Die Lage auf den Corona-Intensivstationen ist angespannt. Foto: ZB/Waltraud Grubitzsch

Die drastisch ansteigende Zahl der Corona-Neuinfektionen bringt die Kliniken in Deutschland an ihre Grenzen. In Sachsen und Brandenburg warnen Ärzte und Experten bereits vor Engpässen auf den Covid-19- Intensivstationen. Auch in den Berliner Krankenhäusern ist die Lage angespannt. Als Reserve für den Ernstfall steht in der Hauptstadt das Corona-Behandlungszentrum auf dem Messegelände bereit.

Unter Leitung des einstigen Berliner Feuerwehrchefs Albrecht Broemme (67) wurde die Spezialklinik im Frühjahr erbaut, die mit 500 Betten vor allem für die Versorgung leichterer Covid-19-Fälle gedacht ist, falls die Krankenhäuser überlastet sein sollten. „Ich habe im Vorfeld immer gesagt, dass ich hoffe, dass das Behandlungszentrum nie gebraucht wird“, sagte Broemme am Donnerstag dem KURIER. „Aber die Hoffnungen schmelzen immer mehr dahin.“

Derzeit liegen 4856 Corona-Patienten auf Intensivstationen in Deutschland, teilte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) am Donnerstag mit. 57 Prozent von ihnen werden beatmet. Zum Monatsanfang lag die Zahl der Covid-19-Fälle in den Kliniken noch bei 3921.

Auch Berlin befindet sich in Bezug auf die Corona-Fallzahlen auf einem hohen Niveau. Am Mittwoch wurden 1283 Neuinfektionen gemeldet. Zwei Corona-Ampeln der Hauptstadt stehen laut Lagebericht unverändert auf Rot: Die 7-Tage-Inzidenz und die Belegung von Intensivbetten mit Covid-19-Patienten. Auch dort steigen die Zahlen weiter – auf 29,2 Prozent.

Das Corona-Behandlungszentrum steht mit derzeit 500 Betten als Notfallreserve bereit. Foto: Volkmar Otto

„Die rote Corona-Ampel für den Bereich der Covid-Patienten auf Intensivstation bedeutet für die Krankenhäuser, dass sie ihre Anstrengungen intensivieren, mehr Kapazitäten für Covid-19-Patienen zu schaffen“, sagt Barbara Ogrinz, Sprecherin der Berliner Krankenhausgesellschaft, dem KURIER. Dies bedeute, dass Krankenhausstationen, welche im Moment nicht akut benötigt werden, geschlossen werden müssen. Dadurch frei werdendes Personal könne dann auf Intensivstationen eingesetzt werden. Zudem werden bereits planbare Operationen verschoben, soweit dies medizinisch vertretbar sei. „Die Grenze des Machbaren rückt immer näher. Aber noch ist die Situation beherrschbar“, so Ogrinz.

Nach wie vor gebe es einen hohen Personalmangel im Intensivpflegebereich. „Das Virus macht eben auch vor dem medizinischen Personal nicht halt. Immer mehr Ärzte und Pflegekräfte befinden sich in Quarantäne oder sind anderweitig erkrankt.“ Der Mangel an ausgebildeten Fachkräften, vor allem auch in der anspruchsvollen Intensivpflege, den es auch schon vor Beginn der Pandemie gab, konnte in den vergangenen Monaten nicht aufgefangen werden. „Hier arbeiten einige Berliner Häuser am Limit“, so Ogrinz. Aktuell erarbeitet die Berliner Krankenhausgesellschaft zusammen mit dem Senat einen Plan, wie und wann das medizinische Personal in der Hauptstadt geimpft werden kann. „Die Krankenhäuser bereiten sich bereits intensiv auf Impfungen des Personals vor. Die Zeitplanung zur Umsetzung ist abhängig von der Zulassung des Impfstoffs und der Beschaffung auf Bundesebene.“

Aktuell werden 1455 Corona-Patienten in Berlin stationär behandelt. Davon liegen 369 Personen auf der Intensivstation, 280 Menschen müssen beatmet werden. „Wir rechnen immer damit, dass sich die Fallzahlen mit einem Nachlauf von etwa 14 Tagen im Krankenhausgeschehen abbilden“, sagt Barbara Ogrinz. In den kommenden Tagen werde also mit weiteren Covid-19-Patienten zu rechnen sein. Und auch die Zahl der belegten Intensivbetten werde weiter steigen. Auf absehbare Zeit könne also keine Rede von Entspannung sein.

Berlins einstiger Feuerwehrchef Albrecht Broemme leitete den Aufbau des Corona-Krankenhauses: „Ich habe immer gesagt, dass ich hoffe, dass es nie gebraucht wird. Aber die Hoffnungen schmelzen immer mehr dahin.“ Foto:  dpa

So weit, dass Ärzte entscheiden müssten, welchen Patienten sie zuerst helfen, wie es ein Mediziner kürzlich aus einem Krankenhaus in Sachsen berichtet hat, ist es in Berlin noch nicht. Die Äußerung des Arztes hatte einigen Wirbel verursacht. Am Klinikum Oberlausitzer Bergland solle schon mehrfach triagiert worden sein, weil nicht genügend Beatmungsbetten zur Verfügung stünden. Triage bedeutet, dass Ärzte bei knappen Ressourcen gezwungen sind, Patienten zu priorisieren. Intensiv- und Notfallmediziner hätten bereits im April klinisch-ethische Entscheidungsempfehlungen aktualisiert. Die Krankenhäuser seien vorbereitet, Behandlungsdringlichkeit fundiert einzuschätzen. In Berlin sei der Triage-Prozess zurzeit in recht weiter Ferne, so Ogrinz.