Wirt Norbert Raeder in seinem Lokal „Kastanienwäldchen“, das schon einmal eine Schule war. Foto: Gudath

Kneipen als Klassenzimmer nutzen - die ungewöhnliche Idee kommt von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).  Denn Schulen hätten derzeit Probleme, in vollen Klassenzimmern für den nötigen Abstand zwischen den Schülern zu sorgen. „Es ist ein Unding wegen Corona die Kneipen zu schließen und nun als Schule wieder zu öffnen“, sagt dagegen der Berliner Wirt Norbert Raeder (53) dem KURIER. Dabei hatte der einstige Politiker der Grauen Panther in seiner Reinickendorfer Gaststätte „Kastanienwäldchen“ schon einmal Schüler unterrichten lassen.

„Das war 2005 eine Protestaktion“, sagt er. „Der Anlass war der ständige Unterrichtsausfall in einer benachbarten Schulen, weil dort Lehrer fehlten. Um mit Eltern darauf aufmerksam zu machen, unterrichtete bei mir eine Nachhilfe-Lehrerin für Mathe und Erdkunde einen Tag lang 25 Kinder.“ 

Die Umwandlung der Kneipe in eine Schule ging damals recht gut, so der Wirt. „Es wurde eine Leinwand als Tafel angebracht, Unterrichtsmaterialien herbeigeschafft. Aus den Regalen an der Theke verschwand der Alkohol, die Zigarettenautomaten wurden abgehängt.“ Das, was nun Altmaier in einem Gespräch mit der BamS riet, „ungenutzte Räume von Gaststätten und Hotels“ könnte man in der Corona-Krise als alternative Klassenräume nutzen, sei nun völlig etwas anderes.

Wegen Corona ist Raeders Lokal seit Monaten zu. Er nutzt es als Kleiderkammer für Obdachlose. Vor der Tür verkauft er Eis und Crepés. „Natürlich würde ich jetzt bei mir Kinder wieder unterrichten lassen.“ Sicher könnten dies auch andere Wirte machen. Vor allem, weil keiner weiß, wie lange Gastrobetriebe geschlossen bleiben werden. Da wäre Unterricht in Lokalen eine neue, gute Einnahmequelle, so Rader.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hält Unterricht in Lokalen für möglich. Foto: dpa

„Aber bevor man über das Finanzielle redet, sollte jedem klar sein, dass Altmaiers Idee unsinig ist. Die Schüler haben mehrere Fächer an einem Tag, werden doch nicht fünf Stunden oder mehr nur in Mathe oder Deutsch unterrichtet. Man müsste also das Lokal ständig in neue Fachräume, etwa für Chemie oder Physik, umbauen. Das geht gar nicht.“ 

Eine bessere Alternative wäre es , so der Wirt, die Kinder etwa in leerstehende BVV-Säle in den Rathäusern zu unterrichten. „Diese kann man vielleicht eher als Mini-Schule nutzen.“

Aber auch das sei nur eine Notlösung, sagt Raeder. „Der Grund, dass Schulen kaum genügend Räume haben, in denen man unter Corona-Bedingungen lehren kann, liegt an den baulichen Zuständen“, sagt er. „Ich weiß von Schulen, wo Fenster sich während des notwendigen Lüftens nicht richtig öffnen oder schließen lassen, oder die Heizungen versagen. Alles Mängel, die man schon im ersten Lockdown bis zum Sommer hätte beseitigen können, als die Schüler im Homeoffice waren. Dass dies offenbar nicht geschah, ist ein Versagen der Politik, der Vorschlag, Kinder in Restaurants und Kneipen unterrichten zu lassen ein Armutszeugnis des Ministers. Eigentlich müsste er für diese Idee zurücktreten.“