Die neue Reisewarnung für Mallorca führt zu leeren Straßen. Foto: Privat

Hans-Joachim Stiebenz (72) und seine Ehefrau Dagmar (70) sind sehr betroffen über die Reisewarnung  für Mallorca. Der KURIER begleitete das Berliner Ehepaar aus Spandau, das vor acht Jahren nach Cala Millor auswanderte, während der Coronazeit. Jetzt meldeten sie sich erneut, weil sie um die Zukunft der beliebten Urlaubsinsel fürchten.

„Wir ärgern uns über die Entscheidung aus der Politik, da wir sehen, wie die Wirtschaft und der Tourismus hier vor Ort zugrunde geht“, sagt Stiebenz. Er könne nicht verstehen, dass die Reisewarnung überhaupt für die ganze Insel ausgesprochen worden sei, da die Sicherheitsvorkehrungen sehr hoch seien. „Wir müssen sogar auf der Straße eine Maske tragen und die Hygienekonzepte in den Hotels sind hervorragend“, so der Rentner. Seiner Meinung nach sei die Infektionsgefahr auf Mallorca derzeit geringer als in Deutschland. „Wenn ich sehe, was in den Strandbädern und an den Nord- und Ostseestränden los ist und von den nächtlichen Saufgelagen in den Großstädten und unerlaubten Zusammenkünften erfahre, kann ich nur mit dem Kopf schütteln und frage mich, warum solch eine fatale Entscheidung getroffen wurde.“

Seiner Meinung nach hätte man die Corona-Tests nach der Rückkehr nach Deutschland auch einfach anordnen können, ohne gleich eine Reisewarnung auszusprechen. „Nachdem die großen Reiseveranstalter ihre Reisen storniert haben, müssen viele Hotels zum Wochenende schließen, dabei hatten sie erst Anfang Juli zum ersten Mal in dieser Saison wieder aufgemacht.“ Für die Beschäftigten in der Hotellerie und Gastronomie und auch die Busunternehmer und kleinen Händler sei das eine Katastrophe. 

Hans-Joachim und Dagmar Stiebenz sitzen abends gern in ihrer Stammkneipe, in der sie auch Speisen beziehen können. „Wenn wir jetzt die vielen leeren Tische und Stühle sehen, könnten wir das Heulen bekommen. Die Reisewarnung ist der Todesstoß, weil hier gerade ganze Existenzen vernichtet werden“, sagt Stiebenz wütend. Viele Touristen seien mit der Bekanntgabe der Reisewarnung schlagartig abgereist und nun kämen nur noch vereinzelt Reisende auf die Insel, die privat unterkommen.

Hans-Joachim und Dagmar Stiebenz auf Mallorca ärgern sich über die Reisewarnung.  Foto: Privat

„Zu einem Riesenproblem wird, dass das spanische Sozialsystem längst nicht so gut ausgebaut ist wie das deutsche. Es ist tragisch, weil viele Selbständige aufgrund der fehlenden Einnahmen schon jetzt nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen, geschweige denn ihre Familien ernähren sollen“, weiß der gebürtige Berliner, der einst als Polizist im öffentlichen Dienst arbeitete und dann freiwillig ausstieg, um sich als Gastronom selbständig zu machen. 

Während die Stiebenz gerade bei 35 Grad und Sonnenschein im Schatten auf ihrer Terrasse in Cala Millor ihren Lebensabend genießen, kämpfen nur ein paar Meter weit entfernt die Restaurant- und Cafébetreiber verzweifelt um jeden einzelnen Gast. Eigentlich sollte ihr Enkel Nino (19) aus Berlin in der kommenden Woche zu Besuch kommen, doch wegen der angeordneten Quarantäne bei seiner Rückkehr bis zum Testergebnis erwäge er, die Flüge zu stornieren. „Darüber sind wir auch sehr traurig, aber wir wollen nicht, dass unser Enkel, nur weil er seine Großeltern besucht, hinterher Ärger mit seinem Chef bekommt, wenn er länger bei der Arbeit fehlt, weil vielleicht das Testergebnis so spät kommt“, so Stiebenz. Die Reisewarnung mache es auch erneut schwieriger, Familien zusammenzuführen.  Dabei seien sie über die positive Entwicklung nach dem Lockdown wieder so frohen Mutes gewesen. Er drückt Ehefrau Dagmars Hand und sagt: „Ich hoffe, dass diese schwere Zeit bald vorbei ist.“