Ein sowjetischer Soldat hisst auf dem Reichstagsgebäude die Rote Fahne. Dieses Foto stammt aus einer Serie von 36 nachgestellten Aufnahmen, die der Kriegsberichterstatter Jewgenij A. Chaldej am Morgen des 2. Mai 1945 schoss. Foto:  imago images/Jewgenij Chaldej 

Der „Führer“ ist tot, verbrannt und verscharrt. Mit Eva Braun, seiner jahrelangen Geliebten, die er kurz vor seinem Ableben ehelichte, hat Adolf Hitler sich durch Selbstmord davongemacht. Die Überreste des Paars liegen im Garten der Reichskanzlei.

Der 1. Mai ist in Berlin angebrochen. Dass sich Hitler tags zuvor im „Führerbunker“ umgebracht hat, wissen nur Eingeweihte. Auch Sowjetführer Josef W. Stalin weiß es – die deutsche Seite hat ihn über Funk in Kenntnis gesetzt.

Stalin wollte, dass die Reichshauptstadt zum 1. Mai, dem Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, in seiner Hand ist. Das ist sie nicht.

Sowjetische Soldaten haben weite Teile der Stadt erobert, sowjetische Kommandanten haben in einigen Ortsteilen und Bezirken Bürgermeister ernannt, Generaloberst Nikolaj E. Bersarin hat das Amt des Stadtkommandanten übernommen. Aber das Zentrum bleibt schwer umkämpft.

Die letzten Tage des Kampfes um Berlin 1945. Die Filmcollage zeigt auch, wie Hitler am 20. März oder April Angehörige der Hitlerjugend auszeichnet und – nachgestellt – wie Sowjetsoldaten am 2. Mai die Rote Fahne auf dem Reichstag hissen.

Quelle: YouTube / Projekt: Erinnerung Berlin 45

Der 1. Mai ist nicht ganz vier Stunden alt, da betritt Hans Krebs, Generalstabschef des Heeres, eine Erdgeschosswohnung im Schulenburgring 2 in Tempelhof. Es ist das Hauptquartier von Generaloberst Wassilij I. Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee. Krebs ist von den führenden Hinterbliebenen im „Führerbunker“ bevollmächtigt, Verhandlungen über einen Waffenstillstand zu führen.

Nach einigen Vorreden schlägt Krebs „Friedensverhandlungen zwischen den zwei Staaten“ vor, „die die größten Kriegsverluste zu verzeichnen“ hätten. Tschujkow erkennt den Versuch, die Anti-Hitler-Koalition der Sowjetunion und der Westalliierten doch noch zu spalten.

Im Lauf des Gesprächs benachrichtigt Tschujkow Marschall Georgij K. Schukow, Oberbefehlshaber der 1. Weißrussischen Front, der sein Quartier in Bruchmühle bei Strausberg hat. Schukow lässt Stalin in dessen Datscha in Kunzewo bei Moskau (gehört heute zu Moskau) aus dem Schlaf holen. Und bekommt die Anweisung: „Wir bestehen auf der bedingungslosen Kapitulation.“

Im Haus Schulenburgring 2 in Tempelhof verhandeln am 1. Mai 1945 General Hans Krebs (rechts), Generalstabschef des Heeres, und Generaloberst Wassilij I. Tschujkow, Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, über einen Waffenstillstand. Einigen können sie sich nicht. So gehen die Kämpfe weiter. Foto: Jewgenij Chaldej / dpa picture alliance / ZB

Ruth Andreas-Friedrich sehnt die Kapitulation herbei. Jahrelang hat die 43-jährige Schriftstellerin und Journalistin mit der Gruppe „Onkel Emil“, die sie mit ihrem Lebensgefährten 1938 gründete, Widerstand gegen das NS-Regime geleistet: hat Parolen an Häuserfassaden geschrieben, Flugblätter gedruckt, Verfolgte versteckt, ihnen Essen besorgt und für sie Ausweispapiere fälschen lassen.

