen des 30. April und endet am frühen Nachmittag des 2. Mai 1945. Diese Aufnahme entstand danach. Foto: imago images / ITAR-TASS

Königsplatz (heute Platz der Republik), 13 Uhr: Sowjetische Soldaten gehen nach einem 30-minütigen Sperrfeuer erneut gegen das Reichstagsgebäude vor. Auch dieser Angriff wird abgewehrt, mit Unterstützung der Geschütze des Flakturms am Zoologischen Garten.

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, 14 Uhr: Hitler nimmt in seinem Wohn- und Arbeitszimmer in Gesellschaft seiner vier Sekretärinnen und seiner Diätköchin seine letzte Mahlzeit ein. Auf eine Sekretärin wirkt die kleine Runde wie „ein Bankett des Todes“.

Mit den Worten „Nun ist es soweit, es ist zu Ende!“ soll Hitler die Tafel schon nach kurzer Zeit aufgehoben haben.

15 Uhr: Auf den Räumen des Tiefbunkers lastet eine bleierne Stille. In der Kantine des Vorbunkers hingegen vergnügen sich Bunkerbewohner mit Alkohol, Musik und Tanz.

Gegen 15.15 Uhr: Hitler und Eva Braun treten im Hauptbunker in den Konferenzkorridor, um sich von ihren engsten Mitarbeitern zu verabschieden.

Joseph Goebbels Ehefrau Magda versucht in einem persönlichen Gespräch mit Hitler, ihn dazu zu bewegen, Berlin doch noch zu verlassen. Vergeblich.

Eine Ordonnanz eilt in die Kantine im Vorbunker und bittet die Feiernden um Ruhe: Der Führer sei im Begriff zu sterben. Das Gelage geht weiter.

Das Ehepaar Hitler nimmt sich das Leben

Gegen 15.30 Uhr: Gertraud (Traudl) Junge, eine von Hitlers Sekretärinnen, will auf ihrem Weg aus den tieferen in die oberen Bunkerräume plötzlich einen Pistolenknall gehört haben.

Hitlers Kammerdiener Heinz Linge will Pulvergeruch bemerkt und Martin Bormann gemeldet haben: „Herr Reichsleiter, es ist passiert!“

Bormann, Linge und Hitlers Adjutant Otto Günsche wollen sich daraufhin in Hitlers Wohn- und Arbeitszimmer begeben und gesehen haben: Hitler sitzt zusammengesunken auf dem Sofa, den Kopf vornüber geneigt, die Augen offen; ein münzgroßes Loch klafft an seiner rechten Schläfe, ein blutiges Rinnsaal läuft die Wange herab; eine Pistole, eine Walther mit dem Kaliber 7.65 mm, liegt auf dem Boden; Eva Braun sitzt neben ihm, die Beine an den Körper gezogen, die Lippen bläulich verfärbt.

Reichsjugendführer Artur Axmann, der hinzukommt, will das gesehen haben: Über beide Schläfen Hitlers liefen Blutrinnsäle die Wangen herab. Und: „Hitler hatte sich in den Mund geschossen.“

Erich Kempka, Hitlers Fahrer, sagte ebenfalls: „Der Chef hatte sich in seinem Arbeitszimmer mit seiner Pistole durch den Mund geschossen.“

Es ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt, wie Hitler zu Tode kam. Ein Schuss in die Schläfe, ein Schuss durch den Mund?

Und: Hat er vorab ebenfalls, wie Eva Braun, eine Kapsel mit Blausäure zerbissen und sich dann erschossen. Oder hat er sich erschießen lassen?

Johann Rattenhuber, Leiter des „Kommandos zum Schutz des Führers“, verdächtigte Kammerdiener Linge, Hitler erschossen zu haben. Linge bestritt das entschieden.

Sowjetische Ermittler kamen zu dem Schluss, dass Adjutant Günsche schoss.

Ein ungleiches Paar: Adolf Hitler und Eva Braun – hier um 1940 – führen eine vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Beziehung. Sie heiraten einen Tag vor ihrem gemeinsamen Selbstmord. Foto: imago images / Courtesy Everett Collection

Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße), Bendlerblock, Gefechtsstand des Kampfkommandanten von Berlin, 16 Uhr: General Helmuth Weidling erhält von einem SS-Sturmführer der Kampfgruppe Mohnke einen Brief des „Führers“: Er erlaube den Truppen, in kleinen Gruppen aus dem Berliner Kessel auszubrechen; er lehne eine Kapitulation nach wie vor entschieden ab.

Weidling entschließt sich, im „Führerbunker“ vorzusprechen.

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, etwa zur gleichen Zeit: SS-Männer tragen die in einer Wolldecke eingewickelte Leiche von Hitler in den Garten der Reichskanzlei; Martin Bormann trägt Eva Braun..

Unter Granatenbeschuss legen sie die Toten neben dem Notausgang des Bunkers ab, gießen Benzin über sie und zünden sie an.

Erich Kempka, Hitlers Fahrer: „Die Flammen verzehrten das Benzin. Ein Zugießen von neuem Brennstoff in die erlöschenden Flammen war unmöglich. Immer wieder mußten die Reste der noch nicht verkohlten Körper mit frischem Benzin übergossen und dieses angezündet werden.“

Ungeklärt ist, wie: ob mit Zündhölzern, mit einem in Benzin getränkten Lappen oder mit einer aus Formularen geformten Fackel. Oder mit sowohl als auch, weil das Feuer nur schwer in Gang kommt und später immer wieder mal erlöscht.

Bis in den Abend hinein werden die verkohlenden Leichen Hitlers und Eva Brauns wiederholt mit Benzin übergossen und angezündet.

München, 16.05 Uhr: Hitlers „Hauptstadt der Bewegung“ wird offiziell an die Amerikaner übergeben.

Goebbels will einen Waffenstillstand

Berlin, Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße), Bendlerblock, Gefechtsstand des Kampfkommandanten von Berlin, 18 Uhr: General Helmuth Weidling erhält von einem weiteren SS-Mann einen Brief, unterzeichnet vom Adjutanten Wilhelm Mohnkes, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels. Er, Weidling, solle sich „unverzüglich in der Reichskanzlei bei General Krebs melden“. Alle beabsichtigten Ausbruchsmaßnahmen seien zu stoppen.

Königsplatz (heute Platz der Republik), etwa zur gleichen Zeit: Sowjetische Soldaten dringen in das Reichstagsgebäude ein. Ein Nahkampf beginnt.

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, 19 Uhr: General Weidling, der Kampfkommandant von Berlin, trifft in der Reichskanzlei ein und wird sofort in das Wohn- und Arbeitszimmer Hitlers im Hauptbunker geführt.

Fast eine Stunde hat Weidling gebraucht, um sich die ungefähr 1200 Meter vom Bendlerblock, seinem Gefechtsstand, zur Reichskanzlei durchzuschlagen.

Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, teilt Weidling in Anwesenheit von Goebbels und Reichsleiter Bormann mit: Der „Führer“ habe Selbstmord begangen, sein Leichnam sei verbrannt worden, es müsse darüber strengstes Stillschweigen bewahrt werden, nur Marschall Stalin sei über Funk davon in Kenntnis gesetzt worden – letzteres ist fraglich.

Krebs solle mit dem russischen Oberkommando über einen Waffenstillstand verhandeln.

Weidling: „Dies war also das Ende!“

Großadmiral Karl Dönitz, in Hitlers politischem Testament zum Reichspräsidenten bestimmt, mit Rüstungsminister Albert Speer (links) und General Alfred Jodl (rechts). Alle Mitglieder der Regierung Dönitz werden am 23. Mai 1945 in Flensburg verhaftet. Foto: imago images / teutopress

Plön, 19.30 Uhr: Großadmiral Karl Dönitz erhält von Goebbels und Reichsleiter Bormann ein Telegramm aus dem Führerbunker: „Anstelle des bisherigen Reichsmarschalls Göring setzt der Führer Sie, Herr Großadmiral, als seinen Nachfolger ein. Schriftliche Vollmacht unterwegs. Ab sofort sollen Sie sämtliche Maßnahmen verfügen, die sich aus der gegenwärtigen Lage ergeben.“

Kein Wort darüber, dass Hitler Selbstmord begangen hat.

Berlin, Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, etwa zur gleichen Zeit: Die Verbliebenen beraten sich. Reichsleiter Bormann schlägt vor, mit Angehörigen der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ einen Ausbruch zu wagen; Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels, hält das für aussichtslos.

Man einigt sich, Verhandlungen mit dem sowjetischen Oberkommando aufzunehmen: General Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, solle Generaloberst Wassilij Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, aufsuchen.

Die Rote Fahne wird auf dem Reichstag gehisst

Voßstraße, Garten der Reichskanzlei, gegen 20 Uhr: Hermann Karnau, Angehöriger des Sicherheitsdienstes, sieht zum wiederholten Mal nach den Leichen von Hitler und Eva Braun neben dem Notausgang des „Führerbunkers“.

Zuvor waren noch die Skelette zu erkennen, die bei seinem Versuch, sie mit einem Fuß tiefer in die Erde zu treten, zu einem flachen Aschehaufen zusammenfielen; jetzt, „da flogen schon die einzelnen Flocken im Wind“.

Königsplatz (heute Platz der Republik), Reichstag, 22.40 Uhr: Der sowjetische Unteroffizier Michail Minin hisst auf dem Dach des Gebäudes die Rote Fahne, das Banner der Sowjetunion.

Voßstraße, Garten der Reichskanzlei, gegen 23 Uhr: Die nahezu völlig verbrannten Leichen von Hitler und Eva Braun neben dem Notausgang des „Führerbunkers“ werden auf eine Zeltplane geschoben, in einen Granattrichter hinabgelassen, mit Erde bedeckt und mit einem Holzstampfer festgestampft – laut Hitlers Adjutant Otto Günsche.

Ein sowjetisches Geschütz feuert in eine Berliner Straße hinein. Die Kämpfe werden auf beiden Seiten verbissen geführt. Foto: imago images / ITAR-TASS

Wilhelmstraße, Reichsluftfahrtministerium, Gefechtsstand „Zitadelle“, kurz vor Mitternacht: Eine Abordnung deutscher Parlamentäre macht sich auf den Weg zum Gefechtsstand des sowjetischen 102. Garde-Schützenregiments.

Die Parlamentäre sind vom Oberkommando der Wehrmacht bevollmächtigt, darum zu bitten, dass General Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, Verhandlungen aufnehmen darf.

Oberst Theodor von Dufving, Stabschef von General Weidling, dem Kampfkommandanten von Berlin: „Ich kletterte über eine Mauer und war plötzlich umringt von Russen, die mich mit Taschenlampen anleuchteten, mir freundlich auf die Schulter klopften und auf mich einredeten, als ob wir alte Freunde wären.“

Generaloberst Wassilij Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, ist einverstanden, mit General Krebs zu verhandeln.

Was am 30. April 1945 noch geschieht:

Sowjetische Kommandanten ernennen einen Bezirksbürgermeister für Berlin-Tempelhof und einen Bürgermeister für den Ortsteil Marienfelde.

KPD-Funktionär Walter Ulbricht trifft in Berlin ein, er ist zuvor bei Marschall Georgij Schukow gewesen, in dessen Befehlsstand in Bruchmühle bei Strausberg.

Mit neun anderen Funktionären der KPD hatte sich Ulbricht am frühen Morgen von dem bei Moskau gelegenen Flugplatz Wnukowo Richtung Deutschland aufgemacht. Sie sind vorerst in Schwerin an der Warthe (heute Skwierzyna) untergekommen.

Die zehnköpfige „Gruppe Ulbricht“ hat den Auftrag, die Politische Hauptverwaltung der 1. Weißrussischen Front bei der Wiederingangsetzung des öffentlichen Lebens und der Verwaltung Berlins zu unterstützen und dann die Gründung von Parteien, Gewerkschaften und Organisationen vorzubereiten.

Im Haus Schulenburgring 2 in Berlin-Tempelhof verhandeln am 1. Mai 1945 General Hans Krebs (rechts), Generalstabschef des Heeres, und Generaloberst Wassilij I. Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, über einen Waffenstillstand. Foto: Jewgenij Chaldej / dpa picture alliance / ZB

Dienstag, 1. Mai 1945

Berlin, Schulenburgring 2, 3.50 Uhr: General Hans Krebs trifft im Hauptquartier von Generaloberst Wassilij Tschujkow ein. Nach einigen Vorreden teilt Krebs Tschujkow „vertraulich“ mit, Hitler und dessen Ehefrau hätten am Vortag Selbstmord begangen. Tschujkow behauptet, das sei ihm bereits bekannt – es ist ihm nicht bekannt.

Krebs schlägt „Friedensverhandlungen zwischen den zwei Staaten“ vor, „die die größten Kriegsverluste zu verzeichnen“ hätten.

Tschujkow erkennt sofort den Versuch, die Verbündeten gegen Deutschland doch noch zu spalten. Er benachrichtigt Marschall Georgij Schukow in dessen Befehlsstand in Bruchmühle bei Strausberg über den Selbstmord Hitlers und den Vorschlag der Deutschen.

Schukow informiert Josef Stalin, nachdem er ihn in dessen Datscha in Kunzewo bei Moskau (heute in Moskau) aus dem Schlaf geholt hat.

Schade, dass es nicht gelungen ist, ihn (Hitler) lebend zu fassen.

