Im Haus der Materialisierung in Mitte befindet sich das Re-Use-Zentrum für klimaschonende Ressourcennutzung.  Sabine Gudath

Im Schatten des Fernsehturms hat in einem Anbau des Hauses der Statistik ein Zentrum für Nachhaltigkeit eröffnet. Von hier aus soll sich die Botschaft in die DNA der ganzen Stadt einschreiben: Der beste Müll ist der, der gar nicht erst anfällt. Hier soll er beginnen, der Einstieg in eine Sharing-Ökonomie, hier soll sich ein neuer Umgang mit Ressourcen materialisieren.

Haus der Materialisierung – ein Ort mit Ambitionen

Auf dem Hof des ehemaligen Datenspeichers des Hauses der Statistik stehen Hochbeete, es gibt jede Menge lauschige Sitzecken, eine schwarze Katze spielt Chef auf dem Gelände, das an das unfertige Berlin der 90er erinnert, an die Stadt, in der alles möglich war, wenn man nur wollte. Die Männer in Anzügen und mit weißen Hemden fallen vor abgeplatzter Farbe und Graffiti umso mehr auf. Einer von ihnen ist Stefan Tidow, Staatssekretär für Umwelt und Klimaschutz, der andere Ephraim Gothe, der stellvertretende Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat in Mitte.

In dem Plattenbau an der Berolinastraße eröffneten sie am Donnerstagvormittag das „Re-Use-Zentrum für Klimaschonende Ressourcennutzung“. Klingt sperrig, ist aber ziemlich zentral für die Entwicklung der Stadt.

Ana Lichtwer (55) von der Stadtmission an einem Webstuhl, an dem Stoffreste verarbeitet werden. Nebenan werden aus Krankenhauskitteln Taschen. Sabine Gudath

Teilen und damit weniger neu kaufen, weiterverwenden, aufwerten, reparieren – dies sind die Strategien, mit denen die Berliner in eine gesündere Zukunft starten sollen. Das ambitionierte Ziel der Stadt in Sachen Müll, das im Abfallwirtschaftskonzept formuliert ist, lautet Zero Waste – null Abfall also. In den nächsten zehn Jahren soll die Menge Abfall in der Stadt deutlich reduziert und in Kreislaufwirtschaften überführt werden. Re-Use, Wiederverwenden also, ist ein zentraler Bestandteil dieses Vorhabens.

Das Haus selber wird recycled – nicht abgerissen

Der Ort passt hervorragend, wird das Haus der Statistik doch selber in den kommenden Jahren recycelt.  Wohnungen sollen entstehen, ein Hochhaus ganz aus Holz in der unmittelbaren Nachbarschaft soll das neue Rathaus von Mitte beherbergen. Dessen Wärmeversorgung könnte durch die Nutzung von Abwasser funktionieren. Visionen von einer ressourcenschonenden Stadt gibt es viele. Im neuen Zentrum werden sie schon jetzt konkret.

Es gibt offene Werkstätten zum Reparieren, Workshops, Showrooms, eine Verleihplattform für Haushaltsgegenstände, die man nur selten braucht und daher gut teilen kann, Material für Künstler beim Verein Kunst-Stoffe. Platten, Folien, Stoffe, Holz– alles ist schon da und muss nicht neu gekauft werden. Ist das schon Müll, oder kann das noch Kunst, so lautet das Motto.

Michael (26) von Kunststoffe e.V bietet Planen, Folien und anderes. Sabine Gudath

Wo man auch hinschaut, der kurzen Lebensdauer vielerlei Waren wird hier der Kampf angesagt. Die Stadtmission etwa betreibt die Weiterverarbeitung von gebrauchter Kleidung, alte Textilien werden auf dem großen Webstuhl zu Teppichen verwebt, aus Krankenhauskitteln werden Taschen.

Ute Lindenbeck (52) vom Kostümkollektiv e.V. verleiht diverses, auch Wölfe.  Sabine Gudath 

Ein Gebrauchtmöbelmarkt hat ebenso an den Alexanderplatz gefunden wie das Kostüm-Kollektiv. Die freie Theaterszene kann hier Kostüme leihen oder in den Werkstätten arbeiten. Eine Nähwerkstatt, Fahrradreparatur, ein Holzfundus und ein Showroom für Upcycling-Möbel und Gegenstände machen das Angebot rund.

Berlin will mehr Kreislaufwirtschaft und Zero Waste

Um sich aber in der Alltagspraxis der Berliner zu verankern, braucht es mehr solcher Zentren in den Kiezen: In der Vision Zero Waste der Senatsverwaltung lautet das erklärte Ziel, in jedem Bezirk ein Gebrauchtwarenkaufhaus einzurichten. Auch ein Secondhand-Baumarkt soll in naher Zukunft erprobt werden, sagt der Staatsekretär. Dort können Baumittel, wie sie etwa beim Messebau verwendet werden, neue Verwendung finden.

Beim Rundgang fragt Tidow dann ganz praktisch: „Kann jeder herkommen, der etwa eine Platte sägen will, der einen Bohrer braucht und ihn nicht neu kaufen mag?“ Die klare Antwort der Leiterin Corinna Vosse lautet Ja.

Platz zum Gestalten. Im Haus der Statistik wird ressourcenfreundliches Wirtschaften und Leben geübt. Sabine Gudath

Den Dingen neues Leben schenken und teilen, das ist die Devise. „Wir müssen raus aus der Nische, dahin, wo die Menschen sind“, sagt Stefan Tidow. Das neue Kreativ-Zentrum für Ressourcenschutz ist ein Anfang. Am Ende steht eine neue Objektkultur, in der jeder Verantwortung für den ökologischen Fußabdruck für Materialien übernimmt.

Haus der Materialisierung im Haus der Statistik, Karl-Marx-Allee 1, 10178 Berlin. Zugang über Berolinastraße. Dienstag bis Donnerstag 15 bis 19 Uhr, samstags 15 bis 20 Uhr.