In Steglitz, Hünensteig 6, hat sie das Regime und den Krieg so gut wie überstanden. „Der Granatbeschuss hat aufgehört. Auch die Flieger sind stiller geworden“, schreibt sie am 1. Mai in ihr Tagebuch. „Menschen kommen uns entgegen. Zu zweien oder in Grüppchen. Sie tragen weiße Binden um den Arm, die Frauen rote Kopftücher.“

Auf den zweiten Blick erkennt sie: „Kreisrund leuchtet aus jedem Kopftuch das unverblichene Mittelteil, verräterischer Untergrund für ein gewesenes Hakenkreuz. Was mag in den Gehirnen vorgehen, die unter diesen Tüchern stecken? Gestern braun. Heute rot.“

Ich habe einmal Berlin gegen die Roten erobert, ich werde es bis zum letzten Atemzug gegen die Roten verteidigen.

Joseph Goebbels

Die Verhandlungen zwischen General Krebs und Generaloberst Tschujkow ziehen sich über neun Stunden. Kurz nach 13 Uhr macht sich Krebs auf den Weg zurück in den „Führerbunker“. Er hat ein Papier bei sich, in dem die sowjetische Seite folgendes fordert:

1. Berlin kapituliert.

2. Alle Kapitulierenden haben die Waffen niederzulegen.

3. Allen Soldaten und Offizieren wird das Leben garantiert.

4. Den Verwundeten wird Hilfe geleistet.

5. Es wird die Möglichkeit für Verhandlungen mit den Alliierten über Funk geschaffen.

Gegen 15.30 Uhr erstattet Krebs Bericht. Die Forderung nach Kapitulation empört Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister: „Ich habe einmal Berlin gegen die Roten erobert, ich werde es bis zum letzten Atemzug gegen die Roten verteidigen.“

Ein von Goebbels bevollmächtigter SS-Mann begibt sich zur Kampflinie und übergibt einen Brief: Es gibt keine Kapitulation.

Ab 18.30 Uhr feuern die sowjetischen Stellungen aus allen Rohren.

Joseph Goebbels mit seiner Ehefrau Magda und ihren gemeinsamen Kindern an seinem 45. Geburtstag im Jahr 1942: Helmuth, Holde, Heide und Hedda (unten, von links), Hilde und Helga sowie Harald Quandt (oben), Magdas Sohn aus ihrer ersten Ehe. Foto: SZ Photo

Magda Goebbels hat zu diesem Zeitpunkt ihre sechs Kinder – fünf Mädchen (4, 6, 8, 11 und 12 Jahre alt), ein Junge (9) – im „Führerbunker“ zur Nacht gebettet, einer Nacht, aus der sie nicht mehr erwachen.

Angesichts des unvermeidlichen Untergangs hatte das Ehepaar Goebbels beschlossen, sich das Leben zu nehmen – und vorher ihren Kindern. Die bekamen erst einen Kakao mit einem Beruhigungs- oder Schlafmittel, dann Spritzen mit Morphium, letztlich Gift. Im Beisein von Stabsarzt Ludwig Stumpfegger träufelte Magda Goebbels ihren Kindern Blausäure in die aufgehaltenen Münder.

Die zwölfjährige Helga muss sich heftig gewehrt haben, das Gift zu schlucken – ihre Leiche hatte im Gesicht Blutergüsse.

„Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht wert, darin zu leben, und deshalb habe ich die Kinder hierher mitgenommen“, rechtfertigt sich Magda Goebbels in einem Brief an ihren Sohn aus erster Ehe, Harald Quandt. „Sie sind zu schade für das nach uns kommende Leben (…).“

Mit den Worten „Es ist vollbracht!“ erscheint Magda Goebbels kurz nach den Kindstötungen im Hauptbunker, wo ihr Mann sie erwartet. Beide gehen in sein Arbeitszimmer. Dort, so heißt es, legt sie weinend eine Patience.

Die Uhr geht auf 20.30 Uhr zu, da begeben sich Joseph und Magda Goebbels zum Bunkeraufgang. Im Abgehen, am Fuß der Treppe, sagt er noch, wie sich ein Ohrenzeuge erinnert: „Les jeux sont faits“ – das Spiel ist aus.