Josef Stalin

Sowjetführer Stalin soll den Selbstmord Hitlers laut Schukow mit den Worten kommentiert haben: „Jetzt hat er ausgespielt, dieser elende Schurke. Schade, dass es nicht gelungen ist, ihn lebend zu fassen.“ Und er teilt seinem Marschall mit, „daß wir keine Verhandlungen mit den Deutschen wünschen. Wir bestehen auf der bedingungslosen Kapitulation.“

Krebs verweist Tschujkow darauf, nicht bevollmächtigt zu sein, um über eine Kapitulation zu verhandeln. Er müsse Rücksprache mit dem „Führerbunker“ halten.

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, kurz vor 8 Uhr: Martin Bormann schickt ein zweites Telegramm an Großadmiral Karl Dönitz: „Testament (Hitlers) in Kraft. Ich werde so rasch wie möglich zu Ihnen kommen. Bis dahin meines Erachtens Veröffentlichung zurückstellen.“

Blick in den Garten der Reichskanzlei: Links befindet sich der Notausgang und rechts steht der Wachturm des „Führerbunkers“, dahinter liegen der große Festsaal der Alten Reichskanzlei und, links davon, das Reichsaußenministerium. Die Leichen Hitlers und Eva Brauns wurden hier verbrannt. Foto: akg images

Schulenburgring 2, 10.15 Uhr: Die Verhandlungen zwischen General Krebs und Generaloberst Tschujkow kommen nicht voran. Die sowjetische Seite stellt ein Ultimatum: Wenn die deutsche Seite nicht sofort einer bedingungslosen Kapitulation zustimme, würden die militärischen Operationen in vollem Umfang wiederaufgenommen.

13.08 Uhr: General Krebs macht sich nach neunstündigen Verhandlungen mit Generaloberst Tschujkow auf den Weg zurück in die Reichskanzlei und den „Führerbunker“. Mit sich führt er ein Papier, in dem die sowjetische Seite folgendes fordert:

1. Berlin kapituliert.

2. Alle Kapitulierenden haben die Waffen niederzulegen.

3. Allen Soldaten und Offizieren wird das Leben garantiert.

4. Den Verwundeten wird Hilfe geleistet.

5. Es wird die Möglichkeit für Verhandlungen mit den Alliierten über Funk geschaffen.

Ich habe einmal Berlin gegen die Roten erobert, ich werde es bis zum letzten Atemzug gegen die Roten verteidigen.

Joseph Goebbels

Plön, 15.18 Uhr: Großadmiral Karl Dönitz erhält ein Telegramm von Goebbels: „Führer gestern 15.30 Uhr verschieden. Testament vom 29.4. überträgt Ihnen das Amt des Reichspräsidenten. Reichsleiter Bormann versucht noch heute zu Ihnen zu kommen, um Sie über Lage aufzuklären. Form und Zeitpunkt der Bekanntgabe an Öffentlichkeit und Truppe bleibt Ihnen überlassen. Eingang bestätigen.“

Dass Hitler Selbstmord begangen hat, weiß Dönitz immer noch nicht.

Berlin, Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, gegen 15.30 Uhr: General Krebs berichtet über die Ergebnisse seiner Verhandlungen mit Generaloberst Tschujkow. Die Forderung nach Kapitulation empört Goebbels: „Ich habe einmal Berlin gegen die Roten erobert, ich werde es bis zum letzten Atemzug gegen die Roten verteidigen.“

Ein von Goebbels bevollmächtigter Oberstleutnant der Waffen-SS begibt sich wenig später zur Kampflinie und übergibt einen versiegelten Brief, von Reichsleiter Bormann und General Krebs unterzeichnet. Es heißt darin: Eine Kapitulation erfolgt nicht, die Kampfhandlungen werden fortgesetzt.

Joseph Goebbels mit seiner Frau Magda und ihren Kindern anlässlich seines 45. Geburtstages 1942: Helmuth, Holde, Heide und Hedda (unten, von links), Hilde, Helga und Harald Quandt (oben), Magdas Sohn aus ihrer ersten Ehe. Foto: SZ Photo / Scherl

Zwischen 17 und 18 Uhr: Magda Goebbels bringt ihre sechs Kinder – fünf Mädchen (4, 6, 8, 11 und 12 Jahre), ein Junge (9) – im Vorbunker zu Bett.

Das Ehepaar Goebbels hat sich mehrmals mit Stabsarzt Ludwig Stumpfegger, Hitlers Begleitarzt, und Zahnarzt Helmut Kunz, Adjutant der SS-Sanitätsverwaltung, getroffen, um zu klären, wie ihre Kinder schnell und schmerzlos getötet werden können.

Rochus Misch, Telefonist im „Führerbunker“, berichtet, die Kinder hätten vor ihrem Zubettgehen Kakao mit einem Schlafmittel bekommen.

Zahnarzt Helmut Kunz hat den Kindern Morphiumspritzen gesetzt, um sie zu betäuben.

Magda Goebbels träufelt schließlich im Beisein von Stabsarzt Stumpfegger Blausäure in die Münder ihrer betäubten Kinder.

Die zwölfjährige Helga Goebbels ist nicht hinreichend betäubt; sie wehrt sich, das Gift zu schlucken – ihr später aufgefundener Leichnam weist Blutergüsse im Gesicht auf.

„Es ist vollbracht!“ Mit diesen Worten soll Magda Goebbels kurz darauf im Hauptbunker erschienen sein, wo ihr Mann sie erwartete. Beide gingen in sein Arbeitszimmer. Dort soll sie weinend eine Patience gelegt haben.

Das Ehepaar Goebbels setzt sich am frühen Abend mit Martin Bormann und Reichsjugendführer Artur Axmann zusammen, um Erinnerungen auszutauschen.

Regierungsviertel, 18.30 Uhr: Die sowjetischen Stellungen eröffnen nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine Kapitulation das Feuer aus allen Geschützen.

Das tote Ehepaar Goebbels wird in Brand gesetzt

19.40 Uhr: Die deutschen Kampf- und Gefechtsstände erhalten die Meldung: „Der Führer ist tot.“

Und weiter: Kampffähige Freiwillige aller Verbände würden unter Führung des letzten Kommandeurs der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ (Otto Kumm) in der Nacht einen Ausbruch durchführen.

Der Ausbruch wird scheitern.

Berlin, Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, gegen 20.30 Uhr: Goebbels und seine Frau begeben sich zum Bunkeraufgang in den Garten der Reichskanzlei. Im Abgehen, am Fuß der Treppe, sagt er noch: „Les jeux sont faits“ – das Spiel ist aus.

Das Ehepaar Goebbels vergiftet sich, ein paar Meter entfernt von der Stelle, wo das verscharrt ist, was von Hitler und Eva Braun übrig geblieben ist.

Es heißt, sie hätten sich anschließend erschossen.

Es heißt auch, sie seien, nachdem sie sich vergiftet hatten, von einem SS-Mann erschossen worden.

