Das Geisterrad erinnert einen einen 57-jährigen Radfahrer, der am 24. Februar an der Kreuzung Unter den Linden/Wilhelmstraße tödlich verunglückte.
Das Geisterrad erinnert einen einen 57-jährigen Radfahrer, der am 24. Februar an der Kreuzung Unter den Linden/Wilhelmstraße tödlich verunglückte. Imago/Hohlfeld

Das Gefühl ist ein anderes: Aber Berlin ist das sicherste Bundesland im Straßenverkehr. Mit den wenigsten Verkehrstoten. Während deutschlandweit im ersten Halbjahr 2022 je eine Million Einwohner 15 Menschen im Straßenverkehr tödlich verunglücken, sind es in der Hauptstadt 2. „Nur“ möchte man da nicht schreiben. Denn zwei sind immer noch zwei zu viel. Erst gestern starb wieder ein Motorrollerfahrer in Lankwitz. KURIER vergleicht die Zahlen und erklärt die Orte, an denen es in Berlin zu den tödlichen Unfällen kam.

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Nach dem Corona-Tief bei den Verkehrsunfällen steigen die Zahlen wieder an. Im ersten Halbjahr 2022 starben in Deutschland 1238 Menschen bei Unfällen auf den Straßen, zwölf Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wie das Statistische Bundesamt  mitteilt. Zudem wurden deutlich mehr Menschen verletzt, die Zahl stieg um ein Fünftel auf knapp 163.800.

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2021 waren wegen Lockdowns, Home-Office und Home-Schooling so wenige Verkehrstote gezählt worden wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Inzwischen sind Verkehr und Mobilität wieder gestiegen, die Unfallzahlen sind aber noch geringer als vor der Pandemie: Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 wurden laut Bundesamt in den ersten sechs Monaten diesen Jahres 16 Prozent weniger Menschen getötet und 10 Prozent weniger Menschen verletzt.

Insgesamt nahm die Polizei den Angaben zufolge im ersten Halbjahr 2022 rund 1,15 Millionen Unfälle auf und damit neun Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei rund 131.500 Unfällen wurden Menschen getötet oder verletzt (plus 19 Prozent), bei knapp 1,02 Millionen Unfällen blieb es bei Sachschaden (plus acht Prozent).

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Im Bundesschnitt wurden im ersten Halbjahr des laufenden Jahres 15 Menschen je eine Million Einwohner bei Verkehrsunfällen getötet. Am höchsten war diese Zahl in Sachsen-Anhalt mit 35 Verkehrstoten je eine Million Einwohner, gefolgt von Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern mit je 22 Verkehrstoten je eine Million Einwohner. Deutlich unter dem Bundesdurchschnitt lag der Wert dagegen in den Stadtstaaten Berlin (2), Bremen (6) und Hamburg (7), wie das Bundesamt mitteilt. Im Saarland gab es zehn, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen je zwölf Verkehrstote je eine Million Einwohner.

In Berlin verunglückten im ersten Halbjahr sieben Verkehrsteilnehmer tödlich – drei Fahrradfahrer und je zwei Fußgänger und Motorradfahrer. Die Amokfahrt vom 8. Juni (eine tote Lehrerin) auf dem Tauentzien fällt nicht in diese Bilanz. KURIER erklärt die tödlichen Unfälle und die Pläne, wie an den Unfallstellen die Gefahren reduziert werden sollen.

Unfall 1: 5. Januar, Storkower Straße 128 – eine Fußgängerin (80) verunglückt tödlich

Was passiert ist: Um 17.20 Uhr überquerte eine 80-jährige Fußgängerin die Fahrbahn der Storkower Straße Richtung Osten und blieb in der Fahrbahnmitte stehen. Dann lief sie weiter und kollidierte mit einem auf linken Fahrstreifen Richtung Grellstraße herannahenden Pkw. Sie prallte erst auf die Motorhaube, danach auf die Fahrbahn und zog sich so die schweren Verletzungen zu. Die Frau wurde in ein Krankenhaus gebracht und verstarb dort kurze Zeit später.

Wie oft es hier kracht: In den 36 Monaten (1. Dezember 2018 bis 31. November 2021) wurden auf der Storkower Straße zwischen Syringenweg und Kniprodestraße 158 Verkehrsunfälle polizeilich registriert. Darunter waren 37 Unfälle mit Verletzten. Sechs Personen wurden schwer verletzt (ein Radfahrer, vier Fußgänger). 33 Personen wurden leicht verletzt (darunter 13 Radfahrer, 5 Fußgänger).

Was sich laut Verkehrssenatsverwaltung geändert hat bzw. ändern soll: Schaffung einer Querungshilfe (Mittelinsel und Gehwegvorziehung) an geeigneter Stelle zwischen Fußgänger-Ampel und Knoten Kniprodestraße. Ausbesserung der Gehwegschäden Storkower Straße (Ostseite).

