Renate Schultz steht an der Kleingartenkolonie „Britzer Wiesen“, aus der ihr Vater vor sieben Jahren plötzlich verschwand. Foto: Gerd Engelsmann

Renate Schultz hält ein Foto in den Händen. Es zeigt ihre Eltern Alfred und Helga mit zwei Papageien. Mutter und Vater blicken fröhlich in die Kamera. Entstanden ist die Aufnahme 2012 im Loro-Park auf Teneriffa. Zwei Jahre später verschwand der Vater Alfred mit 72 Jahren spurlos aus einer Kleingartenanlage in Britz. Seitdem hat die Familie nie wieder etwas von ihm gehört.

Das Landeskriminalamt ermittelt seit sieben Jahren an diesem mysteriösen Fall, aber bislang gibt es nicht eine Spur zu dem Vermissten. Weil die Tochter das plötzliche Verschwinden ihres Vaters bis heute nicht los lässt, hat sie sich an den KURIER gewandt. In der Hoffnung, dass sie dadurch Hinweise erhält.

Am 14. Juli 2014 verschwand Alfred Schultz

Seit sieben Jahren ist kein einziger Tag vergangen, an dem Renate Schultz nicht an ihren Vater gedacht hat, sagt die 51-jährige Buchhalterin aus Dahlem. „Ich brauche endlich Gewissheit, was mit ihm geschehen ist, damit ich zur Ruhe kommen kann.“ Am 14. Juli 2014 wollte Alfred Schultz in der Kleingartenkolonie „Britzer Wiesen“ Einkäufe aus dem Auto holen und kam nie wieder zurück.

Die Eltern hätten gemeinsam am Gartentor gestanden, als Alfred Schultz, der eine blaue Jeans und ein kariertes Hemd trug, sich mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Parkplatz machen wollte. Den Weg fuhr er mehrmals in der Woche, um Waren aus seinem Pkw zu holen, da sie mit dem Auto nicht ganz an die Gartenlaube ranfahren konnte. „Doch diesmal hat er auf meine Mutter einen verwirrten Eindruck gemacht und sie gefragt, wo er denn hinfahren soll“, sagt sie.

Da beim Vater damals vom Hausarzt eine beginnende Demenz diagnostiziert worden sei, habe sie sich nicht weiter gewundert. Um ihm weiterhin ein möglichst eigenständiges Leben zu gewähren, habe sie ihm diesen kleinen Weg von nur wenigen Metern zugetraut und sich nicht weiter gesorgt.

Als er nach zwei Stunden immer noch nicht wieder zurück war, hat sie die Tochter benachrichtig. „Papa ist weg, hat sie gesagt und war ganz außer sich“, erinnert sich Renate Schultz. Anfangs habe sie noch versucht, die Mutter zu beruhigen, weil sie geglaubt habe, dass ihr Vater vielleicht noch eine Runde mit dem Fahrrad gedreht habe. Erst als er am Nachmittag dann immer noch nicht wieder aufgetaucht sei, hätten sie die Polizei informiert. Auch der Beamte auf der Wache habe sie beschwichtigt. „Der ist bestimmt in ein paar Tagen wieder da. Das wird schon“, soll er gesagt haben.

Gerd Engelsmann 
Ein Foto aus glücklichen Tagen: Damals verbrachten Alfred und Helga ihren Urlaub auf Teneriffa. Hier besuchen sie den Loro-Park.

Doch aus Tagen wurden Wochen, schließlich Monate und von Alfred Schultz gab es kein Lebenszeichen. „Meine Mutter war gar nicht mehr ansprechbar und ich musste mich um alles kümmern“, sagt die Tochter. Sie habe Vermissten-Plakate in der Kolonie geklebt und sei gemeinsam mit ihrem damals 12-jährigen Sohn sämtliche Orte Berlins abgefahren, an denen sich der Großvater so gern aufgehalten hatte.

Der Wald, in dem er so gern Pilze suchte und der Bäcker, bei dem er immer samstags seine Brötchen kaufte.  In ihrer Verzweiflung hatte sich Renate Schultz auch an die Fernsehsendung Aktenzeichen XY ungelöst gewandt. Doch die seien nicht an ihrem Fall interessiert gewesen, da es bislang nur ein Vermisstenfall und kein Kriminalfall sei.

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Renate Schultz zeigt ein Fotos ihres Vater, das sie noch auf ihrem Smartphone gespeichert hat.