Kampf „bis zum letzten Atemzuge“

Ein paar Meter entfernt von der Stelle, wo verscharrt ist, was von Hitler und Eva Braun übrig geblieben ist, vergiftet sich das Ehepaar Goebbels. Ob sie sich beide anschließend erschossen, ob sich nur einer von beiden erschoss, ob sie sich erschießen ließen, ist unklar.

Anschließend werden die Toten mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Das Feuer erlischt nach wenigen Minuten. Niemanden kümmert es. Jeder ist ab jetzt mit sich selbst beschäftigt.

Der 1. Mai neigt sich seinem Ende zu, da unterbricht der „Großdeutsche Rundfunk“ sein Programm. Es ist 22.26 Uhr. Ein Rundfunksprecher des Reichssenders Hamburg verkündet: „Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag (sic!) in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge kämpfend, für Deutschland gefallen ist.“

Nicht am Nachmittag des 1. Mai, sondern des 30. April – und nicht kämpfend.

Der „Führer“ habe, heißt es in der Rundfunkmeldung weiter, Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt. Dönitz hat sein Quartier in Plön (Schleswig-Holstein).

Der dem Führer von Euch geleistete Eid gilt nunmehr für jeden Einzelnen von Euch ohne weiteres mir, als dem vom Führer eingesetzten Nachfolger.

Großadmiral Karl Dönitz

Der Sondermeldung folgt eine Ansprache von Karl Dönitz an die Bevölkerung:

„Unser Führer, Adolf Hitler, ist gefallen. In tiefster Trauer und Ehrfurcht verneigt sich das deutsche Volk. (…) Meine erste Aufgabe ist es, deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten. Nur für dieses Ziel geht der militärische Kampf weiter. (…) Tue jeder an seiner Stelle seine Pflicht.“

Daraufhin verliest Dönitz seinen Tagesbefehl an die Wehrmacht: Der „Führer“ habe den „Heldentod“ gefunden, „einer der größten Helden deutscher Geschichte“ sei dahingegangen. „Ich übernehme den Oberbefehl über alle Teile der Deutschen Wehrmacht mit dem Willen, den Kampf gegen die Bolschewisten fortzusetzen, bis die kämpfende Truppe und bis die Hunderttausenden von Familien des deutschen Ostraumes vor der Versklavung und der Vernichtung gerettet sind. (…) Der dem Führer von Euch geleistete Eid gilt nunmehr für jeden Einzelnen von Euch ohne weiteres mir, als dem vom Führer eingesetzten Nachfolger. Deutsche Soldaten, tut Eure Pflicht! Es gilt das Leben unseres Volkes.“

Entscheidung im Bendlerblock

Helmuth Weidling, Kampfkommandant von Berlin, tut seine Pflicht. Der General, der seinen Gefechtsstand im Bendlerblock an der Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße) hat, berät sich kurz nach Dönitz’ Ansprachen mit seinen Offizieren. Die Lage stellt sich wie folgt dar: In sowjetischer Hand sind der Bahnhof Zoologischer Garten, die Ost-West-Achse bis zum Brandenburger Tor, die Weidendammbrücke (Weidendammer Brücke), der Spittelmarkt, die Leipziger Straße, der Potsdamer Platz, die Potsdamer Brücke und die Bendlerbrücke.

Angesichts dessen sind die Herren einer Meinung: Es gibt nur einen Ausweg – Kapitulation.

Fünfmal hintereinander lässt Weidling einen offenen Funkspruch auf Russisch über die gegnerischen Linien senden: „Hier LVI. deutsches Panzerkorps! Hier LVI. deutsches Panzerkorps! Wir bitten, das Feuer einzustellen. Um 0.50 Berliner Zeit entsenden wir Parlamentäre auf die Potsdamer Brücke, Erkennungszeichen weiße Flagge vor rotem Licht. Wir bitten um Antwort! Wir warten!“

Generaloberst Tschujkow lässt wenig später sein Einverständnis funken, Parlamentäre zu empfangen.