Goebbels hat seinen Adjutanten Günter Schwägermann angewiesen, für die Verbrennung der Leichen zu sorgen und vor der Verbrennung sicherzustellen, dass er, Goebbels, und seine Frau tatsächlich tot seien.

Schwägermann und ein paar SS-Männer tragen Benzinkanister in den Garten der Reichskanzlei hinauf. Ein Wachposten schießt auf die am Bunkerausgang liegenden Leichen. Die Toten werden mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Das Feuer erlischt nach wenigen Minuten. Niemand kümmert sich darum, jeder ist damit beschäftigt, sein Leben zu retten.

Ein Trümmerfeld ist die Oranienburger Straße in Berlin. Im Vordergrund liegt ein toter Offizier der Waffen-SS, an seiner Brust prangt das Eiserne Kreuz. Foto: dpa picture alliance / ZB / Berliner Verlag

Mauerstraße, Reichspropagandaministerium, gegen 21 Uhr: Staatssekretär Werner Naumann, Goebbels persönlicher Referent, unterrichtet seine Mitarbeiter: „Adolf Hitler hat gestern Nachmittag Selbstmord begangen. Dr. Goebbels liegt im Sterben.“ Und: Die in der Reichskanzlei verbliebenen Personen würden einen Ausbruchversuch unternehmen.

Ministerialrat Hans Fritzsche, der vermutet, jetzt der rangälteste Regierungsbeamte in der Stadt zu sein, entschließt sich, auf eigene Faust der sowjetischen Seite ein Kapitulationsangebot zu unterbreiten. Er formuliert ein Schreiben.

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, 22 Uhr: Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels, hat sechs (nach anderen Angaben zehn) Gruppen mit zehn bis fünfzehn Personen gebildet, die jetzt, eine dreiviertel Stunde später als geplant, im Abstand von zehn Minuten den Bunker verlassen.

Waghalsige Flucht aus dem „Führerbunker“

Die erste Gruppe wagt den Ausbruch aus dem „Führerbunker“. Die Fliehenden kriechen aus dem Kellerfenster unterhalb des „Führerbalkons“ an der Reichskanzlei ins Freie, rennen über den verwüsteten Wilhelmplatz in Richtung U-Bahnhof Kaiserhof (heute Mohrenstraße), stolpern und rutschen über Trümmer zum Bahnsteig und gehen über die Gleise Richtung U-Bahnhof Friedrichstraße.

Vom U-Bahnhof Friedrichstraße will die Gruppe im Tunnel unter der Spree zum Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) hinter die sowjetischen Linien gelangen, um sich dann zum Flakturm im Humboldthain zu bewegen, von wo aus sich jede Gruppe einen Weg in den Westen suchen soll.

Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, und Wilhelm Burgdorf, Chefadjutant Hitlers, sowie Franz Schädle, Kommandant der persönlichen Leibwache Hitlers, schwer verwundet, wollen im „Führerbunker“ bleiben. Die drei Männer werden Selbstmord begehen.

Ich übernehme den Oberbefehl über alle Teile der Deutschen Wehrmacht mit dem Willen, den Kampf gegen die Bolschewisten fortzusetzen (...).

Großadmiral Karl Dönitz

Hamburg, Rothenbaumchaussee, Funkhaus, 22.26 Uhr: Der „Großdeutsche Rundfunk“ unterbricht sein Programm. Ein Rundfunksprecher verkündet: „Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag (sic!) in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge kämpfend, für Deutschland gefallen ist. Am 30. April hat der Führer Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt. Der Großadmiral und Nachfolger des Führers spricht zum deutschen Volk.“

Großadmiral Karl Dönitz: „Deutsche Männer und Frauen, Soldaten der deutschen Wehrmacht! Unser Führer, Adolf Hitler, ist gefallen. In tiefster Trauer und Ehrfurcht verneigt sich das deutsche Volk. (…)

Meine erste Aufgabe ist es, deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten. Nur für dieses Ziel geht der militärische Kampf weiter. (…)

Tue jeder an seiner Stelle seine Pflicht (…).“

Tagesbefehl an die Deutsche Wehrmacht

Rundfunksprecher: „Als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht richtet Großadmiral Dönitz folgenden Tagesbefehl an die Deutsche Wehrmacht.“

Dönitz: „Der Führer ist gefallen, getreu seiner großen Idee, die Völker Europas vor dem Bolschewismus zu bewahren, hat er sein Leben eingesetzt und den Heldentod gefunden. Mit ihm ist einer der größten Helden deutscher Geschichte dahingegangen. In stolzer Ehrfurcht und Trauer senken wir vor ihm die Fahnen. (…)

Ich übernehme den Oberbefehl über alle Teile der Deutschen Wehrmacht mit dem Willen, den Kampf gegen die Bolschewisten fortzusetzen, bis die kämpfende Truppe und bis die Hunderttausenden von Familien des deutschen Ostraumes vor der Versklavung und der Vernichtung gerettet sind. (…)

Der dem Führer von Euch geleistete Eid gilt nunmehr für jeden Einzelnen von Euch ohne weiteres mir, als dem vom Führer eingesetzten Nachfolger. Deutsche Soldaten, tut Eure Pflicht! Es gilt das Leben unseres Volkes.“

Als Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee verhandelt Generaloberst Wassilij Tschujkow über die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Berlin. Foto: imago images / ITAR-TASS

Berlin, Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße), Bendlerblock, Gefechtsstand des Kampfkommandanten von Berlin, 22.40 Uhr: General Helmuth Weidling sieht keinen Ausweg mehr. Ein erfolgreicher Ausbruch aus dem Kessel, den die sowjetischen Einheiten gebildet haben, ist undenkbar.

In sowjetischer Hand sind: der Bahnhof Zoologischer Garten, die Ost-West-Achse bis zum Brandenburger Tor, die Weidendammbrücke (Weidendammer Brücke), der Spittelmarkt, die Leipziger Straße, der Potsdamer Platz, die Potsdamer Brücke und die Bendlerbrücke.

General Weidling spricht zu seinen Soldaten, es sind über 100 Mann. Er schildert die Lage, sieht nur einen Ausweg und erhält dafür einmütige Zustimmung: Kapitulation.

Fünfmal hintereinander lässt Kampfkommandant Weidling einen offenen Funkspruch auf Russisch über die gegnerischen Linien senden: „Hier LVI. deutsches Panzerkorps! Hier LVI. deutsches Panzerkorps! Wir bitten, das Feuer einzustellen. Um 0.50 Berliner Zeit entsenden wir Parlamentäre auf die Potsdamer Brücke, Erkennungszeichen weiße Flagge vor rotem Licht. Wir bitten um Antwort! Wir warten!“

Die sowjetische Seite meldet sich kurz darauf: „Verstanden! Verstanden! Übermitteln Ihre Bitte an Chef des Stabes!“

Generaloberst Wassilij Tschujkow lässt wenig später sein Einverständnis funken, Parlamentäre zu empfangen.

