Stets imengen KontaktzumBürger: Polizistenüberprüfen einen Rocker. Foto: Berliner Kurier/Eric Richard

Alle zehn Tage verdoppeln sich in Berlin die Zahlen der Corona-Infizierten. Fast 3700 Infektionen wurden gestern in Berlin gezählt. Anders verläuft dagegen die Entwicklung bei der Polizei. Die Behörde zählt erstaunlich wenige Infektionen. Weil sie ihre Beamten nicht ausreichend testet.

Einsatzort Hermannplatz, Neukölln: Polizisten nehmen am Montag die Personalien eines Autofahrers auf, der in der Busspur parkt. Einsatzort Schlesischer Busch, Treptow: Ein Polizist hält einen mutmaßlichen Drogendealer fest, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt sind. Einsatzort: Unter den Linden, Mitte: Polizisten stehen dicht vor einer Frau, die ein Plakat hält und verbotenerweise demonstriert. In keinem dieser Fälle trägt auch nur ein Polizist Mundschutz.

Fast sieht es so aus, als hielte sich die Sorge der Polizisten, sich mit dem Coronavirus anzustecken, in Grenzen. Und als hätten die Polizisten auch kein Problem damit, selbst Viren zu verbreiten – als „Superspreader“ gewissermaßen.

Polizisten ohne Mundschutz: Warum?

Von Tag zu Tag erhöht sich die Zahl der Infizierten in Berlin. Alle zehn Tage verdoppeln sich die Fallzahlen.  Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung wurden am Montag in Berlin  3687 Coronavirus-Infektionen nachgewiesen. 26 Menschen sind an dem Virus verstorben.

Ganz anders verläuft dagegen die Entwicklung bei der Berliner Polizei. Am Freitag zählte sie 32 mit dem Coronavirus infizierte Mitarbeiter. So viele waren es auch zwei Tage zuvor. Auch bis dahin war die Kurve der Infizierten nur leicht gestiegen. An diesem Montag waren es dann 37 infizierte Polizisten. Die Zahl der Mitarbeiter, die in amtsärztliche Quarantäne mussten, sinkt seit zwei Wochen tendenziell sogar. Am Freitag waren es 52. Noch am 19. März waren es 120.

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Diese flachen Kurven entsprechen so gar nicht dem Trend der Gesamtbevölkerung. Dafür drängen sich zwei Erklärungen auf: Entweder sind Polizisten weniger anfällig für das Virus. Oder aber: „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Kollegen das Virus schon unbemerkt in sich tragen“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Tatsächlich gibt es eine Dunkelziffer nicht diagnostizierter Corona-Fälle, bei der sich die Medizinier nicht einig sind. Vor allem jüngere Menschen haben nur schwache oder gar keine Symptome – zum Beispiel Polizisten, die auch in Corona-Zeiten Kriminelle festnehmen oder uneinsichtige Demonstranten belehren müssen.

Gleichwohl können sie Überträger der Viren sein. Auf die Frage, warum kaum Polizisten mit angelegtem Mundschutz zu sehen sind, sagt Polizeisprecher Thilo Cablitz: „Die Einsatzkräfte sind grundsätzlich angehalten, den empfohlenen Sicherheitsabstand einzuhalten. Wenn sich eine Situation ergibt, die es notwendig macht, die Maske anzulegen, werden die Einsatzkräfte dies auch eigenverantwortlich tun.“ In der Praxis finden das viele Beamte lästig. Oft sei es gar nicht praktikabel, sagt ein Beamter aus der für den Osten der Stadt zuständigen Direktion 6. „Wenn ich hinter einem Einbrecher herrenne, habe ich keine Zeit, mit erst noch den Mundschutz umzubinden.“

Eine Polizistin ohne Handschuhe überprüft am Hermannplatz in Berlin-Neukölln den Führerschein eines Falschparkers. Foto: Berliner Kurier/Eric Richard

Jeder Polizist verfügt über einen sogenannten Mund-Nasen-Schutz (MNS). Eine solche chirurgische Maske verhindert nicht, dass sich ein Mensch infiziert. Aber sie schützt dessen Gegenüber vor infektiösen Tröpfchen desjenigen, der den Mundschutz trägt.

„Das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes könnte man anordnen“, sagt Benjamin Jendro. „Doch wenn es Pflicht wird, kriegen wir ein Problem, weil wir nicht genügend Masken haben, um alle über Wochen so zu schützen, wie es in absehbarer Zeit notwendig werden könnte.“

Die Behördenleitung begann ab 2015 an die Polizisten persönliche Schutzausrüstung zu verteilen, neben MNS auch Schutzbrillen und Handschuhe. Allerdings bekommt die GdP nach eigener Aussage jeden Tag Rückmeldungen ihrer Mitglieder, deren Schutzausstattung abgelaufen sei. „Wir haben keine validen Zahlen, wie die Polizei tatsächlich mit Schutzmasken, Handschuhen und so weiter versorgt ist. Klar ist aber: Wir haben schon jetzt nicht genug.“

Corona-Teststrecke beim Ärztlichen Dienst

Am Wochenende transportierte die Bundeswehr zwei Millionen Mund- und Nasenmasken vom Flughafen Frankfurt/Main in die Hauptstadt. Eine weitere Lieferung wurde vom Flughafen Leipzig nach Berlin gebracht. Am Montag begann nach Angaben der Senatskanzlei die Verteilung an Krankenhäuser, Pflegeheime, Polizei und weitere Einrichtungen. Ob und wie viele Masken davon an die Polizei gingen, konnte die Verwaltung am Montag nicht sagen.

Wie viele Polizisten das Virus tatsächlich in sich tragen, und wie viele Beamte eine „Virenschleuder“ sind, wird sich in nächster Zeit nicht klären. Die Polizei führt keine groß angelegten Corona-Tests durch. Dafür würden die Kapazitäten nicht ausreichen, und es würde häufig auch aus medizinischer Sicht keinen Sinn haben.

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Es gibt jedoch eine Corona-Teststrecke beim Ärztlichen Dienst an der Radelandstraße in Spandau. Dort können drei Mitarbeiter bis zu 40 Tests pro Tag erledigen. Mehr geht nicht, denn die Laborkapazitäten sind begrenzt. Die Tests erfolgen nach Reihenfolge des Eingangs. Allerdings werden systemrelevante Spezialisten, wie etwa Bombenentschärfer, bevorzugt. Nach Angaben von Polizeipräsidentin Barbara Slowik werden nur Polizisten getestet, die auch Symptome zeigen. Kollegen ohne Symptome zu testen, sei nicht sinnvoll. Dann seien falsche Ergebnisse möglich, mit denen man sich in trügerischer Sicherheit wiege.

Mitarbeit: Eri