Leben in 2,8 Kubikmetern: Unsere Autorin kriecht aus dem Hochbett.
Foto: Volkmar Otto

Der Wecker klingelt das dritte Mal. Also robbe ich zu meinem Pullover und stütze mich beim Hineinschlüpfen mühsam mit dem freien Arm ab. Aufsetzen kann man sich in dem Hochbett nicht, das Martin Müller (Name von der Redaktion geändert) für rund 600 Euro monatlich bei Airbnb anbietet. Nach klaustrophobischen Zuständen, weil ich versucht habe, mit dem Kopf in Richtung Nische zu liegen, konnte ich zum Vorhang gewandt dann doch ganz gut schlafen.

Für ein Wochenende würde ich das Hochbett im Flur empfehlen, Müller nimmt allerdings nur noch „mittellange“ Anfragen ab zwei Wochen an. Das wäre mir schon zu viel. Wenn jemand mehrere Monate kommen will, warne er die Interessentinnen und Interessenten vor, meint er. Viele buchen trotzdem.

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Bezahlt habe ich nicht, die Nacht war reine Recherche. 584 Euro für 30 Nächte würde mich dieser Schlafplatz momentan kosten, trotz 26 Prozent Monatsrabatt. Das für 1,2 x 2,9 x 0,8 Meter zu verlangen, findet der Erbauer des kleinen Reichs nicht verwerflich, trotz des angespannten Wohnungsmarktes. Dem Unternehmensberater ist bewusst, dass seine Mitmenschen das anders sehen könnten, deshalb möchte er anonym bleiben.

Wir treffen uns bei Kaffee und Kuchen in Müllers Zimmer. Er wirkt angespannt. Das Interview betrachtet er als Freundschaftsdienst und hätte es eigentlich lieber vermieden. Unabhängig von der Veröffentlichung seines Namens stört ihn der Gedanke, dass Leserinnen und Leser sein Geschäftsmodell verurteilen könnten. Wir diskutieren über Grundbedürfnisse, Marktmechanismen und den Mietendeckel. Beim Beispiel eines Wasserverkäufers, der Wasser bei Hitze zu Wucherpreisen verkauft, lenkt er ein. Das habe aber nichts mit seinem Hochbett zu tun.

Vermieter fordert: Mehr Hochbetten für Berlin statt Hotels

„Ich plädiere für mehr Hochbetten in Berlin, damit weniger Hotels gebaut werden“, sagt der 35-Jährige. Denn die nehmen den begrenzten Platz für Wohnungen ein, meint Müller. Sein Hochbett sei dagegen eine Möglichkeit, ohnehin vorhandenen Raum zu nutzen. „Eine Garderobe würde weder mir Geld einbringen noch Wohnungssuchenden helfen. So schaffe ich einen Mehrwert“, argumentiert Müller weiter.

Allerdings vermietet er außer dem Hochbett auch sein Zweitzimmer zeitweise über Airbnb für etwa 800 und bei WG-Gesucht für 450 Euro. Die Kosten für die gesamte Wohnung mit Nebenkosten liegen bei rund 700 Euro. Er orientiere sich eben am Marktwert auf der jeweiligen Plattform, außerdem zahle er für die Einnahmen bei Airbnb Gebühren und Steuern.

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Doch wie kommt man auf die Idee, mit einem Hochbett im Flur Geld zu verdienen? „Als ich das zweite Mal in der Wohnung war, habe ich diese Lücke gesehen“, erzählt Müller. Sofort machte er sich Gedanken, wie er die Nische zwischen Küche und Treppenhaus am besten nutzen könnte. Die 1,20 Meter Breite brachten ihn auf die Idee ein Bett zu bauen, das ursprünglich für Besuch oder Couchsurfing gedacht war, sagt er. Solche Übernachtungen kamen selten vor, also entschied er sich für eine Anzeige bei Airbnb.