Die Gefangennahme von General Helmuth Weidling am 2. Mai soll dieses Foto zeigen. Die von der sowjetischen Propaganda verbreitete Aufnahme zeigt tatsächlich den letzten Kampfkommandanten von Berlin, aber beim Verlassen des Bunkers der Reichskanzlei am Ausgang Voßstraße am 6. Mai. Foto: dpa picture alliance / akg images

Im Bendlerblock bereitet sich Weidling auf die Kapitulationsverhandlungen vor, im „Führerbunker“ macht sich die Besatzung zur Flucht auf. Wilhelm Mohnke, Befehlshaber über die Verteidigungskräfte des Regierungsviertels, hat zehn Gruppen mit jeweils etwa fünfzehn Personen gebildet, die jetzt, gegen 23 Uhr, zwei Stunden später als geplant, im Abstand von zehn Minuten den Bunker verlassen.

Nicht alle schließen sich an. Generalstabschef Hans Krebs und Hitlers Chefadjutant Wilhelm Burgdorf zum Beispiel, sie erschießen sich.

Von denen, die die Flucht wagen, überleben viele nicht. Hitlers Privatsekretär Martin Bormann, Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, und Stabsarzt Ludwig Stumpfegger zählen dazu; sie begehen an der Invalidenstraße in der Nähe des Lehrter Bahnhofs (heute Hauptbahnhof) Selbstmord – ihre Überreste werden 1972 bei Bauarbeiten entdeckt.

Es ist zehn Minuten vor 1 Uhr am Morgen des 2. Mai, da stellt das Haus des Rundfunks an der Masurenallee, das aus einem Funkbunker sendet, seinen Betrieb ein. Der 18-jährige Rundfunksprecher Richard Beier macht die Absage: „Damit beendet der Großdeutsche Rundfunk seine Sendefolgen. Wir grüßen alle Deutschen und gedenken noch einmal des heroischen deutschen Soldatentums, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Der Führer ist tot, es lebe das Reich!“

Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich alle Soldaten auf, sofort den Kampf einzustellen.

General Helmuth Weidling

Drei Stunden später betritt General Weidling, der Kampfkommandant von Berlin, das Hauptquartier von Generaloberst Tschujkow am Schulenburgring.

Andere Parlamentäre sind kurz zuvor eingetroffen, sie haben Tschujkow ein Schreiben aus dem Reichspropagandaministerium überreicht, verfasst von Ministerialrat Hans Fritzsche, der vermutet, jetzt der rangälteste Regierungsbeamte in der Stadt zu sein. Er bittet, „Berlin unter Ihren Schutz zu stellen“.

Jetzt wendet sich Tschujkow an Weidling. Wo General Krebs sei. Weidling weiß es nicht. Ob die Bitte, das Feuer einzustellen, allen Einheiten bekannt sei. Weidling, sagt, er habe nicht zu allen Einheiten Kontakt und die SS unterstehe nicht seinem Kommando.

Das folgende Gespräch gestaltet sich zäh. Weidling sträubt sich, einen Kapitulationsbefehl zu unterzeichnen; er erklärt sich schließlich gegen 5.50 Uhr bereit, einen Aufruf an die deutschen Soldaten zu verfassen und ihn über Lautsprecher in der Stadt verbreiten zu lassen.

Darin heißt es: Der „Führer“ habe am 30. April Selbstmord begangen „und damit alle, die ihm Treue geschworen hatten, im Stich gelassen“. Die Gesamtlage mache „den weiteren Widerstand sinnlos“. Er ordne „die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an“. Jede Stunde verlängere „die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten“. Er fordere alle deutschen Soldaten im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen auf, „sofort den Kampf einzustellen“.

