Der Berliner Benedikt Schwan kann keine Kinder zeugen und hat ein Buch darüber geschrieben: „Ohnekind. Männlich, Kinderwunsch, steril. Was es heißt, zeugungsunfähig zu sein.“ Foto: Benjamin Pritzkuleit

Benedikt Schwan (44) hat einen Makel, von dem er erst vor viereinhalb Jahren erfahren hat und über den niemand gern spricht. Er kann keine Kinder zeugen. Für den freien Journalisten aus Mitte war die Diagnose ein Schock, weil sie all seine Zukunftspläne und auch die seiner Frau auf einen Schlag zerstörte. Über seinen unerfüllten Kinderwunsch hat er ein Buch („Ohnekind“) geschrieben, das am 24. August erscheint (Heyne-Verlag, 20 Euro).

Es war der 19. Dezember 2016, als Benedikt Schwan in einer Kinderwunschklinik erfuhr, dass er vermutlich niemals Vater werden kann. Abends sein Kind in den Schlaf wiegen, sein erstes Wackelzähnchen vorsichtig ziehen, ihm Fahrradfahren und schwimmen beibringen, all das wird er wohl niemals erleben können. Benedikt Schwan leidet unter Azoospermie. Einfach erklärt bedeutet das, dass keine Samenzellen in seinem Ejakulat sind, die das Ei in der Gebärmutter der Frau befruchten können.

„Ich habe die richtige Partnerin an meiner Seite und wir hatten die richtigen Pläne für unsere Zukunft.“ Bis zur Diagnose. „Die hat mich emotional an meine Grenzen gebracht“, sagt Benedikt Schwan. Wir sitzen in einem Café auf der Dachterrasse bei 33 Grad. Er bestellt sich ein Mineralwasser und einen Milchkaffee und wir reden sehr offen über ein Problem, das in unserer Gesellschaft gern tabuisiert wird. Männliche Zeugungsunfähigkeit.

„Ohnekind“ von Benedikt Schwan

Foto: Heyne-Verlag

„Wir leben in einer männlichen Unfruchtbarkeitsepidemie. Jedes sechste Paar hat Schwierigkeiten, ohne ärztliche Hilfestellung schwanger zu werden, und in über 50 Prozent der Fälle liegt die Ursache beim Mann“, erzählt Benedikt Schwan. Er hat diese Fakten für sein 250 Seiten langes Buch ausführlich recherchiert, weil er sich mit seinem Makel nicht einfach abfinden konnte, wie er selbst sagt, und weil er anderen betroffenen Männern eine Stimme geben möchte, die aus Scham und Schuldgefühlen schweigen. Dass der Gehalt an Samenzellen im Ejakulat von Männern in westlichen Ländern seit Jahrzehnten abnimmt, ist in der Medizin zwar bekannt, aber werde wenig öffentlich thematisiert. Nun haben israelische Forscher anhand von rund 200 Studien der letzten 40 Jahre sogar herausgefunden, dass die Spermienkonzentration in den letzten 38 Jahren des Untersuchungszeitraums um 1,4 Prozent sank, weiß der Autor.

Er begab sich für sein Projekt auf eine abenteuerliche Recherche, die am Ende zu einer sehr persönlichen schmerzvollen Entscheidung führte. Benedikt Schwan traf Wissenschaftler in Deutschland, Israel und den USA, um herauszufinden, ob er irgendeine Möglichkeit hat, doch noch Vater zu werden. Doch die einzige Option wäre ein operativer Eingriff an seinem Hoden, um herauszufinden, ob dort vielleicht noch Samenzellen vorhanden sind. Falls nicht, wäre alles umsonst gewesen. Hinzu kommt, dass auch seiner Frau eine Eizelle operativ entnommen werden müsste, um hinterher eine Befruchtung im Reagenzglas vorzunehmen. „Aufgrund unseres fortschreitenden Alters – meine Frau ist ebenfalls Anfang 40 – ist die Chance sehr gering, auf diese Weise ein Baby zu bekommen“, erfuhr der Journalist.

Benedikt Schwan und seine Frau E., ihren vollen Namen nennt er in seinem Buch aus Rücksichtnahme nicht, haben sich sehr spät für ein Kind entschieden und sind selbst überrascht worden, dass das Schicksal ihre Pläne im Endspurt dann einfach durchkreuzte. Sie hatten sich bereits 2003 auf einer Studentenparty in Berlin kennengelernt und heirateten drei Jahre danach. Ihre Familienplanung aber schoben sie sehr lange vor sich her. Zu lange.

„Mit meiner Erfahrung würde ich jungen Menschen raten, sich eher damit auseinanderzusetzen“, sagt Benedikt Schwan. Wir würden das Thema oft vertagen, weil wir Angst vor der Verantwortung hätten, dabei könnten wir alle ein Kind großziehen. Benedikt Schwan und seine Frau E. können es nun nicht mehr. Es sei denn, sie entscheiden sich doch noch für die aufwendige Operation oder eine andere Möglichkeit. Eine fremde Samenspende komme aber nicht infrage, „da unser Kind nicht nur von einem Partner sein soll“. Sie hätten sich aber auch schon überlegt, sich als Pflegeeltern ausbilden zu lassen, dann seien sie eben beide keine biologischen Eltern.

Benedikt Schwan hat sich mit Anfang 40 plötzlich ein Kind gewünscht, aber er ist trotzdem niemand, der die Elternrolle idealisiert. Er wisse durchaus um die Sorgen, die auf den Eltern lasteten, wenn ihr Kind plötzlich krank werde und mit hohem Fieber im Bett liege. Er kritisiert auch die deutsche Familienpolitik, die es Paaren nicht einfacher mache, sich für Kinder zu entscheiden. Es könne nicht sein, dass man heutzutage von einem Gehalt keine Wohnung mehr finanzieren könne.

Sicherlich gibt es schwerwiegendere Schicksale als ein unerfüllter Kinderwunsch. Trotzdem ist es ein Makel, der nicht einfach so wieder verschwindet. Er nagt auch an Benedikt Schwan. Er vermutet sogar, mehr an ihm als an seiner Partnerin, die ihm mit außergewöhnlich viel Verständnis und Liebe begegne und ihm immer wieder zu verstehen gebe, wie reich ihr gemeinsames Leben auch ohne Kinder sei. Und trotz allem verspürt er tief in seinem Inneren einen Verlust, den er betrauert. Mal mehr, mal weniger. Gerade wieder mehr. Seine jüngste Schwester habe ihm anvertraut, dass sie ein Baby erwarte.  Das habe bei aller Freude „auch ein wenig geschmerzt“. Weil es Benedikt Schwan wieder an seinen Makel erinnert hat. Er sagt: „Dass ich diese Erfahrung nie selbst erleben werde, ist es, was mich so fertig macht.“ Es sei ein ähnliches Gefühl, das man bekomme, wenn ein nahestehender Mensch gestorben sei. Das Gefühl eines Abschieds.