Die 100-jährige Ruth Heller  wird im Pflegeheim Agaplesion Bethanien Sophienhaus von Impfarzt Fatmir Dalladaku gegen das Coronavirus geimpft.  Foto: dpa / Kay Nietfeld

Kaum ist der langersehnte Impfstoff gegen das Coronavirus da, bricht schon eine öffentliche Debatte los. Darüber, ob Menschen, die bereits geimpft wurden, Sonderrechte erhalten sollen, die sie von den geltenden strengen Lockdown-Maßnahmen befreien. An der Umsetzung solcher Regeln wird im Ausland bereits gearbeitet. Auch in Berlin wird über mögliche Privilegien für Geimpfte diskutiert. In der Hauptstadt wie in allen anderen Teilen Deutschlands, würden die Freiheiten, zunächst vor allem für Senioren und Pflegekräfte gelten. Denn sie erhalten als Erste das Serum.

Laut der Impfstrategie sind es über 210.000 Berliner, die seit Sonntag freiwillig die Spritze gegen Corona erhalten können. Zunächst die Bewohner in den Alten- und Pflegeheimen, wo die Impfbereitschaft dem Vernehmen nach sehr hoch sein soll. Danach folgen Anfang des Jahres die Berliner, die über 80 Jahre alt sind. Schon im Januar könnten sie die Einladungen zum Impfen in den sechs Zentren zugeschickt bekommen. Etwa über eine Million Menschen über 60 Jahre leben in der Hauptstadt, sie gehören aufgrund ihres Alters zu den drei Prioritätsstufen im Impfplan des Bundesgesundheitsministeriums.

Was die Berliner Senioren offenbar nicht wollen, sind Privilegien wegen eines kleinen Piks. Wie etwa in Großbritannien, wo ein sogenannter Freedom-Pass im Gespräch ist, der Geimpften mehr Freiheiten in der Öffentlichkeit erlaubt, wie Restaurant-, Theater- oder Kinobesuche.

Gideon Rosengarten (81) aus Wilmersdorf freut sich, dass das Impfen beginnt. Foto: Sabine Gudath

Von so etwas wie bevorzugter Behandlung will Gideon Rosengarten aus Wilmersdorf gar nichts wissen. „Ich freue mich, dass es jetzt mit dem Impfen so weit ist, ich habe schon sehnsüchtig darauf gewartet“, sagt der 81-Jährige. Sonderrechte für die Geimpften empfände er als unfair. „Weil es nicht so schnell genug Geimpfte gibt und es mit der Herdenimmunität noch dauert. Also werde ich weiter die Maske tragen.“

Auch Steve Illet aus Spandau sieht das so: Er ist gerade auf dem Weg zum Arzt, um herauszufinden, wann er geimpft werden kann. Mit 73 Jahren gehört er zur zweiten Prioritätsgruppe. „Auch nach dem Piks trage ich natürlich eine Maske, weil man ja nicht weiß, ob man nicht andere doch noch ansteckt. Selbst wenn man kein Corona mehr kriegen kann“, sagt er.

Steve Illet (73) aus Charlottenburg möchte sich bei seinem Arzt erkundigen, wann er mit der Impfung an der Reihe ist Foto: Sabine Gudath

Joachim Loewenhofer fände es beschämend, sollte die Politik wegen der Impfung Berliner Senioren Sonderrechte gewähren. Der 77-Jährige ist Mitglied der Seniorenvertretung in Marzahn-Hellersdorf. „Seit Jahren kämpfen die Senioren, dass für sie in der Gesellschaft mehr getan wird, etwa um drohende Altersarmut zu verhindern. Hier brauchen wir staatliche Förderung und keine wegen einer Impfung“, sagt Loewenhofer. „Welche Privilegien sollten das auch sein? Ins Theater oder ins Restaurant gehen, falls es sich Senioren überhaupt leisten können, funktioniert wegen des Lockdowns nicht. Unsere einzige Freiheit wäre nur, keine Masken mehr in Supermärkten und in den Bussen und Bahnen tragen zu müssen.“

BVG: Auch Geimpfte müssen Masken tragen

Eine Befreiung von der Maskentragepflicht werde es für Geimpfte nicht geben, erklärte ein Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf KURIER-Anfrage. „Das ist rechtlich nicht möglich“, sagt er. Die einzige Ausnahme bleiben weiterhin die Fahrgäste, die aufgrund eines Attestes keine Masken zu tragen brauchen.

Auch für andere Altersgruppen, die jetzt schon geimpft werden, gibt es keine Privilegien oder Entbindungen von den Corona-Maßnahmen – etwa für Pfleger und Ärzte der Charité. Das Klinikum begann am Dienstag mit dem Impfen von Mitarbeitern. „Unabhängig von den ersten Impfungen des medizinischen Personals der Charité gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 gelten alle Schutzmaßnahmen, wie beispielsweise das Tragen einer FFP2-Maske und von Schutzkleidung, unverändert weiter“, sagte ein Sprecher.

Wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lehnt auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) eine Bevorteilung von Geimpften ab. Er hoffe sehr, dass sehr viele die Impfung in Anspruch nehmen. Erst dann könne bewertet werden, „wie man damit umgeht“.

Besucher in Seniorenheimen brauchen weiter Test

In den Berliner Seniorenheimen des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg ergibt sich aus der Tatsache, dass immer mehr Bewohner und Pfleger nun geimpft werden, keine konkrete Erleichterung: „Leider wird sich auch nach der zweiten – und damit erst wirksamen – Impfdosis das Alltagsleben der geimpften Menschen zunächst einmal nicht verändern“, sagt Barbara Eschen, die Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg. Maskenpflicht, strenge Hygienevorschriften und eingeschränkte Besuchsregelungen werden weiterhin den Alltag in den Pflegeeinrichtungen kennzeichnen.

Wer seine Angehörigen besuchen will, muss weiterhin einen Schnelltest machen. „Erst wenn eine sehr große Anzahl an Menschen immun gegen den Virus ist und uns eindeutige Forschungsergebnisse zur Immunisierung vorliegen, werden die Maßnahmen in den Einrichtungen gelockert werden können“, so Eschen weiter. Denn aktuell wisse man noch gar nicht, ob nicht auch Geimpfte das Virus trotz Impfung weitergeben können.

Appell an die Angehörigen, geduldig zu sein

Trotzdem sei der Impfstart eine echte Hoffnung: „Wer geimpft ist, kann selbst mit dem Schutz vor Infektion oder zumindest einem milden Krankheitsverlauf rechnen. Ich appelliere insbesondere an die Angehörigen, jetzt noch eine Weile geduldig zu sein, auch wenn es schwerfällt: Wir brauchen einen langen Atem, um Covid-19 zu besiegen“, so Eschen.

Herbert Mauel, Geschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e. V. betont gleichermaßen, dass Pflegekräfte auch nach der Impfung die Hygieneregeln einhalten müssen. „Vor allem werden sie weiterhin gut schützende Masken (FFP2) tragen müssen. Insofern bringt die Impfung außer dem Schutz vor schwerem Verlauf bei einer Infektion noch keine berufliche Alltagserleichterung.“ Man gehe davon aus, dass die Impfbereitschaft erheblich stiege, würde von geimpften Personen keine Infektionsgefahr mehr ausgehen. Aussagen der Wissenschaft über diesen Punkt werden in den kommenden Monaten erwartet.