Ein Arzt impft im Impfzentrum des Landkreises Stendal einen Mann gegen Corona. Dorthin sind auch Berliner gereist, um sich die Spritze gegen das Virus zu holen.  Foto: dpa

Das Serum gegen Corona ist in der Hauptstadt knapp. Und so manche der impfberechtigten Berliner wollen offenbar daher nicht  darauf warten, erst im März in einem der vier Zentren der Stadt einen Termin zu bekommen. So machen sich einige von ihnen auf die über zwei Stunden lange Reise mit der Bahn oder dem Auto ins ferne Sachsen-Anhalt, um dort die Spritze gegen das Coronavirus zu erhalten. Auch Brandenburger aus den Grenzregionen zu diesem Bundesland nutzen die Möglichkeit.

Stendal liegt etwa 130 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt. In der Kreisstadt spricht man schon von einem kleinen Impftourismus, der dort vor zwei Wochen ausgebrochen sei, als nahe einer Hochschule ein Impfzentrum eröffnet wurde. In den Räumen werden  montags bis freitags  etwa 36 über 80-Jährige gegen Corona geimpft. Doch nicht alle kommen aus der Region.

„Etwa 30 Prozent der Menschen reisen mit oder ohne Begleitung aus benachbarten Landeskreisen, aber auch aus anderen Bundesländern wie Niedersachsen, Brandenburg und Berlin an, die sich bei uns einen regulären Termin besorgt haben“, sagt Angela Vogel, Sprecherin der Landkreisverwaltung. „Fünf Berliner und 36 Brandenburger waren bis vergangenen Freitag darunter.“ Schließlich sei ja Stendal von Berlin und von Brandenburg aus gut mit dem Zug und dem Auto schnell erreichbar. Beim Impfen wurden bis auf die Herkunft keine Ausnahmen gemacht: Nur wer der jetzigen ersten Prioritätsstufe angehörte, also die Überachtzigjährigen, hätten einen Termin und damit auch den Biontech-Impfstoff erhalten.

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Auch in anderen Impfzentren in Sachsen-Anhalt bekommen Zugereiste die Spritze verabreicht. So in der Lutherstadt Wittenberg, wo ebenfalls seit 14 Tagen ein Impfzentrum im Einsatz ist. Bisher 950 Dosen des Biontech-Serums stehen dort wöchentlich zur Verfügung. Etwa 50 Dosen werden in dem Zentrum täglich verimpft – also ungefähr 250 innerhalb einer Woche, so Ronald Gauert, Sprecher der Landkreisverwaltung Wittenberg. Es ist offenbar genug Impfstoff vorhanden. Daher sei es scheinbar auch kein Problem, wenn Impfwillige aus anderen, ferneren Regionen kämen. „Unter ihnen waren auch drei Berliner und zwei Brandenburger“, sagt Gauert.

Terminvergabe über KV-Hotline

Dass Brandenburger einen Termin in Sachsen-Anhalt bekämen, sei nicht ungewöhnlich. Sie können sich wie die Sachsen-Anhaltiner, wenn sie der ersten Prioritätsstufe angehören, über die Telefonnummer 116 117  der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) einen Impftermin geben lassen. Dabei können sie sich im Umkreis von 150 Kilometern ein Impfzentrum aussuchen – egal, ob es in ihrem Bundesland oder in einem benachbarten liegt, heißt es.

In dem 150-Kilometer-Umkreis von Stendal und der Lutherstadt Wittenberg liegt auch die Hauptstadt. Doch für Berliner gelten andere Regeln bei der Terminvergabe. Laut Senatsgesundheitsverwaltung darf nur derjenige eine Buchung vornehmen, der eine Impfeinladung zugeschickt bekommen hat. Per Internet online oder über eine spezielle Rufnummer dürfen auch nur Termine in einem Berliner Impfzentrum gemacht werden. Mit dieser Regelung will man unter anderem eine genaue Übersicht erhalten, wie viele Berliner geimpft wurden. Das ist unter anderem für die Planung der Impfstoff-Lieferung wichtig.

Daher erhalten Berliner, wenn sie die KV-Nummer 116 117 anrufen, in der Regel auch eine Absage, sollten sie einen Impftermin in einem anderen Bundesland haben wollen. Dennoch wurden Hauptstädter nachweislich in Sachsen-Anhalt geimpft. Die für die Impfzentren zuständigen Landkreisverwaltungen erklären, dass sie für die Terminvergabe nicht verantwortlich sind und  verweisen auf die KV. Beim Bundesverband der KV könne man sich allerdings auch keinen Reim darauf machen, wie es zu den Terminvergaben für Berliner in Sachsen-Anhalt gekommen sei. „Praktisch ist es unmöglich, doch irgendwie muss es doch geklappt haben“, so ein Sprecher.

Bei Testanrufen räumen Mitarbeiter der Callcenter ein, dass es schon Tricks gebe, dass auch Berliner in anderen Bundesländern einen Termin bekämen. Etwa unter Angabe einer falschen Adresse. „Zwar würde man im Impfzentrum den Ausweis zur Kontrolle vorlegen“, sagt ein Mitarbeiter. „Aber am Ende schickt man denjenigen auch nicht weg.“

Das Impfzentrum des Landkreises Stendal.  Foto:  dpa

Über den sich anbahnenden Impftourismus zeigt sich die Landesregierung Sachsen-Anhalt nicht so erfreut. „Ob und wie viele Berliner und Brandenburger sich einen Termin in Sachsen-Anhalt gebucht haben, dazu liegen uns keine Angaben vor“, sagt Romy Richter, Sprecherin des zuständigen Landessozialministeriums. „Vorranging sollte aber ein Termin im nächstgelegenen Impfzentrum gebucht werden. Der Impfstoff ist hier in Sachsen-Anhalt wie in anderen Bundesländern noch zu knapp, um ausreichend Termine anzubieten.“

In Sachsen-Anhalt wurden bisher insgesamt 70.705 Menschen geimpft. Das entspricht einer Impfquote von 2,3 Prozent. In Berlin wurden bislang 130.266 Menschen gegen Corona geimpft. Das entspricht einer Quote von 2,7 Prozent.