Ein Durchbruch mit 68 Mann und fünf Panzern

Kastanienallee, gegen 23 Uhr: Kampfgruppen des Wachregiments „Großdeutschland“ sammeln sich, sie wollen einen Ausbruch wagen. Am Bahnhof Schönhauser Allee gelingt es ihnen, mit 68 Mann und fünf Panzern die sowjetischen Linien zu durchbrechen.

Die Soldaten werden bis in den Raum Oranienburg kommen, dort ihre Panzer wegen Spritmangels sprengen und sich in vier Gruppen Richtung Elbe und Schleswig-Holstein durchschlagen.

Friedrichstraße, 23.45 Uhr: Die aus dem „Führerbunker“ geflohene Gruppe mit Erich Kempka, Hitlers Fahrer, erreicht den U-Bahnhof Friedrichstraße.

Kempka: „Ein erschütterndes Bild bot sich unseren Augen. Zu Tode erschöpfte Soldaten, Verwundete ohne jegliche Betreuung und Geflüchtete lagen an den Wänden, auf den Bahnsteigen und Treppen umher.“

Mauerstraße, Reichspropagandaministerium, gegen Mitternacht: Die ersten Flüchtlinge aus dem Ministerium kehren zurück. Sie sagen: Es gebe kein Entrinnen. Einer von ihnen erzählt „von einem blinden Sturm am Bahnhof Friedrichstraße, der zu einem Blutbad an der Weidendammer Brücke führte“.

Die SS räumt den Bunker am Anhalter Bahnhof

Anhalter Bahnhof, in der Nacht auf den 2. Mai: Bis zu 12.000 Männer, meist alte, Frauen und Kinder bangen und hoffen im Hochbunker, für 3000 Personen ist er angelegt worden. Es ist stockdunkel, der Strom ist seit einer Woche ausgefallen. Die Zufluchtsuchenden stehen in Fäkalien, weil die Toiletten nicht mehr abgepumpt werden.

Die SS räumt den Bunker; sie treibt die Menschen durch den mit dem Bunker verbundenen U-Bahntunnel in Richtung Friedrichstraße und Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof).

Was am 1. Mai 1945 noch geschieht:

Sowjetische Soldaten feiern auf dem Wörther Platz (heute Kollwitzplatz) am Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse den Sieg über Hitler-Deutschland.

Ein sowjetischer Kommandant ernennt einen Bezirksbürgermeister für Reinickendorf.

Die zehnköpfige „Gruppe Ulbricht“ trifft geschlossen in Bruchmühle bei Strausberg ein, Befehlsstand von Marschall Georgij Schukow, Sitz der Politischen Hauptverwaltung der 1. Weißrussischen Front.

Eine Frau liegt am Halleschen Ufer am Landwehrkanal. Auf der Parkbank befinden sich ihre Habseligkeiten. Sie hat sich, wie nicht wenige Berliner zum Ende des Krieges, umgebracht. Foto: Jewgenij Chaldej / dpa picture alliance / ZB

Mittwoch, 2. Mai 1945 

Berlin, Masurenallee, Haus des Rundfunks, 0.50 Uhr: Der Großdeutsche Rundfunk, der aus einem Funkbunker sendet, stellt seinen Betrieb ein.

Der 18-jährige Rundfunksprecher Richard Beier macht die Absage: „Wir grüßen alle Deutschen und gedenken noch einmal des heroischen deutschen Soldatentums, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Der Führer ist tot, es lebe das Reich.“

Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße), Bendlerblock, Gefechtsstand des Kampfkommandanten von Berlin, gegen 1 Uhr: Oberst Theodor von Dufving, der Stabschef von General Weidling, geht in Begleitung von Soldaten und eines Dolmetschers auf den Landwehrkanal zu. Die Gruppe trägt eine weiße Fahne.

Aus einem Gebäude an der Bendlerstraße tönt es: „Ein Deutscher kapituliert nie!“ Und: „Ihr seid Verräter!“

Die Gruppe um Oberst von Dufving erreicht eine sowjetische Barrikade. Plötzlich explodieren Handgranaten, geworfen von deutschen Soldaten.

Nachdem der Beschuss aufgehört hat und die Sowjetsoldaten nur mit Mühe zurückgehalten werden konnten, die deutschen Parlamentäre niederzustrecken, sagt Dufving, er sei bevollmächtigt zu erklären, dass General Weidling beschlossen habe, den Widerstand aufzugeben und zu kapitulieren.

Generaloberst Wassilij Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, wird informiert; er nimmt die Erklärung an. Dufving wird zu Weidling zurückgeschickt.

Verwundete im Hausflur und im Keller

Chaussee- und Ziegelstraße, gegen 2 Uhr: Die aus dem „Führerbunker“ geflohene Gruppe um Reichsleiter Martin Bormann sucht Zuflucht in einem Eckhaus. Vor Stunden waren sie etwa fünfzehn Personen, jetzt sind sie nur noch zu sechst. Sie treffen auf Mitglieder anderer Gruppen aus dem Bunker.

Im Flur und im Keller des Eckhauses drängen sich verwundete Männer und Frauen, „einem Teil von ihnen waren die Leiber durch Granattreffer aufgerissen“, berichtet Hans Baur, Hitlers Chefpilot. „Der Jammer war furchtbar.“

Bormann und Staatssekretär Werner Naumann, Baur und Stabsarzt Ludwig Stumpfegger, Reichsjugendführer Artur Axmann und sein Adjutant Günter Weltzin versuchen, sich zur Schultheiss-Brauerei an der Schönhauser Allee durchzuschlagen, einem der Punkte, wo sich alle Gruppen aus dem „Führerbunker“ sammeln wollen. In einem Tiefkeller der Brauerei befindet sich der Stab des Befehlsabschnitts H.

Das Ende von Reichsleiter Bormann

Die Flüchtigen aus dem „Führerbunker“ treffen auf dem Weg dorthin auf die Gruppe mit Erich Kempka, Hitlers Fahrer. Im Schutz dreier deutscher Panzer bewegen sie sich weiter. Plötzlich geraten sie unter Beschuss.

Kempka verliert durch die Wucht einer Explosion das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, wird seine Gruppe aufgelöst. „Jeder sollte versuchen, sich nach Möglichkeit Zivilkleidung zu besorgen und sich durch die feindlichen Linien zu schlagen.“

Bormann und Stumpfegger werden wenig später an der Invalidenstraße in der Nähe des Lehrter Bahnhofs (heute Hauptbahnhof) Selbstmord begehen; ihre Überreste werden 1972 bei Bauarbeiten entdeckt.

Baur und Weltzin werden gefangengenommen, Axmann und Naumann werden entkommen.

