Andrea Martin (42) kam mit ihrem Sohn Johann (4) zur Protest-Aktion vor dem Roten Rathaus. Foto: Sabine Gudath

Berlin steckt mitten im Lockdown, dessen Ende ungewiss scheint, in den kommenden Tagen treten neue Schutzmaßnahmen in Kraft – doch auch dieses Wochenende ließen es sich einige Menschen nicht nehmen, auf die Straße zu gehen. Corona-Leugner waren es dieses Mal allerdings nicht. Stattdessen wurde in Mitte für mehr Impfstoff und die Rechte der Kinder demonstriert.

Die Demo ist klein – doch sie zeigt: Auch wenige Menschen können ziemlich verärgert sein. Rund 50 Mamas und Papas sind es, die sich am Sonnabend vor dem Roten Rathaus treffen. Alle sind sie ausgestattet mit Masken und Schildern. „Alle Kinder haben ein Recht auf Kita“, „Kinder sind systemrelevant“, „Kinder brauchen Kinder“. Wie schon beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 sind auch jetzt die Kitas und Schulen geschlossen, seit Wochen schon. Die Eltern, die sich hier versammelt haben, wollen das nicht mehr hinnehmen.  

Nicht viele, aber sie sind sehr sauer: Rund 50 Eltern und ihre Kinder protestierten vor dem Roten Rathaus. Foto: Sabine Gudath

Und auch die Kinder nicht: Ein kleiner Junge hält ein Plakat hoch: „Ich will mit meinen Freunden spielen.“ Der Steppke heißt Johann, ist gerade vier Jahre alt – und Andrea Martin (42) ist seine Mama. „Er ist seit Beginn des zweiten Lockdowns nicht mehr in der Kita gewesen, weil die Einrichtung geschlossen ist“, sagt sie dem KURIER. „Und ich sehe, dass meinem Sohn das nicht gut tut.“ Inzwischen werde es immer schwerer, ihn nach draußen zu bewegen, so sehr vermisse er seine Freunde. „Ich bin heute hier, weil ich mir wünsche, dass die Not der Kinder nicht immer als privates Problem auf die Schultern der Eltern verfrachtet wird“, sagt sie.

Dr. Franziska Briest (38) kritisiert, bei Schulen und Kitas gehe die Politik in der Pandemie den Weg des geringsten Widerstandes. Foto: Sabine Gudath

Initiiert wurde die Protestaktion vor der Tür des Regierenden von der Initiative „Familien in der Krise“. Sprecher Milan Renner (33) ist Vater von zwei Söhnen – und weiß, was die Schließungen von Kitas und Schulen für sie bedeuten. „Vor allem für den älteren ist es schwierig. Er ist gereizter und allgemein schlecht drauf.“ Der Infektionsschutz habe oberste Priorität. „Aber trotzdem muss es möglich sein, eine Betreuung zu realisieren für alle, die es brauchen.“ Franziska Briest (38) kritisiert, dass im Bereich Bildung der Weg des geringsten Widerstandes gegangen wird. „Anderswo werden Maßnahmen erdacht, aber bei den Schulen macht man einfach zu.“ Auch ihr Sohn (10) ziehe sich immer mehr zurück. „Und auch meine Tochter vermisst ihre Freunde. Sie ist zwar in der Notbetreuung, aber viele der anderen Kinder eben leider nicht.“

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Der Protest-Auflauf der wütenden Eltern blieb am Sonnabend nicht die einzige Demo am Sonnabend. Schon am Vormittag hatten sich rund 50 Menschen nahe Potsdamer Platz versammelt – vor der Niederlassung der Pharma-Firma Pfizer. Die vor allem jungen Menschen fordern die Freigabe der Corona-Impfstoffpatente und Impfstoff für alle. Teilnehmer Jonas Baliani (37) erklärt: „In der Gesundheitsbewegung ist es schon lange ein Thema, die Patente auf medizinisch wichtige Präparate freizugeben.“ Deutschland und die EU würden sich sperren, um die Profite der Pharmakonzerne zu sichern. Dagegen wolle man etwas tun. 

Auf einer Demo vor dem Pfizer-Quartier in der Linkestraße fordert die Interventionistische Linke die Freigabe der Patente für den Corona-Impfstoff. Foto: Sabine Gudath

Trotz Ekel-Wetters fällt die Bilanz positiv aus. „Wir hätten mit weniger Teilnehmern gerechnet und sind deshalb sehr zufrieden“, sagt Balinani. Zeitgleich hätten ähnliche Aktionen in anderen Städten stattgefunden, die größte in Mainz – hier hat das Pharmaunternehmen Biontech seinen Sitz. Der Zeitpunkt für die Berliner Aktion schien allerdings ungünstig: Bei Pfizer bleiben die Türen zu, schließlich ist Sonnabend. „Wir wollen aber auch nicht die Mitarbeiter erreichen, sondern Druck ausüben auf die Bundesregierung“, sagt Baliani.