Das funktioniere bis heute gut, trotz des stolzen Preises und trotz Pandemie. „Das Hochbett ist zu etwa 80 Prozent ausgelastet“, sagt er. Das liegt vermutlich auch an den überdurchschnittlich guten Bewertungen, die sich insbesondere auf Müller als Gastgeber beziehen. Er verbringe einfach gerne Zeit mit den Besucherinnen und Besuchern. „Solche Menschen würde ich sonst nicht kennenlernen, höchstens beim Trampen. Das macht es so interessant.“ Tür an Tür zu leben, könne vor allem bei Damenbesuch die Privatsphäre einschränken. Daran würden sich dann aber eher die Besucherinnen stören, als er selbst, meint Müller.

Das Hochbett wird über Airbnb angeboten

Ein Teil der Mietenden sucht eigentlich etwas Langfristigeres, andere sind hier über einen begrenzten Zeitraum beruflich eingespannt oder reisen. Maximilian Wieser zog für ein Praktikum nach Berlin und fand nichts zur Zwischenmiete. Mit höheren Preisen habe er auf Airbnb gerechnet und gleich für vier Monate gebucht. „Ich hab erst nachträglich gecheckt, dass das Hochbett im Vorzimmer ist. Martin hat mir dann noch geschrieben, aber die Zeit war knapp“, sagt er.

Also blieb der Österreicher einen Monat im Hochbett und konnte dann in das zweite Zimmer wechseln. Das „WG-Leben“ hat er in guter Erinnerung. „Der Martin ist ja ein ziemlich offener Typ. Meistens war auch noch eine zweite Person da, oft aus dem Ausland. Das war cool, interessant und witzig.“

Valeria Delé hat fast einen Monat lang im Hochbett gewohnt, nachdem sie von Minsk nach Berlin gezogen war. Dauerhaft fand sie nichts, ein Freund von ihr hat die Kosten als Geschenk für sie übernommen. Auch Delé macht Müller keinen Vorwurf. „Ich war verzweifelt und froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. Außerdem bin ich sehr dankbar, dass ich Martin kennengelernt habe“, sagt sie. Die beiden unternehmen seitdem häufig etwas zusammen, von gemeinsamen Kochabenden, über Rodeln bis hin zum Blumen pflanzen.

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„Mein Vertrag zur Zwischenmiete ist ausgelaufen und der Preis war fair. Es ist Berlin“, sagt Hugo Cordeiro aus Brasilien, der einen Monat im Hochbett und eineinhalb weitere im Zweitzimmer verbracht hat. „Ich habe nur einen Platz zum Schlafen erwartet, aber Martin ist ein guter Freund geworden. Ich hatte eine tolle Zeit.“ Er sendet Grüße aus Portugal und will Müller auf jeden Fall besuchen, sobald die Infektionszahlen sinken. Ob er dann wieder das Hochbett buchen wird? „Klar, das ist mein Schlafplatz in Berlin“, sagt Cordeiro.

Nicht alle Mieter des Hochbetts sind zufrieden: Notsituation wird ausgenutzt

Leon Leiner (Name von der Redaktion geändert) war weniger begeistert. „Eingezogen bin ich aus purer Verzweiflung“, sagt er. Die Wohnung empfand Leiner als dreckig und bemängelt, dass der zweite Mitbewohner nicht angegeben war. „Martin hat völlig recht, er hat ein Angebot gemacht und ich hab es angenommen, wissentlich, was es war. Aber der Preis ist nicht fair. Er hat meine Notsituation gnadenlos ausgenutzt.“

Der letzte Satz lässt sich kaum bestreiten. Aber mit der Mietpreisentwicklung habe er nichts zu tun, meint Müller. Er schaffe Wohnraum, wo sonst keiner wäre. „Ich könnte auch allein in meiner Zweizimmerwohnung sitzen und niemandem einen letzten Ausweg bieten“ – wie die meisten Berliner.