Die Gefangennahme von General Helmuth Weidling am 2. Mai soll dieses Foto zeigen. Die von der sowjetischen Propaganda verbreitete Aufnahme zeigt tatsächlich den letzten Kampfkommandanten von Berlin, aber beim Verlassen des Bunkers der Reichskanzlei am Ausgang Voßstraße am 6. Mai. Foto: dpa picture-alliance / akg images

Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße), Bendlerblock, Gefechtsstand des Kampfkommandanten von Berlin, um 3 Uhr: Oberst Theodor von Dufving, der Stabschef von General Weidling, kehrt zurück und meldet, dass Generaloberst Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, sich bereit erklärt habe, mit General Weidling die Kapitulationsbedingungen auszuhandeln.

Schulenburgring 2, 3.50 Uhr: Die von Ministerialrat Hans Fritzsche entsandten Parlamentäre, drei Zivilisten und ein Soldat, treffen ein; sie überreichen Tschujkow das Schreiben Fritzsches. Zentraler Satz: „Ich bitte Sie als einer der am Leben Gebliebenen, Berlin unter Ihren Schutz zu stellen.“

Tschujkow teilt den Parlamentären nach einem Telefonat mit Marschall Schukow mit: Das sowjetische Oberkommando nimmt die Kapitulation von Berlin an. Fritzsche solle über einen Sender zu den Soldaten und der Bevölkerung sprechen.

Ein Telefon schrillt. Ein sowjetischer Generalleutnant berichtet vom Gefechtsstand der 47. Gardedivision: „Aus der vorderen Linie wird gemeldet, daß die deutschen Einheiten in Kolonnen antreten.“

Eine weitere Meldung tritt zur gleichen Zeit ein: General Weidling hat sich in sowjetische Gefangenschaft begeben.

General Weidling und Generaloberst Tschuikow verhandeln

4 Uhr: General Weidling trifft in Begleitung dreier Stabsoffiziere im Hauptquartier von Generaloberst Tschujkow ein.

Wo sich General Krebs, Generalstabschef des Heeres, befinde, will Tschujkow wissen. Weidling weiß es nicht. Und ob der unterrichtet sei, auch nicht.

Ob die Bitte, das Feuer einzustellen, allen Einheiten bekannt sei. Weidling sagt, er habe nicht zu allen Einheiten Kontakt und die SS unterstehe nicht seinem Kommando.

Tschujkows Forderung, einen Kapitulationsbefehl zu unterzeichnen, kommt Weidling nicht nach. Bei einem folgenden Streit erleidet Weidling einen Nervenzusammenbruch.

Wilhelmstraße, zwischen 4 und 9 Uhr: Deutsche „Fliegende Standgerichte“ erhängen an Laternenpfählen sieben Hitlerjungen.

In U-Bahnhöfen und ihren Schächten suchen deutsche Soldaten und Zivilisten Zuflucht. Hier steigen Rotarmisten mit Maschinenpistolen im Anschlag in die Station Frankfurter Allee. Foto: imago images / United Archives

Französische Straße, gegen 5.30 Uhr: Ein sowjetischer Offizier fordert die deutschen Soldaten und Zivilisten auf den Treppen und den Bahnsteigen sowie in den Schächten des U-Bahnhofs auf, sich zu ergeben. Ja-Rufe, Nein-Rufe.

Die deutschen Offiziere verhandeln und befehlen schließlich: Alle Soldaten werfen ihre Waffen weg und werden als Kriegsgefangene betrachtet; Verwundete kommen ins Lazarett; Zivilpersonen, Frauen, Kinder dürfen nach Hause gehen,

Ein SS-Unterscharführer, der mit einem Unterschenkeldurchschuss auf einer Lore liegt, berichtet: „Einige nehmen sich das Leben; immer wieder krachen Pistolenschüsse. Alles klettert nach oben. Niemand kümmert sich mehr um die Verwundeten.“

Sowjetische Soldaten kommen in den Bahnhof; sie plündern die Leichen: greifen sich Pistolen, Armbanduhren, Ringe.

Ein Soldat schiebt die Lore mit dem SS-Unterscharführer weiter. „Der Russe ist redselig: ,Wojna kaputt! Chitler kaputt! Du Lazarett und dann nach Hause!‘“

Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich euch auf, sofort den Kampf einzustellen.

General Helmuth Weidling

Schulenburgring 2, 5.50 Uhr: General Helmuth Weidling, der Kampfkommandant von Berlin, hat sich gegenüber Generaloberst Wassilij Tschujkow bereiterklärt, einen Aufruf zur Kapitulation zu verfassen und ihn über Lautsprecherwagen in der Stadt verbreiten zu lassen.

Der Wortlaut: „Berlin, den 2. Mai 1945. Am 30. April 1945 hat der Führer Selbstmord begangen und damit alle, die ihm Treue geschworen hatten, im Stich gelassen. Getreu dem Befehl des Führers ward ihr, deutsche Soldaten, bereit, den Kampf um Berlin fortzusetzen, obwohl eure Munition zur Neige ging und die Gesamtlage den weiteren Widerstand sinnlos machte. Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten. Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich euch auf, sofort den Kampf einzustellen.“

Höchste Straße, gegen 6 Uhr: Der 16-jährige Dieter Borkowski hat im Flakturm Friedrichshain gekämpft, dann in einer Panzerabwehrstellung in der Parkanlage Märchenbrunnen und bekommt jetzt, an seiner neuen Hauptkampflinie, den Befehl, mit seinen Kameraden zu versuchen, nach Norden durchzubrechen.

Stattdessen versteckt sich Dieter in einem Geschäft. Erschöpft schläft er ein. Plötzlich: „Ich werde von einem fremden Laut geweckt: ,Dawai, dawai ...! (...) Woyna kapuut, Hitler kapuut.‘“

Die Rote Fahne, das Banner der Sowjetunion, weht auf dem Dach des Reichstags in Berlin. Kriegsberichterstatter Jewgenij Chaldej stellte das Hissen der Flagge am Morgen des 2. Mai in Szene und dramatisierte das Foto zusätzlich durch die Montage von Rauchschwaden in den Himmel. Ein Sowjetsoldat hatte bereits am späten Abend des 30. April eine rote Fahne auf dem Gebäude gehisst. Foto: Jewgenij Chaldej / dpa

Königsplatz (heute Platz der Republik), Reichstag, 7 Uhr: Der sowjetische Kriegsberichterstatter Jewgenij Chaldej betritt das Gebäude, in dessen Kellerräumen noch gekämpft wird - Soldaten bringen sich in Nahkämpfen um. Unter seiner Uniform trägt er eine rote Fahne mit Hammer und Sichel. Er trifft auf Soldaten und macht mit ihnen auf dem Dach des Gebäudes 36 Fotos, die zeigen, wie sie das Banner der Sowjetunion hissen.