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Unfall 2: 9. Februar, Saargemünder Straße 25a – eine Radfahrerin (81) verunglückt tödlich

Was passiert ist: Um 10.50 Uhr fuhr in Dahlem ein Lkw von einer Baustelle aus auf die Fahrbahn, um nach links in Richtung Ihnestraße abzubiegen und erfasste dabei auf dem Radfahr-Schutzstreifen eine von links kommende 81-jährige Radfahrerin. Diese wurde von dem Lkw überrollt und verstarb noch am Unfallort.

Wie oft es hier kracht: In 36 Monaten (1. Dezember 2018 bis 30. November 2021) wurden auf Saargemünder Straße zwischen Bitscher Straße und Argentinische Allee acht Verkehrsunfälle polizeilich registriert. Darunter waren drei Unfälle mit verletzten Personen (darunter je ein Fußgänger und Radfahrer).

Was sich geändert hat bzw. ändern soll: Roteinfärbung des Schutzstreifens im Überfahrtbereich, Klärung der Fahrbahnreinigung (Baustellenverkehr) insbesondere im Schutzstreifenbereich, mittelfristig: Überprüfung des Sichtdreiecks vor dem Fußgängerüberweg, Klärung der Binnenerschließung im Kasernenareal und der entsprechenden Ein-/Ausfahrtsituation.

Unfall 3: 24. Februar, Wilhelmstraße /Unter den Linden – ein Radfahrer (57) verunglückt tödlich

Erst die Poller der britischen Botschaft stoppten den außer Kontrolle geratenen BMW.
Erst die Poller der britischen Botschaft stoppten den außer Kontrolle geratenen BMW. dpa/Zinken

Was passiert ist: Um 9.53 Uhr verlor der 25-jährige Fahrer eines BMW in der Nähe der britischen Botschaft wegen eines epileptischen Anfalls die Kontrolle über sein Auto und kollidierte mit einem 57-jährigen Radfahrer auf einem Rennrad. Der Radfahrer wurde lebensgefährlich verletzt, musste reanimiert werden und verstarb wenige Stunden später in der Klinik. Auch der BMW-Fahrer wurde schwer verletzt, als er mit seinem Auto frontal gegen einen Anti-Terror-Poller der britischen Botschaft prallte.

Wie oft es hier kracht: In 36 Monaten (1. Januar 2019 bis 31. Dezember 2021) wurden an der Kreuzung Unter den Linden/Wilhelmstraße  114 Verkehrsunfälle polizeilich registriert. Darunter waren 21 Unfälle mit Verletzten. Zwei Personen wurden schwer verletzt (je ein Fußgänger und ein Radfahrer), 19 Personen wurden leicht verletzt (darunter 17 Radfahrer).

Was sich geändert hat bzw. ändern soll: Das Verkehrszeichen 50 km/h vor der Kreuzung aus Richtung Wilhelmstraße wird entfernt, um keine Beschleunigung zu forcieren.

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Unfall 4: 13. März, Britzer Damm/Hannemannstraße – eine Mopedfahrerin (34) verunglückt tödlich

Was passiert ist: Um 14.55 Uhr fuhr ein Pkw über den Britzer Damm in Richtung Blaschkoallee. Trotz Ampelrot an der Hannemannstraße fuhr der Fahrer in den Einmündungsbereich und kollidierte mit einem von rechts aus einer Grundstücksausfahrt kommenden Kleinkraftrad. Die 34-jährige Fahrerin stürzte, zog sich lebensbedrohliche Verletzungen zu und verstarb 10 Tage später im Krankenhaus.

Wie oft es hier kracht: In den letzten 36 Monaten (1. Februar 2019 bis 31. Januar 2022) wurden an der Kreuzung Britzer Damm/Hannemannstraße 22 Verkehrsunfälle polizeilich registriert. Dabei wurde ein Radfahrer leichtverletzt.

Was sich geändert hat bzw. ändern soll: Durch eine geplanten Busspur werden sich die Sichtverhältnisse deutlich verbessern. Die Haltelinien an der Ampel sollen auf Regelabstand verschoben werden und längere Auslegermaste für bessere Sicht der Signale sorgen. Es wird geprüft, den kleineren Teil der Hannemannstraße, der bisher ohne Ampelregelung ist, einzubeziehen und dabei ggf. die Signalphasen anzupassen.

Unfall 5: 18. März, Falckensteinstraße/Schlesisches Tor – ein Radfahrer (72) verunglückt tödlich

Was passiert ist: Um 9.26 Uhr wurde ein 72-jähriger Radfahrer bei einem Verkehrsunfall in Kreuzberg schwer verletzt. Der Mann war mit seinem Rad auf der Falckensteinstraße in Richtung Schlesische Straße unterwegs. An der Kreuzung missachtete er die Vorfahrt eines 41-Jährigen, der mit seinem Auto die Schlesische Straße in Richtung Schlesisches Tor befuhr. Der Radfahrer starb zehn Tage später im Krankenhaus.

Wie oft es hier kracht: In 36 Monaten (1. Februar 2019 bis 31. Januar 2022) wurden an der Kreuzung Schlesische Straße/Falckensteinstraße  37 Verkehrsunfälle polizeilich registriert. Dabei wurde 14 Personen leichtverletzt (darunter ein Fußgänger und sieben Radfahrer), zwei wurden schwerverletzt (je ein Fußgänger und ein Radfahrer).