Anfangs habe es noch Hinweise aus der Bevölkerung gegeben. Einer will sein Fahrrad gefunden haben, ein anderer Alfred Schultz auf einem leerstehenden Grundstück in der Kleingartenanlage gesehen haben. Geholfen haben diese nichts. Nur der Hinweis von einer Nachbarin lässt sie bis heute nicht mehr los: „Ein Jahr nach dem Verschwinden meines Vaters kam sie plötzlich zu uns und erzählte uns, dass sie meinen Vater ein halbes Jahr danach in einem Zeitungsladen im Supermarkt gesehen hat. Als sie ihn angesprochen hat, habe er ganz verwirrt geschaut. Doch sie habe nicht weiter mit ihm sprechen können, weil eine andere Frau kam und ihn weggezogen habe.“

Ihre Eltern waren zum Zeitpunkt des Verschwindens 46 Jahre verheiratet

Hat der Vater von Renate Schultz ein neues Leben begonnen? „Vielleicht hat ihn eine alleinstehende einsame Frau bei sich aufgenommen und seinen verwirrten Zustand ausgenutzt“, sagt sie. Ihre Eltern seien zum Zeitpunkt des Verschwindens 46 Jahre verheiratet gewesen. „Sie haben eine sehr harmonische Beziehung geführt und auch im Alter noch immer Händchen gehalten“, sagt die Tochter. „Sie hatten doch nur sich.“ Umso unvorstellbarer sei der Gedanke für sie, dass ihr Vater jetzt mit einer anderen Frau leben könnte. Aber noch unvorstellbarer wäre es, dass er tot sein könnte. „Das glaub ich nicht“, sagt Renate Schultz.

Aus ihrer Sicht hat die Polizei zu wenig getan, um ihren Vater zu finden. Ein Polizist soll ihr gesagt haben, dass er sich vorstellen könne, dass ihr Vater im Teltowkanal, der sich nur unweit von der Kolonie entfernt befindet, ertrunken sei. „Dann begreife ich nicht, warum man dort nicht mit Tauchern nach ihm gesucht hat.“

Laut Polizei Berlin sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. „Die Ermittlungen der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes dauern selbstverständlich an. Bislang ist jedoch kein Aufenthaltsort des Vermissten bekannt geworden“, teilt ein Sprecher der Polizei Berlin dem KURIER mit. Laut Bundeskriminalamt sind derzeit deutschlandweit 8044  Menschen als vermisst gemeldet. In der Hauptstadt sind nach Angaben der Polizei Berlin 400 Vermissten-Fälle registriert, darunter aber auch Altfälle, die bis ins Jahr 1990 zurückreichen.

Profiler zieht mehrere Möglichkeiten in Erwägung

Der deutsche Kriminalist und Profiler Axel Petermann zieht mehrere Möglichkeiten in Erwägung, wenn ein erwachsener Mensch plötzlich verschwindet. Zum Beispiel: „Der Start in ein neues Leben, ohne sein Umfeld darüber zu informieren“, sagt er. Allerdings dürfte es wahrscheinlicher sein, dass Alfred Schultz aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen in eine hilflose Lage kam und verstarb, einen Suizid beging oder Opfer eines Verbrechens wurde. 

Auf jeden Fall, so der Kriminalist weiter, sind bei jedem Vermisstenfall von der Polizei umfangreiche Suchmaßnahmen zu erwarten. Allerdings räumt Petermann auf Nachfrage ein, dass die Suche bei einem vermissten Kind umfangreicher ist als bei einem älteren Menschen. „Da würde ich ein Verbrechen als Grund des Verschwindens nie ausschließen.“

Die Mutter lebt heute im Pflegeheim

Ihre Mutter lebt heute in einem Pflegeheim. „Sie hat das Verschwinden meines Vaters nicht verkraftet und ist schwer depressiv und dement geworden. Ich konnte sie nicht mehr allein Zuhause lassen“, sagt die Tochter leise. Ständig habe sie nach ihrem Ehemann gerufen und wild um sich geschlagen vor Trauer und Wut. Ihr Vater sei ein so liebevoller Mensch gewesen und sei immer für seine Frau und Tochter dagewesen. Sein Enkel sei sein „Ein und Alles“ gewesen.

Renate Schultz hat die Suche nach ihrem Vater zur Lebensaufgabe gemacht. Sie kann nicht aufhören nach ihrem Vater zu suchen. Sie sagt: „Ich habe ihn so lieb.“