Auf dem später offiziell veröffentlichten, von Chaldej durch Retusche und Montage manipulierten Foto sind drei Soldaten abgebildet, offiziell Meliton Kantaria, Michail Jegorow, Konstantin Samsonow.

Chaldej enthüllte Mitte der 1990er-Jahre in einem Interview die tatsächlichen Namen der drei Soldaten: Alexej Kowaljow, Abdulchakim Ismailow, Leonid Goritschew. Mehrere Gruppen hatten Fahnen gehisst, Stalin entschied sich für die Gruppe um Kantaria, wie er Georgier.

Unteroffizier Michail Minin, der die Fahne bereits am Abend des 30. April gehisst hatte, wurde 1995 geehrt.

Tunnel der S-Bahn unter dem Landwehrkanal, 7.55 Uhr: SS-Männer sprengen die Tunneldecke, Wassermassen überfluten das unterirdische Verkehrsnetz der Innenstadt.

Es werden später 93 Leichen geborgen. Es bleibt unklar, ob die Menschen vor der oder durch die Flutung starben.

Umgebung des Savignyplatzes, 8.30 Uhr: Die Spitzen der sowjetischen 2. und der 3. Garde-Panzerarmee treffen sich.

Eva Brauns Kleider werden zur Kriegsbeute

Voßstraße, Reichskanzlei, Führerbunker, gegen 9 Uhr: Johannes Hentschel, Maschinist im Bunker, hört vom Verbindungstunnel her Stimmen. Als er aus dem Schalterraum tritt, stehen ihm etwa zwölf uniformierte Frauen gegenüber. Sie gehören zu einem Sanitätskorps der Roten Armee.

Eine der Frauen spricht Deutsch, sie fragt nach Hitler und „Hitlers Frau“. Hentschel führt die Gruppe in den Ankleideraum Eva Brauns. Die Soldatinnen nehmen alles mit, was ihnen brauchbar erscheint.

Die Soldatinnen begegnen auf ihrem Weg aus dem Bunker zwei sowjetischen Offizieren. Man nimmt keine Notiz voneinander.

Die sowjetischen Offiziere fragen Hentschel nach Hitler. Hentschel berichtet ihnen von der Hochzeit, den Selbstmorden und der Verbrennung der Leichen. Die Offiziere lassen sich durch den Bunker führen, lassen sich auch die Räume der Familie Goebbels zeigen – nach einem kurzen Blick auf die Leichen der Kinder schlagen sie die Tür entsetzt zu.

Es wird sich herausstellen, dass die Soldatinnen und Soldaten zu den Verbänden von Marschall Iwan Konew gehörten. Den hatte Stalin bei seinem Vordringen in Berlin gebremst. Marschall Schukow allein sollte der Sieger in der Schlacht um Berlin sein.

Zwei sowjetische Soldaten stehen an der Reichskanzlei vor einem am Boden liegenden steinernen Reichsadler. Foto: imago images / ITAR-TASS

Kapellenweg, gegen 11 Uhr: In der Kleingartenkolonie Idehorst krachen Pistolen- und Gewehrschüsse, rattern Maschinengewehrsalven, explodieren Granaten. Der Beschuss gilt fliehenden deutschen Soldaten.

Unter Beschuss geraten auch eine Mutter und ihre beiden Töchter, elf und neun Jahre alt. Die Familie wohnt in der Kolonie, seit ihre Stadtwohnung ausgebombt ist. Im Garten wirft sich die Mutter schützend auf ihre Kinder. Sie wird dabei tödlich getroffen.

Schönhauser Allee, gegen 12 Uhr: Die aus dem „Führerbunker“ geflohenen Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels, und Otto Günsche, Hitlers Adjutant, erreichen die Schultheiss-Brauerei, Sitz des Stabes des Befehlsabschnitts H.

Königsplatz (heute Platz der Republik), Reichstag, 13 Uhr: Die letzten deutschen Soldaten im Keller des Reichstagsgebäudes strecken ihre Waffen.

Moskau feiert die Eroberung Berlins

Voßstraße, kurz nach 15 Uhr: Sowjetische Soldaten besetzen die Reichskanzlei und den „Führerbunker“, offiziell.

Die Kampfhandlungen sind eingestellt, die Waffen schweigen, ebenfalls offiziell.

Voßstraße, Garten der Reichskanzlei, 17 Uhr: Sowjetische Soldaten entdecken die Leichen des Ehepaars Goebbels.

Schönhauser Allee, gegen 19.30 Uhr: Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels, und Otto Günsche, Hitlers Adjutant, werden von sowjetischen Soldaten gefangengenommen.

Moskau, gegen 23.30 Uhr (Berlin, 21.30 Uhr): Die sowjetische Hauptstadt feiert die „historische Eroberung Berlins“. Vierundzwanzig Artilleriesalven aus 324 Geschützen donnern in den Nachthimmel, ihnen folgt ein Feuerwerk.

Was am 2. Mai 1945 noch geschieht:

Volkskomitees beginnen mit dem Aufbau eines Systems von Block-, Straßen- und Vertrauensleuten, um den Befehlen der sowjetischen Kommandanten nachkommen zu können.

Ein sowjetischer Kommandant ernennt einen Bezirksbürgermeister für Charlottenburg.

Die „Gruppe Ulbricht“ nimmt in Bruchmühle bei Strausberg ihre Arbeit auf.

Johann Rattenhuber, Leiter des „Kommandos zum Schutz des Führers“, Heinz Linge, Hitlers Kammerdiener, und Johannes Hentschel, Maschinist im „Führerbunker“, werden von sowjetischen Soldaten gefangengenommen.

Weiße Laken als Zeichen der Kapitulation hängen aus den Häusern einer Straße in Berlin. Foto: dpa picture alliance / akg images

Donnerstag, 3. Mai 1945

Berlin, Wiesenstraße, 1 Uhr: Eine Kampfgruppe deutscher Soldaten hat in der Nacht den Befehl erhalten, am Brückenpfeiler der Wiesenbrücke über den Gleisen des S-Bahnhofs Humboldthain Stellung zu beziehen. Dass Berlin kapituliert hat, wissen die Soldaten nicht.

„Die Nacht war eigenartig ruhig“, berichtet später Wolfgang Karow, der als Unteroffizier die Gruppe befehligte. „Drüben in der Hochstraße brannten einige Häuser, die ,Lichtburg‘ (ein Großkino) stand in Flammen. Dadurch bot der Humboldthain mit seinen umgeschossenen Bäumen ein gespenstisches Bild.“

Auch andernorts in Berlin wird noch gekämpft. Nicht zu allen deutschen Soldaten ist General Helmuth Weidlings Aufforderung, den Kampf einzustellen, gedrungen. Andere wollen einen eindeutigen Befehl haben oder ihre Waffen einfach nicht strecken, sei es aus Pflicht- und Ehrgefühl oder aus Angst vor sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Und die SS, die nicht unter Weidlings Kommando steht, macht sowieso, was sie will.