Was sich geändert hat bzw. ändern soll: Es wird geprüft, Überholvorgänge (bei Rückstau) durch eine Mittelinsel zu verhindern und so auch die Querungsmöglichkeiten für Radfahrer zu verbessern.

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Unfall 6: 12. April, Landsberger Allee – ein Kind (11) verunglückt tödlich

Was passiert ist: Um 17 Uhr missachtet ein 59-jähriger Autofahrer in der Landsberger Allee zwischen Märkischer Allee und Bruno-Baum-Straße, Fahrtrichtung Stadtzentrum, Ampelrot. Im gleichen Moment überquert das Kind bei Grün die Straße und wird vom Pkw erfasst und schwer verletzt. Das elfjährige Kind kam ins Krankenhaus und verstarb dort am 16. April.

Wie oft es hier kracht: In 36 Monaten (1. März 2019 bis 28. Februar 2022) wurden auf der Strecke Landsberger Allee zwischen Landsberger Allee und Bruno-Baum-Straße drei Verkehrsunfälle ohne Verletzte polizeilich registriert.

Was sich geändert hat bzw. ändern soll: Der Unfallhergang liefert laut Senatsverwaltung nach derzeitigem Stand keine Anhaltspunkte dafür, dass das Risiko für ein ähnliches Ereignis durch eine Veränderung der örtlichen Infrastruktur reduziert werden könnte.

Unfall 7: 4. Mai, Hermannstraße/Boddinstraße – ein Motorradfahrer (39) verunglückt tödlich

Was passiert ist: Um 1.35 Uhr bog ein aus Richtung Hermannplatz kommende 58-jähriger Fahrer eines BMW-SUV nach links in die Boddinstraße ein – und übersah dabei ein Motorrad. Der 39-jährige Biker krachte in die rechte Seite des Autos. Er wurde vor Ort von einem Notarzt und Notfallsanitätern reanimiert und verstarb kurze Zeit später im Krankenhaus.

Wie oft es hier kracht: In 36 Monaten (1. März 2019 bis 28. Februar 2022) wurden an der Kreuzung Hermannstraße/ Boddinstraße 53 Verkehrsunfälle  polizeilich registriert. Darunter waren acht Unfälle mit acht Leichtverletzten (darunter drei Radfahrer und ein Fußgänger).

Was sich geändert hat bzw. ändern soll: Der Unfallhergang liefert nach derzeitigem Stand keine Anhaltspunkte dafür, dass das Risiko für ein ähnliches Ereignis durch eine Veränderung der örtlichen Infrastruktur reduziert werden könnte. Bei der derzeitigen Planung für eine neue Busspur wird darauf geachtet, dass Geschwindigkeitsübertretungen durch die neue Straßenraumaufteilung bestmöglich vermieden werden.

Im August starben bei Unfällen zwei weitere Menschen – eine Fußgängerin (73) und ein Radfahrer (56)

Hinter Sichtschutzwänden liegt an einem Fußgänger-Überweg die Leiche einer Fußgängerin. Die Frau starb am 23. August auf der Residenzstraße nahe dem Franz-Naumann-Platz, als sie von einem Pkw (li.) erfasst wurde.
Hinter Sichtschutzwänden liegt an einem Fußgänger-Überweg die Leiche einer Fußgängerin. Die Frau starb am 23. August auf der Residenzstraße nahe dem Franz-Naumann-Platz, als sie von einem Pkw (li.) erfasst wurde. dpa/Zinken

Alarmierend: Allein im August gab es schon wieder drei Verkehrsunfälle mit tödlichen Ausgang in Berlin. Ein 56-jähriger Radfahrer ist 17. August in Reinickendorf bei einem Unfall mit einem abbiegenden Lastwagen ums Leben gekommen. Wie die Polizei mitteilte, ereignete sich der Unfall um kurz nach 8 Uhr an der Gotthard-, Ecke Teichstraße. Ein Lkw-Fahrer wollte demnach nach rechts in die Gotthardstraße abbiegen und stieß dabei mit dem 56-jährigen Radfahrer zusammen, der auf dem Radweg geradeaus fahren wollte.

Am 23. August kam eine 73-jährige Fußgängerin ums Leben, die kurz nach 8 Uhr auf der Markstraße nahe dem Franz-Naumann-Platz von einem Auto angefahren wurde. Offenbar wollte sie die Straße überqueren und soll an der roten Fußgängerampel ins Straucheln geraten sein. Sie stürzte auf die Straße und wurde von dem Auto erfasst. Die Frau starb noch am Unfallort.

Und gestern starb ein 46-Jähriger auf einem Motorroller in Lankwitz. Der Roller wollte in der Malteserstraße einen langsam fahrenden Lkw überholen, gleichzeitig wechselte auch der Lkw die Spur. Der Zweiradfahrer stürzte und geriet unter den Lkw.

Zu diesen aktuellen Unfällen mit tödlichem Ausgang liegen noch keine Prüfergebnisse der Senatsverwaltung für Mobilität vor.