Die einsame Beerdigung von Wolfgang Roth*. Wenn es keine Angehörigen gibt und niemanden, der sich um die Beerdigung kümmert, organisiert die Verwaltung eine Bestattung. Foto: Volkmar Otto

Zur Beerdigung von Wolfgang Roth* ist niemand gekommen. Keine Angehörigen, keine Freunde, keine Arbeitskollegen. Niemand. Roth ist nicht alt geworden, gerade mal 60. Was genau mit ihm passiert ist, bleibt unklar. Seine Urne steht in der leeren Kapelle auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig in Gesundbrunnen. Nur Bestatter Bernd Simon (55) ist anwesend. Er hat Kerzen angezündet und Musik von Mozart aufgelegt. Simon nennt sich lieber Urnenbegleiter. Es klingt besser, sagt er. Dann wartet er zwanzig Minuten, geht noch mal raus aus der Kapelle in die Sonne und schaut auf die Uhr. Vielleicht kommt ja noch ein Angehöriger? Doch niemand kommt. 

Völlig unbemerkt trägt Bernd Simon die Urne nach draußen zum Grab, senkt sie vorsichtig ab. Wartet und spricht: „Ruhe in Frieden.“ Beim Grab von Wolfgang Roth handelt es sich eigentlich um eine etwa 20 Quadratmeter große Gemeinschaftsfläche, auf der schon über 80 Urnen liegen. Noch weitere kommen an diesem Tag hinzu. Auf dem Feld nebenan zählt man 180 Namen. Was von den Toten auf diesen Flächen übrig bleibt, ist ein Namensschild aus Plastik und vielleicht ein paar Blumen. Immerhin. 

Was passiert hier? Der Berliner Wolfgang Roth wurde ordnungsbehördlich bestattet. Im Volksmund heißt das „Armutsbegräbnis“. Wenn nach dem Tod kein Angehöriger ausfindig gemacht werden kann, niemand zu finden ist, der sich um die Beerdigung kümmert und es auch sonst keinen letzten Willen gibt, wird ein Mensch eben so bestattet. Der Bezirk, in dem der Verstorbene zuletzt gewohnt hat, zahlt die Beisetzung. Das war‘s.

Bernd Simon bringt die Urne zum Gemeinschaftsfeld. Über 80 Verstorbene liegen schon hier. Foto: Volkmar Otto

In einer Großstadt sind solche Begräbnisse leider keine Seltenheit. 2019  gab es in Berlin laut Senat 2416 ordnungsbehördliche Bestattungen.  Die Tendenz ist leicht steigend. Die meisten finden seit ein paar Jahren auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig statt. Wer zählt, kommt auf etwa zehn solcher Gemeinschaftsfelder. Auf dem größten liegen 700 Menschen. Es ist ein Meer aus kleinen grünen Namensschildern. Manchmal sticht ein Foto oder ein Holzkreuz hervor. 

Urnenbegleiter Bernd Simon beerdigt allein an diesem Tag zehn Menschen ordnungsbehördlich. Für eine Besetzung hat er genau 45 Minuten Zeit. Er hat sich deshalb die zehn Namen auf einen Zettel geschrieben. Nach Wolfgang Roth ist Renate Klempke* an der Reihe. „Jahrgang 55. Das ist überhaupt kein Alter“, sagt Bernd Simon sichtlich  bewegt. Wieder kommt kein Angehöriger. Wieder trägt Simon ihre Urne ganz allein.

50 solcher Beisetzungen macht er in dieser Woche, schätzt Bernd Simon.  „Das ist schon echt traurig.  Nicht weil die Menschen sterben, sondern weil hier niemand vorbeikommt. Vielleicht zwei, drei Menschen in der Woche, mehr nicht“, sagt er. Der Begleiter erinnert sich an junge Männer, die er allein begraben hat. Der Jüngste war Jahrgang 1995.  

Urnenbegleiter Bernd Simon (55) führt wie sooft die Beerdigung völlig allein durch. Foto: Volkmar Otto

Manchmal rede er mit den Verstorbenen und fragt sie: „Was ist mit dir passiert? Warum bist du so früh gestorben? Musstest du leiden? Wieso hast du keinen mehr?“ Simon nimmt seinen Job sehr ernst. Und es freut ihn, wenn wie heute wenigstens Journalisten mal begleiten.    

Wer sind diese 2416 Berliner? Simon bekommt offiziell nur Vornamen, Nachnamen und Geburtsdatum mitgeteilt. Er erfährt aber manchmal mehr. Er begräbt Obdachlose, Menschen mit Drogenproblemen und Krankheiten, die zum Ende nur noch sich selbst hatten. Es sind aber auch durchschnittliche Menschen darunter, die sehr alt wurden. Manchmal waren sie einfach einsam, sie hatten viel Pech im Leben.

Pech mit den Berliner Behörden gehört leider  dazu. Der Urnenbegleiter erinnert sich an einen Mann, gerade mal 40, der bei einem Unfall starb. Die Ämter hätten es nicht hinbekommen, die Angehörigen zu verständigen, klagt er. „Vier Tage nach der Beerdigung reist die Mutter in Berlin an und ist vollkommen fertig“, erinnert sich Bernd Simon. 

Das größte Gemeinschaftsfeld mit 700 Verstorbenen. Ein Meer aus Namensschildern, Foto: Volkmar Otto

Der Abgeordnete Sebastian Schlüsselburg (Linke) beschäftigt sich schon länger mit dem Thema. Er will deswegen die Bezirksämter stärker in die Pflicht nehmen. „Wir sollten ein Mindestmaß an Würde bei den Bestattungen durch Blumenschmuck und Musik sowie einer säkularen Grabrede gewährleisten, in jedem Bezirk“, sagt er dem KURIER. „Wir sollten prüfen, ob im Bundesrat eine Initiative zur Wiedereinführung des Sterbegeldes gestartet werden kann.“ Sterbegeld bedeutet, dass die Krankenkasse die Kosten für die Beerdigung übernimmt.

Bernd Simon erlebt, wenn auch selten, schöne Momente. Einmal tauchten bei einer ordnungsbehördlichen Bestattung die Kinder des Verstorbenen auf. Die beiden Brüder sahen sich nach dreißig Jahren das erste Mal wieder und weinten vor Glück. Beide wohnten in Berlin. In der großen Stadt hatten sie sich schnell aus den Augen verloren.

*Namen geändert