Was sollten wir tun – mit ihnen glücklich sein, noch zu den Lebenden zu gehören, oder über unser Schicksal trauern? Wir wußten es nicht.

Unteroffizier Wolfgang Karow

Hitler-Biograf Joachim Fest: „Wer immer dazu in der Lage war, betrachtete den Krieg als beendet. Verschiedentlich sah man verloren herumstehende Wehrmachtsangehörige, die ihre Gewehre an den Rinnsteinen zerschlugen, ihre Handgranaten blind in die Ruinen schleuderten (...) Die Nachricht, daß Hitler sich umgebracht habe, fand wenig Glauben.“

Die deutschen Soldaten an der Wiesenbrücke geben um 12 Uhr mittags auf. Rotarmisten kommen auf sie zu, einer von ihnen klopft dem Unteroffizier Karow auf die Schulter und radebrecht: „Kamerad, Wojna kapuuut, Krieg aus!“

„Stumm standen wir mit gemischten Gefühlen, unsere Waffen noch behaltend, zwischen den Russen“, berichtet Wolfgang Karow. „Was sollten wir tun – mit ihnen glücklich sein, noch zu den Lebenden zu gehören, oder über unser Schicksal trauern? Wir wußten es nicht.“

Deutsche Soldaten marschieren auf einer Straße in Berlin in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Viele werden nicht zurückkehren. Foto: imago images / ITAR-TASS

Epilog

Der 3. Mai 1945 ist ein staubiger Sonnentag. So schreibt der Kriegsberichterstatter Konstantin Simonow. Es scheint ihm, „daß nicht einfach Divisionen und Korps in Berlin einziehen, sondern daß ganz Rußland die Stadt in allen Richtungen durchzieht. Und diesen Zügen entgegen, alle Wege verstopfend, schleppen sich nicht enden wollende Kolonnen Kriegsgefangener“.

Nachts fährt er durch die zerschmetterte Stadt, von einem Ende zum anderen. „Zwei Stunden nichts als Ruinen. Und kein Laut. Hier wurde mir erst richtig klar, wie verheerend Berlin zerstört ist!“

Der Krieg hat keine andere deutsche Stadt so total zerstört: ein Sechstel des Stadtgebiets, fast ein Drittel des Straßennetzes, jedes zehnte Gebäude, jeder dritte Wohnung.

Wie viele Menschen während des Krieges allein in Berlin umgekommen sind, lässt sich nicht verlässlich sagen. Im Übrigens könnte keine Zahl das Leid auch nur annähernd bemessen.

Stalin vermutet, dass Hitler lebt

Die Waffen sind noch warm, da beginnt eine fieberhaft anmutende Suche nach Hitler. „Ein Verwirrtheater mit zeitweilig burlesken Zügen, das nicht nur die Welt geraume Zeit zum Narren, sondern Hitler zugleich am Leben hielt“ nennt Hitler-Biograf Joachim Fest diese Suche. Annähernd fünfzehn menschliche Überreste hätten in der Nähe des Notausgangs vom „Führerbunker“ gelegen. Die Sieger machen einen Leichnam zu Hitler und präsentieren ihn am 4. Mai der Weltöffentlichkeit.

Ende Mai – nach Vorführung weiterer Kopien – nimmt Stalin zum Verbleib Hitlers Stellung: Er äußert in einem Gespräch mit einer amerikanischen Regierungsdelegation im Kreml am 26. Mai die Vermutung, Hitler sei nicht tot, sondern geflohen; er halte sich irgendwo versteckt – wie übrigens auch Goebbels, Bormann und vermutlich General Krebs.

Die Leichen von Joseph und Magda Goebbels wurden am Nachmittag des 2. Mai im Garten der Reichskanzlei entdeckt. Beide und auch Hans Krebs, der sich im „Führerbunker“ erschossen hatte, waren zweifelsfrei zu identifizieren. Martin Bormann galt, wie schon an anderer Stelle erwähnt, bis 1972 als verschollen.

Was vom „Führer“ übrig geblieben ist, das haben sowjetische Untersuchungsbeamte im Geröll um den Notausgang des Bunkers gefunden und „halbwegs zweifelsfrei identifiziert“ (Fest): einige Gebissteile. Aufbewahrt wurden Hitlers und dazu Eva Brauns Überrest – eine Kunststoffbrücke – laut eines Zeitzeugen zeitweise in einer Zigarrenkiste.

Der Krieg in Berlin ist zu Ende. Wer kann, kehrt in seine Wohnung zurück. Jedes zehnte Gebäude in der Stadt ist total zerstört. Foto: imago images / ITAR-TASS

Die Reichshauptstadt steht am 3. Mai 1945 vor einem Neuanfang, das Reich steht vor seinem Ende.

Am 7. Mai um 2.41 Uhr unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl im Auftrag von Großadmiral Karl Dönitz im westalliierten Hauptquartier in Reims die Urkunde zur bedingungslosen Gesamtkapitulation der deutschen Streitkräfte. Sie tritt am 8. Mai um 23.01 Uhr in Kraft.

Die Kapitulation ist ohne Beteiligung hochrangiger sowjetischer Offiziere erfolgt. Stalin lässt sie deshalb im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst wiederholen. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die entsprechende Urkunde am 9. Mai um 0.16 Uhr.

Damit endet der Zweite Weltkrieg in Europa.

Der Albtraum ist vorbei, und er ist es doch auch nicht. Die Überlebenden schwanken zwischen Erleichterung und Entsetzen, Hoffnung und Verzweiflung. Nur zwei Dinge interessieren sie: Wo sind meine nächsten Familienangehörigen? Und: Woher bekomme ich etwas zu essen?


Verwendete Sachliteratur. Eine Auswahl

  • Beevor, Anthony: Berlin 1945. Das Ende, Pantheon Verlag, München 2012.
  • Berlin 1945. Zeitzeugenberichte aus der letzten Schlacht des Dritten Reichs, hrsg. v. Bengt von zur Mühlen, Bucher Verlag, München 2014.
  • Bahm, Karl: Berlin 1945. Die letzte Schlacht des Dritten Reichs, Neuer Kaiser Verlag, Klagenfurt 2006.
  • Doernberg, Stefan: Moskau – Seelow – Berlin. Heimkehr eines Deutschen nach Deutschland 1945, Seelower Hefte 3, Paulus & Partner GmbH, Manschnow 2001.
  • Fest, Joachim: Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reichs. Eine historische Skizze, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019 (7. Auflage).
  • Gosztony, Peter: Der Kampf um Berlin 1945 in Augenzeugenberichten, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2012 (Erstausgabe Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 1970).
  • Le Tissier, Tony: Berlin. Damals und heute, Battle of Britain Prints International Limited, London 1994.