Verletzte deutsche Soldaten werden an einer Straße in Berlin versorgt. Die Überlebenden blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Foto: imago images / United Archives

Der Krieg wehrt sich gegen sein Ende. Nicht alle deutschen Soldaten erhalten den Aufruf zur Kapitulation; andere wollen einen Befehl haben oder wollen ihre Waffen nicht strecken, sei es aus der Überzeugung, der „Führer“ ist nicht tot, oder aus Pflicht- und Ehrgefühl oder aus Angst vor sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Und die SS, die nicht unter Weidlings Kommando steht, macht sowieso, was sie will.

Fliegende deutsche Standgerichte erhängen zwischen 4 und 9 Uhr an Laternenpfählen in der Wilhelmstraße sieben Hitlerjungen; SS-Männer sprengen um 7.55 Uhr die Tunneldecke der S-Bahn unter dem Landwehrkanal – es werden später 93 Leichen geborgen.

Niemand vermag zu sagen, wie viele Menschen in Berlin noch am 2. Mai ihr Leben verlieren, durch fremde, durch eigene Hand.

Die elfjährige Evamaria verliert ihre Mutter.

Tod in der Kleingartenkolonie

Mit ihrer Mutter und ihrer fünfjährigen Schwester bewohnt Evamaria in den letzten Kriegswochen eine Hütte in der Pankower Kleingartenkolonie Idehorst am Kapellenweg. Die Stadtwohnung der Familie ist ausgebombt. Hier fühlt sie sich sicher. Ein weißes Tuch als Zeichen der Kapitulation hängt an der Tür.

Der Krieg bricht am Vormittag des 2. Mai über die Familie herein. Mit Pistolenschüssen und Maschinengewehrsalven kündigt er sich an. Sie gelten deutschen Soldaten; die kommen aus dem Humboldthain, Standort von einem der drei Berliner Flaktürme.

Plötzlich pfeift etwas in der Luft, zersplittert Holz, rinnt Blut über das Gesicht von Evamarias Mutter. In Panik, fast taub durch die Detonation der Granate, läuft das Mädchen in den Garten, verfolgt von ihrer verzweifelt rufenden, sie aufhalten wollenden Mutter und ihrer schreienden Schwester.

Es gelingt der Mutter, ihr Kind zu greifen und sich zusammen mit dem anderen in eine Mulde zu pressen. Da spürt Evamaria einen heftigen Schlag – und als sie wieder bei Sinnen ist, sieht sie ihre Mutter auf dem Rücken liegen und in den Himmel starren, mit blutendem Kopf und blutendem Oberkörper.

Tage später wird Evamarias Mutter in einem Massengrab beigesetzt.

Deutsche Soldaten marschieren in die Gefangenschaft. Im Hintergrund steht die Ruine des Lehrter Bahnhofs (heute Hauptbahnhof). Foto: dpa picture alliance / ZB

Seit dem Morgen des 2. Mai weht auf dem Reichstag die Rote Fahne, das Banner der Sowjetunion, ganz offiziell, in Szene gesetzt vom Kriegsberichterstatter Jewgenij A. Chaldej.

Mehrere Rotarmisten hatten die Ehre, eine rote Fahne auf dem Dach des Gebäudes zu platzieren. Chaldej gab Mitte der 90er-Jahre zu, das sein Foto nicht, wie ein halbes Jahrhundert lang propagiert, die Soldaten Kantaria, Jegorow und Samsonow zeigt, sondern Kowaljow, Ismailow und Goritschew. Stalin selbst hatte sich für die Gruppe mit Kantaria entschieden, wie er Georgier.

Schon am Abend des 30. April hatte der Unteroffizier Michail P. Minin eine rote Fahne auf dem Reichstag gehisst. Erst 1995 wurde er dafür geehrt.

Marta Mierendorff atmet auf. „Sechs Jahre Krieg sind beendet. Heute ziehen Reste des deutschen Heeres in langen Kolonnen durch Lichtenberg, Gefangene der Russen“, schreibt die Verkäuferin und Stenotypistin, die 1911 in Berlin geboren wurde und den Krieg in der Gernotstraße 37 überlebte, am 2. Mai in ihr Tagebuch. „Es ist nicht erlaubt, sich den Soldaten zu nähern, ihnen etwas zuzustecken, falls man etwas zum Zustecken hätte.“

Noch säßen die Bewohner Lichtenbergs „wie unter einer Glocke“. Es gebe kein Verkehrsmittel, keine Zeitung, kein Radio, keinen Strom, kein Gas, vor allem kein Wasser. Viel wichtiger aber sei: „Kriegsende!“

Zumindest war ich an diesem 2. Mai 1945 wirklich heimgekehrt. Um so mehr war dieser Tag für mich das Kriegsende.

Leutnant Stefan Doernberg

Stefan Doernberg findet am Nachmittag des 2. Mai, „eine ungewöhnliche Ruhe“ sei in Berlin eingezogen, das mit seinen rauchenden Trümmern einen „jämmerlichen Anblick“ biete, „richtige Friedensstimmung“ wolle noch nicht aufkommen, „weder bei den Soldaten und noch weniger bei der Bevölkerung“. Doernberg ist 20 Jahre alt, Leutnant der 8. Gardearmee unter dem Oberbefehl von Generaloberst Tschujkow; seine Eltern flohen mit ihm 1935 vor den Nazis in die Sowjetunion.

Aus heiterem Himmel dieses warmen Nachmittags verspürt Doernberg das Verlangen, nach Steglitz zu fahren, in die Straße und zu dem Haus, wo er aufgewachsen ist: Holsteinische Straße 18. Weiße Laken und Tücher hängen aus den Fenstern und von den Balkonen. Anfangs ängstlich und argwöhnisch, schließlich aber freundlich wird er von den Mietern begrüßt. Am Ende seines Besuchs bekommt er eine Tasse Kaffee, „eine echte dünne Lorke, aber der erste Berliner Kaffee, denn in der Roten Armee gab es damals nur Tee“.

Der 2. Mai war für Doernberg rückblickend das eigentliche Kriegsende. „Schon die Verhandlungen an den Vortagen, dann die Unterzeichnung der Kapitulation in den Morgenstunden durch General Weidling, die folgende Einstellung der Kampfhandlungen, die Fahrt durch Berlin bedeuteten mir mehr als das offizielle Kriegsende einer Woche später.“

Während Doernberg in Steglitz seine „dünne Lorke“ genießt, besetzen sowjetische Soldaten offiziell die Reichskanzlei und den „Führerbunker“.

Und schon beginnt die Suche nach Hitler.

Weiße Laken als Zeichen der Kapitulation hängen aus den Häusern einer Straße in Berlin. Foto: dpa picture alliance / akg images

„Mit Einnahme der Reichskanzlei begann zugleich ein Verwirrtheater mit zeitweilig burlesken Zügen, das nicht nur die Welt geraume Zeit zum Narren, sondern Hitler zugleich am Leben hielt“, schreibt Hitler-Biograf Joachim Fest. Annähernd fünfzehn menschliche Überreste hätten in der Nähe des Ausgangs vom „Führerbunker“ gelegen. Und so machten die Sieger einen Leichnam zu Hitler und präsentierten ihn am 4. Mai der Weltöffentlichkeit.

Der Widerruf erfolgte rasch: Man habe sich von einem „Double“ täuschen lassen, man sei einer „Fälschung“ aufgesessen.

Ende Mai – nach Vorführung weiterer Kopien – nahm Stalin zum Verbleib Hitlers Stellung: Er sagte in einem Gespräch mit einer amerikanischen Regierungsdelegation im Kreml am 26. Mai, Hitler sei nicht tot, sondern geflohen; er halte sich irgendwo versteckt – wie übrigens auch Goebbels, Bormann und vermutlich General Krebs.

Was vom „Führer“ übrig blieb, das haben sowjetische Untersuchungsbeamte im Geröll um den Bunkerausgang gefunden und „halbwegs zweifelsfrei identifiziert“ (Fest): einige Gebissteile. Aufbewahrt wurden Hitlers und dazu Eva Brauns Überrest – eine Kunststoffbrücke – laut eines Zeitzeugen zeitweise in einer Zigarrenkiste.